Russlands Milliardäre in der Finanzkrise Arme Oligarchen

Die Wirtschaftsflaute hat Russlands Oligarchen hart getroffen: Von 101 Dollar-Milliardären im vergangenen Jahr sind Anfang 2009 nur noch 49 übrig. Der neue reichste Russe heißt Michail Prochorow. Er löst Oleg Deripaska ab, der dramatische Vermögensverluste hinnehmen musste.


Moskau - Wachwechsel im Ranking der reichsten Russen: Die neue Nummer eins heißt laut der Rangliste der Zeitschrift "Finans" Michail Prochorow - und das mit "nur noch" 14,1 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Oleg Deripaska, der letztjährige Spitzenreiter, hatte die Liste noch mit einem Vermögen von 40 Milliarden Dollar angeführt.

Die Finanzkrise hat die Russen demnach schwer gebeutelt. Von 101 Milliardären im Jahr 2007 sind Anfang 2009 nur noch 49 übrig. Und das zusammengerechnete Vermögen der zehn reichsten Russen macht nur noch 75,9 Milliarden Dollar aus - zwei Drittel weniger als im Vorjahr.

In den Top Ten sind aktuell sieben jünger als 50 Jahre. Auch der 43 Jahre alte Prochorow startete seine Karriere wie die meisten Oligarchen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Sein Geld verdiente er bei der Privatisierung von ehemals staatlichen Rohstoffproduzenten, vor allem in der Öl- und Nickelbranche. Heute ist er unter anderem Vorstandsvorsitzender des größten russischen Gold-Produzenten Poljus Soloto.

Zwar hat auch Prochorow im Vergleich zum letztjährigen Rating über sieben Milliarden Dollar verloren. Aber ein Deal aus dem Frühjahr hat ihn zum Krisengewinner gemacht: Noch bevor die Wirtschaftsflaute die Rohstoffpreise ins Bodenlose fallen ließ, verkaufte er seine 25 Prozent am Nickelproduzenten Norilsk Nickel, damals noch 13 Milliarden Dollar wert, und bekam dafür auch sieben Milliarden Dollar in bar.

Teure Bleibe an der Côte d'Azur

Und während sich nur wenige Monate später die Reichen der Welt angesichts fallender Börsenkurse ihrer Unternehmen die Haare rauften, flog Prochorow im August 2008 mal eben nach Frankreich und kaufte für eine halbe Milliarde Euro eine der exklusivsten Villen an der Côte d'Azur, nämlich das ehemalige Ferienanwesen des belgischen Königs Leopold II..

Prochorow gehört zwar kein englischer Fußballclub wie Oligarchen-Kollege Abramowitsch: Er sorgt aber als Präsident des russischen Biathlon-Verbandes für internationale Erfolge seines Landes, wenn auch mit zweifelhaftem Erfolg, wie der Doping-Skandal von vergangener Woche zeigte.

Gleichzeitig ist Prochorow aber auch für seine exzessiven Partys bekannt. Im Januar 2007 wurde er zusammen mit 25 weiteren Russen im französischen Nobel-Skiort Courchevel festgenommen: Die Polizei beschuldigte ihn, an einem internationalen Zuhälterring beteiligt zu sein. Angeblich habe er aus Russland Prostituierte einfliegen lassen.

Allerdings wurde Prochorow nach einigen Tagen wieder freigelassen. "Weiß der Teufel, wessen die mich da beschuldigten", beschwerte er sich später in einem seiner seltenen Interviews. "Im Ausland wird das Auftauchen freier, unabhängiger, gut gebildeter, selbstbewusster Russen leider mit Erstaunen, Neid und Aggression aufgenommen."

Der Absturz des Oleg Deripaska

Die sieben Milliarden Dollar, wegen derer Prochorow inzwischen wieder gut lachen hat, bekam er kurioserweise durch einen Deal mit Oleg Deripaska, 2008 reichster Russe und im aktuellen Rating schwer abgestürzt. Von seinen 40 Milliarden Dollar ist Deripaska ein Zehntel geblieben.

"Finans" kommentiert seinen Abstieg mit Schadenfreude. "Etwas Besseres als Rusal gibt es in Russland nicht - und in drei Jahren wird es phantastisch sein", zitiert die Zeitschrift ihn aus einem Interview von Anfang 2007, in dem Deripaska optimistisch über die blendenden Aussichten des von ihm mitgeformten weltgrößten Aluminiumproduzenten sprach.

An Selbstvertrauen mangelte es dem Unternehmer, der 2007 auch 30 Prozent des österreichischen Bauriesen Strabag kaufte, nie. Seit Sommer 2008 ist aber der Aluminiumpreis um 60 Prozent gefallen - Rusal steht mit 17 Milliarden Dollar in der Kreide und kämpft ums Überleben.

Ähnlich schlecht wie Deripaska ist es solchen Milliardären ergangen, die sich zuvor an den horrenden Immobilienpreisen in Moskau eine goldene Nase verdient hatten. Sergej Polonski etwa, dessen Mirax Group in den vergangenen Jahren in der russischen Hauptstadt Dutzende Luxus-Wohnviertel aus dem Boden gestampft hat, ist ganz aus der Milliardärsliste gefallen. Von 4,35 Milliarden Dollar, so hat "Finans" errechnet, sind Polonskij noch 70 Millionen geblieben.

Roman Abramowitsch, der im Westen bekannteste russische Oligarch, hält sich in Zeiten der Finanzkrise dagegen recht gut: Ihm bleiben von 23 immerhin noch 13,9 Milliarden Dollar. Damit hält er den zweiten Platz im "Finans"-Rating. Neu ist in der Liste seine Ex-Frau Irina. Sie steht mit 250 Millionen Dollar auf Platz 122. Das Geld stammt aus der Abfindung, die sie nach der Scheidung von Abramowitsch bekommen hatte.



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