Exodus der Gastarbeiter "Wir können uns Russland einfach nicht mehr leisten"

Millionen Billiglöhner aus Zentralasien schuften in Russland, wegen der Rubelkrise kehren die meisten jedoch in ihre Heimat zurück. Die Folgen sind verheerend: Die Gastarbeiter stehen vor dem Nichts.
Arbeitsmigranten in Moskau: Das Klima ist rauer geworden

Arbeitsmigranten in Moskau: Das Klima ist rauer geworden

Foto: Sergei Ilnitsky/ picture alliance / dpa

Die Schlange vor der tadschikischen Botschaft in Moskau reicht bis zur nächsten Straßenecke. Dutzende Männer stehen in der Kälte, streng beäugt von russischen Polizisten. Sie frieren, schimpfen auf Tadschikisch, und warten auf einen Termin in der Konsularabteilung. Die meisten wollen nur eines: schleunigst zurück nach Tadschikistan.

Der Absturz des Rubels macht nicht nur Russen zu schaffen, sondern auch Millionen Arbeitsmigranten in Russland. Die Russen bezeichnen sie mit dem deutschen Wort "Gastarbeiter". Sie sind seit Jahren allgegenwärtig in Russlands Städten, als Straßenkehrer und Hauswarte, als Kellner und Verkäufer. Mehr als zehn Millionen von ihnen haben noch im vergangenen Jahr ihr Geld in Russland verdient, die meisten kommen aus Usbekistan (2,6 Millionen), der Ukraine (1,6 Millionen) und Tadschikistan (1,2 bis 1,5 Millionen). Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, niemand kennt die genaue Zahl der Gastarbeiter, die illegal in Russland arbeiten.

Einst waren selbst die russischen Dumpinglöhne für Unqualifizierte dreimal so hoch wie ein Monatsgehalt in Tadschikistan. Doch seit der tadschikische Som gegenüber dem Rubel 35 Prozent zugelegt hat, ist Russland für viele unattraktiv geworden. Im Januar sind 70 Prozent weniger Gastarbeiter eingewandert als im selben Monat des Vorjahres, meldet die russische Einwanderungsbehörde.

Die Rubelkrise ist dafür der wichtigste Grund, aber nicht der einzige. Das Klima ist rauer geworden in den vergangenen Jahren, vor allem für Gastarbeiter aus dem Süden. Nationalistische Bürgerwehren machen in Moskau Jagd auf illegale Einwanderer. Medien und Politiker machen oft Gastarbeiter verantwortlich für Kriminaldelikte.

"Die Russen wollen, dass wir wie Sklaven umsonst arbeiten"

Seit Jahresbeginn müssen Gastarbeiter einen kostenpflichtigen Russisch-Test absolvieren, er kostet 10.000 Rubel, umgerechnet 130 Euro. Neu ist auch die Arbeitserlaubnis, für die jeder 5000 Rubel an den Staat entrichten muss. Für viele Geringqualifizierte ist das ein Drittel des Gehalts. "Die Russen wollen, dass wir wie Sklaven umsonst arbeiten", schimpft Alischer, ein drahtiger Mann Mitte 20. Er steht seit Stunden vor der Botschaft in Moskau.

Er hat in der Region Moskau auf dem Bau gearbeitet. Sein Lohn hat - umgerechnet in Dollar - binnen wenigen Monaten die Hälfte des Wertes verloren. Er hat seit Monaten kein Geld mehr an seine Angehörigen in Tadschikistan überweisen können. Er schäme sich, sagt er, "weil ich in Tadschikistan meiner Familie auf der Tasche liegen werde."

Die Heimatländer stellt die Rückkehr der Gastarbeiter vor ein doppeltes Problem. Erstens fällt ihre wichtigste Einnahmequelle weg. In Tadschikistan machten die Auslandsüberweisungen im Jahr 2013 laut Weltbank 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, im benachbarten Kirgistan 32 Prozent. Zweitens gibt es für die Rückkehrer - meist junge Männer - keine Jobs.

Ebenfalls betroffen sind Länder wie Usbekistan, Armenien oder Moldau. Dort belaufen sich die Überweisungen der Gastarbeiter immerhin auf rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung. Über alle Zielländer verteilt dürften sich die Zahlungsausfälle auf mehrere Milliarden Dollar belaufen.

Arzimjon, ein bärtiger Mann Anfang 40, ist zur tadschikischen Botschaft gekommen, um sich offiziell abzumelden. Er wird mit seiner Familie per Bahn drei Tage lang nach Tadschikistan reisen. Seine Kinder kennen das Land nur aus Erzählungen. Die Familie hat 15 Jahre in Russland gelebt. "Mit unseren Löhnen können wir uns Russland einfach nicht mehr leisten", sagt Arzimjon. Als Hauswart hat er 25.000 Rubel verdient. Im letzten Sommer waren das noch umgerechnet 550 Euro, jetzt sind es 330. In seiner Heimatprovinz will er bei Verwandten unterkommen. Aussicht auf Arbeit hat er nicht.

Neben ihm steht Alischer, der junge Hilfsarbeiter vom Bau. Alle seine Freunde seien bereits zurückgekehrt in die Heimat, sagt er. Einen Job habe keiner. Alischer glaubt, wenn sich nicht bald etwas an der Lage in Tadschikistan ändere, "dann gibt es einen Aufstand".