Kremlkritischer Oligarch beklagt Enteignung »Es war wie eine Geiselnahme«

Der Milliardär Oleg Tinkow nannte Russlands Angriffskrieg »irrsinnig« – und verkaufte seine Anteile an der von ihm gegründeten Bank. Nicht freiwillig, sagt der Oligarch nun.
Milliardär Tinkow in Sankt Petersburg (im Juni 2019): »Für Kopeken verkauft«

Milliardär Tinkow in Sankt Petersburg (im Juni 2019): »Für Kopeken verkauft«

Foto: Maxim Shemetov / REUTERS

Weil er den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine verurteilt hat, wurde der russische Milliardär Oleg Tinkow anscheinend gezwungen, seine Bank zu verkaufen – für einen Bruchteil ihres Wertes. Das sagte der Oligarch im Gespräch mit der »New York Times«. »Ich konnte nicht über den Preis diskutieren. Es war wie eine Geiselnahme – du nimmst, was dir angeboten wird«, beschrieb er den Verkauf. Das Interview sorgte in den russischen Medien für Schlagzeilen.

Tinkow hatte im April den Krieg in einem Instagram-Post kritisiert. Er forderte in einer Botschaft ein Ende des »irrsinniges Krieges« und behauptete, dass 90 Prozent der Russen gegen den Krieg seien. Die Misserfolge der russischen Armee führte er auf Korruption zurück, da das ganze Land »in Vetternwirtschaft, Speichelleckerei und Unterwürfigkeit« gefangen sei. Zwei Tage später hatte die Tinkoff Bank eine Umbenennung angekündigt. Wenig später wurde auch der Aktienverkauf publik.

Seitdem, so der seit einigen Jahren im Ausland wohnende Milliardär, lebe er in ständiger Bedrohung. Er habe sich Leibwächter zugelegt, weil ihm Freunde mit Verbindungen zum russischen Geheimdienst erzählt hätten, dass der Kreml ihn töten wolle. Laut Tinkow hatte zudem die Kremlverwaltung dem Management der von ihm gegründeten Tinkoff Bank mit Verstaatlichung gedroht, wenn das Geldhaus nicht die Verbindungen zu ihm kappt.

Er sei daraufhin gezwungen worden, seinen Anteil von 35 Prozent »für Kopeken« zu verkaufen. Der Käufer – Milliardär Wladimir Potanin – habe ihm nur drei Prozent des realen Wertes bezahlt, sagte Tinkow der »New York Times«. Die Tinkoff Bank bestritt die Darstellung ihres Gründers. Es habe keine Drohungen gegeben, teilte Russlands zweitgrößte Privatbank mit. Tinkow ist einer der russischen Oligarchen, die vom Westen mit Sanktionen belegt wurden.

jlk/dpa
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