Exodus der Gastarbeiter "Wir können uns Russland einfach nicht mehr leisten"

Millionen Billiglöhner aus Zentralasien schuften in Russland, wegen der Rubelkrise kehren die meisten jedoch in ihre Heimat zurück. Die Folgen sind verheerend: Die Gastarbeiter stehen vor dem Nichts.

Arbeitsmigranten in Moskau: Das Klima ist rauer geworden
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Arbeitsmigranten in Moskau: Das Klima ist rauer geworden

Von , Moskau


Die Schlange vor der tadschikischen Botschaft in Moskau reicht bis zur nächsten Straßenecke. Dutzende Männer stehen in der Kälte, streng beäugt von russischen Polizisten. Sie frieren, schimpfen auf Tadschikisch, und warten auf einen Termin in der Konsularabteilung. Die meisten wollen nur eines: schleunigst zurück nach Tadschikistan.

Der Absturz des Rubels macht nicht nur Russen zu schaffen, sondern auch Millionen Arbeitsmigranten in Russland. Die Russen bezeichnen sie mit dem deutschen Wort "Gastarbeiter". Sie sind seit Jahren allgegenwärtig in Russlands Städten, als Straßenkehrer und Hauswarte, als Kellner und Verkäufer. Mehr als zehn Millionen von ihnen haben noch im vergangenen Jahr ihr Geld in Russland verdient, die meisten kommen aus Usbekistan (2,6 Millionen), der Ukraine (1,6 Millionen) und Tadschikistan (1,2 bis 1,5 Millionen). Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, niemand kennt die genaue Zahl der Gastarbeiter, die illegal in Russland arbeiten.

Einst waren selbst die russischen Dumpinglöhne für Unqualifizierte dreimal so hoch wie ein Monatsgehalt in Tadschikistan. Doch seit der tadschikische Som gegenüber dem Rubel 35 Prozent zugelegt hat, ist Russland für viele unattraktiv geworden. Im Januar sind 70 Prozent weniger Gastarbeiter eingewandert als im selben Monat des Vorjahres, meldet die russische Einwanderungsbehörde.

Die Rubelkrise ist dafür der wichtigste Grund, aber nicht der einzige. Das Klima ist rauer geworden in den vergangenen Jahren, vor allem für Gastarbeiter aus dem Süden. Nationalistische Bürgerwehren machen in Moskau Jagd auf illegale Einwanderer. Medien und Politiker machen oft Gastarbeiter verantwortlich für Kriminaldelikte.

"Die Russen wollen, dass wir wie Sklaven umsonst arbeiten"

Seit Jahresbeginn müssen Gastarbeiter einen kostenpflichtigen Russisch-Test absolvieren, er kostet 10.000 Rubel, umgerechnet 130 Euro. Neu ist auch die Arbeitserlaubnis, für die jeder 5000 Rubel an den Staat entrichten muss. Für viele Geringqualifizierte ist das ein Drittel des Gehalts. "Die Russen wollen, dass wir wie Sklaven umsonst arbeiten", schimpft Alischer, ein drahtiger Mann Mitte 20. Er steht seit Stunden vor der Botschaft in Moskau.

Er hat in der Region Moskau auf dem Bau gearbeitet. Sein Lohn hat - umgerechnet in Dollar - binnen wenigen Monaten die Hälfte des Wertes verloren. Er hat seit Monaten kein Geld mehr an seine Angehörigen in Tadschikistan überweisen können. Er schäme sich, sagt er, "weil ich in Tadschikistan meiner Familie auf der Tasche liegen werde."

Die Heimatländer stellt die Rückkehr der Gastarbeiter vor ein doppeltes Problem. Erstens fällt ihre wichtigste Einnahmequelle weg. In Tadschikistan machten die Auslandsüberweisungen im Jahr 2013 laut Weltbank 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, im benachbarten Kirgistan 32 Prozent. Zweitens gibt es für die Rückkehrer - meist junge Männer - keine Jobs.

