Russland Neue Scharmützel im Wodka-Krieg

Das Geschäft mit Wodka ist viel zu lukrativ, um es Privatleuten zu überlassen, scheint sich Russlands Regierung zu denken. Nun hat das Agrarministerium 43 Wodka-Marken zwangsverstaatlicht. Meist werden die Schlachten um den Schnaps mit noch unfeineren Methoden geschlagen.

Moskau - Im Streit um das kristallklare Wässerchen ist in Russland wieder die Zeit für militärisches Vokabular gekommen: Von Handstreich und Offensive sprechen die Kontrahenten. Die russischen Zeitungen schreiben schon seit Jahren über den "Wodka-Krieg". Gekämpft wird um einen Markt, der trotz - oder wegen - der wirtschaftlichen Misere des Landes weiter wächst.

Der Durchschnittsrusse konsumiert pro Jahr 15 Liter reinen Alkohol - Weltspitze. In den ersten neun Monaten dieses Jahres legte der Alkoholkonsum noch einmal um fünf Prozent zu. Der Konsum von Schnaps aus illegalen Brennereien ist natürlich nicht eingerechnet.

Hochgeistiges Eigentum enteignet

Kein Wunder also, dass Staatspräsident Wladimir Putin seit dem Frühjahr 2000 offiziell das Ziel verfolgt, die Alkoholindustrie wieder zu verstaatlichen. So soll das Staatsunternehmen Rosspirtprom künftig als Monopolist den Wodka-Markt regieren, 180 Fabriken betreiben und eine Jahresumsatz von rund drei Milliarden Mark erzielen. Bei Kristall, dem größten Wodka-Brenner des Landes, hat die staatliche Firma schon im letzten Jahr eine Mehrheit übernommen.

Jetzt hat Moskau einen neuen Feldzug gestartet: Das Patentamt Rospatent hat die Rechte an 43 Wodka-Markennamen dem Agrarministerium übertragen. Darunter sind unter anderem Moskovskaya und Stolichnaya, die auch im Westen bekannt sind. Bisher gehören die Rechte der privaten Firma Soyuzplodimport.

Verwirrende Geschichte einer Brennerei

Westliche Beobachter urteilen, es sei das erste Mal in Russlands Geschichte, dass geistiges Eigentum enteignet werde. Auch der Chef des Patentamtes spricht von einer "beispiellosen Entscheidung". Und Andrei Skurikhin, Chef von Soyuzplodimport, hat bereits eine Klage bei einem Moskauer Gericht eingereicht und angekündigt, zur Not durch sämtliche Instanzen zu gehen. Der Anwalt der Firma warnt schon, Russlands Image als liberaler Wirtschaftsstandort sei bedroht.

Der Lizenzenhändler Soyuzplodimport hat eine verwirrende Geschichte hinter sich, die typisch für den jungen russischen Kapitalismus ist. Eines der Vorgängerunternehmen ist die "All-Union Foreign Trade Association Soyuzplodoimport", die bis 1992 die Exportrechte an den Wodka-Marken hielt.

In der Ära Jelzin wurde das Staatsunternehmen privatisiert und schlicht in Soyuzplodoimport umbenannt. Brennereien, die ihre Produkte unter einem der zugkräftigen Markennamen verkaufen wollten, mussten künftig bei Soyuzplodoimport eine Lizenz beantragen. Eine Zeit lang spekulierten Moskauer Boulevardblättern, dass Boris Berezowsky, der mysteriöse Tycoon und Jelzin-Freund, die Mehrheit an Soyuzplodimport hielt.

Razzia in der Brennerei-Zentrale

Im Jahr 1997 dann machte das privatisierte Unternehmen bankrott. Die Nachfolgefirma nannte sich Soyuzplodimport - der alte Name, nur minus ein O. Die Rechte an den 43 Wodka-Marken wechselten für 300.000 Dollar von einer Firma zur anderen.

Diese Transaktion sei nicht zulässig gewesen, begründet nun das Patentamt die jüngste Rechte-Verstaatlichung. Allein die Rechte an den prominenten Marken Stolichnaya und Moskovskaya seien rund 400 Millionen Dollar wert. Das Gerichtsverfahren, das klärt, welcher der Kontrahenten Recht hat, werde sich über viele Monate hinziehen, schätzt Alexander Shelemkh, Vizepräsident der russischen Koalition für Urheberrechte.

Wodka-Manager leben gefährlich

Der Wodka-Vermarkter Soyozplodimport ist freilich nicht zum ersten Mal in die Schlagzeilen russischer Medien geraten. Schon in der ersten Hälfte des Jahrs 2000 drangen mehrfach Spezialkommandos der staatlichen Fahndungsbehörde für Wirtschaftskriminalität bei Razzien in die Unternehmenszentrale vor - ebenfalls wegen des Streits um die Markenrechte.

Auch die Kollegen bei der Brennerei Kristall, die zu 49 Prozent Soyuzplodimport gehört, haben sich an den Aufmarsch bewaffneter Polizeikommandos fast gewöhnt. Im Oktober 2000 vertrieb die Polizei den früheren Kristall-Manager Wladimir Svirskij aus der Geschäftszentrale des Unternehmens und setzte mit Unterstützung der Moskauer Stadtverwaltung Alexander Romanow als Nachfolger ein.

Begründung: Svirskij soll das Unternehmen an den Rand des Ruins getrieben haben. Um seinen Anspruch auf die Führung zu festigen, hatte Romanow schon zwei Monate vorher mit privaten Sicherheitsleuten die Produktionsanlagen der Brennerei besetzt. Aber bereits im November 2000 wurde Romanow selbst geschasst.

Smirnoff-Chef im Büro belagert

Und auch bei Smirnoff, der im Ausland bekanntesten Wodka-Marke Russlands, sind Streitigkeiten um die Führung schon einmal gewaltsam eskaliert. Im November 2000 hatten maskierte Polizeieinheiten das Gebäude gestürmt und tagelang besetzt, um den bisherigen Top-Manager Boris Smirnoff zu vertreiben. Zwei verfeindete Gruppen von Anteilseignern hatten sich nicht zuvor nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten für den Chefposten einigen können.

Nach Beginn der "feindlichen" Belagerung verschanzte sich Smirnoff noch mehrere Tage lang in einem Büro. In einem Telefon-Interview sagte er damals: "Wenn ich hier herausgehe, wird man mich nicht wieder reinlassen. Niemals."

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