Russlands neue Ölpipeline Bypass für den Bosporus
Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich nimmt heute Vormittag in Athen an der feierlichen Unterzeichnung des Pipeline-Vertrages im Palais des griechischen Staatspräsidenten Karolos Papoulias teil. Das unterstreicht, welche Bedeutung Moskau dem Projekt beimisst. Vom bulgarischen Schwarzmeerhafen Burgas wird die Rohrleitung über eine Distanz von 280 Kilometern zum griechischen Alexandroupolis an der nördlichen Ägäis verlaufen.
Öltanker am Eingang des Bosporus in Istanbul: Bypass nach Westeuropa
Foto: APAnfang 2008 soll der Bau beginnen, 2010 könnte das erste Rohöl vom russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk nach Burgas verschifft, dort in die Pipeline eingespeist und von Alexandroupolis, wieder per Tanker, zu den Raffinerien im Mittelmeerraum transportiert werden. Die russischen Staatsfirmen Transneft, Gaspromneft und Rosneft haben sich in langwierigen Verhandlungen 51 Prozent des Konsortiums gesichert, das die Pipeline bauen und betreiben wird. Griechische und bulgarische Unternehmen teilen sich in die restlichen 49 Prozent. Damit kontrolliert Russland die Rohrleitung.
Bisher wird ein Großteil der russischen Erdölexporte auf dem Seeweg durch den Bosporus und die Dardanellen abgewickelt. Diese Route ist aber chronisch überlastet: Seit 1996 haben sich die Öltransporte durch die Meerenge von 70 Millionen auf fast 150 Millionen Tonnen mehr als verdoppelt. Tanker, die länger sind als 200 Meter, dürfen aus Sicherheitsgründen den Bosporus nur bei Tageslicht, guter Sicht und ruhiger See passieren. Besonders in den Wintermonaten müssen deshalb die Tankerkapitäne im Schwarzen Meer oft Tage oder Wochen lang auf die Durchfahrt warten. Fachleute schätzen die dadurch entstehenden Verluste auf jährlich rund eine Milliarde Dollar.
Der Vertragsunterzeichnung gingen mehr als zehnjährige Verhandlungen voraus. Während Griechenland und Bulgarien anfangs darauf bestanden, zu je einem Drittel an der Pipelinegesellschaft beteiligt zu werden, gaben die beiden Regierungen schließlich notgedrungen den Forderungen Moskaus nach und gestanden Russland die Kontrolle über die Pipeline zu sonst wäre das Projekt gescheitert.
Damit sichert sich Russland eine weitere exklusive Transportroute für die Energie-Exporte nach Westeuropa. Zugleich wird es unabhängiger von der Türkei, die den Bosporus und die Dardanellen kontrolliert.
Mit der Vereinbarung zum Bau der Pipeline Burgas-Alexandroupolis erteilt Moskau einem türkischen Konkurrenzprojekt eine Absage: Ankara favorisiert als "Bosporus-Bypass" eine Rohrleitung vom türkischen Schwarzmeerhafen Samsun nach Ceyhan am Mittelmeer. Damit aber wäre Russland noch abhängiger vom Transitland Türkei geworden.
Nadelöhr Bosporus
Die 35 Kilometer lange Wasserstraße, die Asien von Europa trennt, wird täglich von 150 Schiffen befahren. Sie gilt als schwieriges Gewässer, insbesondere für Supertanker: in 14 engen Kurven müssen die Kapitäne ihre Riesenschiffe durch die stellenweise nur 660 Meter schmale Meerenge manövrieren. Starke Strömungen erschweren die Durchfahrt.
Umweltschützer warnen seit Jahren vor einem Tankerunglück, das der Zwölfmillionenstadt Istanbul eine Ölpest oder sogar einen Feuersturm an ihren Küsten bescheren könnte wie 1979, als nach dem Zusammenstoß des rumänischen Tankers "Independenta" mit einem griechischen Frachter der Bosporus Tage lang in Flammen stand.
Die Pläne für die Pipeline gehen zurück bis in die frühen neunziger Jahre. Damals prognostizierten Experten der griechischen Latsis-Gruppe, die in der Tankschifffahrt und im Raffineriegeschäft tätig ist, einen starken Anstieg der Rohöltransporte durch den Bosporus was sich bewahrheitete. Die geplante Rohrleitung soll anfangs rund 35 Millionen Tonnen, später bis zu 50 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr vom Schwarzen Meer zur Ägäis pumpen können. Das wäre fast ein Drittel der Menge, die heute von Tankern durch den Bosporus transportiert wird.