Ebenfalls betroffen sind Länder wie Usbekistan, Armenien oder Moldau. Dort belaufen sich die Überweisungen der Gastarbeiter immerhin auf rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung. Über alle Zielländer verteilt dürften sich die Zahlungsausfälle auf mehrere Milliarden Dollar belaufen.

Arzimjon, ein bärtiger Mann Anfang 40, ist zur tadschikischen Botschaft gekommen, um sich offiziell abzumelden. Er wird mit seiner Familie per Bahn drei Tage lang nach Tadschikistan reisen. Seine Kinder kennen das Land nur aus Erzählungen. Die Familie hat 15 Jahre in Russland gelebt. "Mit unseren Löhnen können wir uns Russland einfach nicht mehr leisten", sagt Arzimjon. Als Hauswart hat er 25.000 Rubel verdient. Im letzten Sommer waren das noch umgerechnet 550 Euro, jetzt sind es 330. In seiner Heimatprovinz will er bei Verwandten unterkommen. Aussicht auf Arbeit hat er nicht.

Neben ihm steht Alischer, der junge Hilfsarbeiter vom Bau. Alle seine Freunde seien bereits zurückgekehrt in die Heimat, sagt er. Einen Job habe keiner. Alischer glaubt, wenn sich nicht bald etwas an der Lage in Tadschikistan ändere, "dann gibt es einen Aufstand".

insgesamt 36 Beiträge
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xenoxx 27.01.2015
1. Sanktionen
So viel zum Thema Sankionen. Putin und die politische Kaste in Russland trifft es kaum. Due haben allesamt ihre Millionen / Milliarden im Ausland gebunkert. Diese sowohl hilf- wie hirnlosen Sanktionen trifft das Volk! Und dort zuerst die Armen.
kategorien 27.01.2015
2. Sehr interessant
"Mehr als zehn Millionen von ihnen haben noch im vergangenen Jahr ihr Geld in Russland verdient, die meisten kommen aus Usbekistan (2,6 Millionen), der Ukraine (1,6 Millionen) und Tadschikistan (1,2 bis 1,5 Millionen)." -- Ich kenne es nur von befreundeten russischen Unternehmern. Ich hielt das lange für eine Übertreibung, bis mir ein Bekannter vorrechnete, wie viele seiner Angestellten wirklich Russen sind.
Diskutierender 27.01.2015
3. Billiglöhner
Wo ist das Problem? Deutschland braucht doch Billiglöhner, nachdem durch die kurzsichtige und asoziale Personalpolitik Deutscher Unternehmen Hunderttausende gut ausgebildete Deutsche ins Ausland vertrieben wurden. Inzwischen fordern schon die Ostdeutschen Ministerpräsidenten mehr Zuwanderung und eine geringere Verdienstschwelle, da so viele Ostdeutsche in den Westen gegangen sind - teils wegen Arbeitslosigkeit, teils wegen ca. 30% höherer Gehälter. Viele Grüsse von einem Deutschen, dem genau das passiert ist, der sich aber inzwischen ins Paradies vertrieben fühlt (das mit harter Währung und direkter Demokratie).
spitzaufknoof 27.01.2015
4. Schlimm
Die russische Regierung kann wohl nur Militär. Alles andere scheitert offensichtlich bei der kleinsten Schieflage. Sanktionen bräuchte es da eigentlich gar nicht.
cpt.z 27.01.2015
5. Der falsche Schritt
Warum diese Menschen jetzt ohne Aussicht auf Arbeit in ihre Heimat zurückkehren verstehe ich nicht. Der richtige Schritt wäre doch, die Familie nach Russland zu holen. Innerhalb von Russland hat der Rubelkurs doch keine Auswirkungen (außer auf den Preis von Importwaren) - also sollte man doch gerade vor Ort bleiben. In Deutschland merkt doch auch keiner, dass der EUR im Vergleich zum USD seit Januar 2014 um 15% an Wert verloren hat.
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