Russneft Kreml greift nach weiterem Ölkonzern

Auf drei Milliarden Dollar wird das Vermögen des russischen Oligarchen Michail Guzerijew geschätzt. Doch selbst dieser märchenhafte Reichtum bot ihm keinen Schutz vor den Nachstellungen des Kreml - jetzt wird er mit internationalem Haftbefehl gesucht.
Von Simone Schlindwein

Gerade noch rechtzeitig - mit seinem Verschwinden - hat Michail Guzerijew im Kampf gegen den Staat im letzten Moment die Reißleine gezogen. Acht Verfahren hatten die Steuerbehörden in den vergangenen Monaten gegen die Firmen des Oligarchen, dem der Russneft-Konzern gehört, eingeleitet. Der Vorwurf der Justiz: Steuerhinterziehung und schwerer Betrug. 3,7 Milliarden Rubel Steuern (das entspricht rund 144 Millionen Dollar) soll er laut Gerichtsbeschluss nachzahlen – außerdem drohen ihm sechs Jahre Haft. Im Mai wurde er wegen illegaler Geschäfte angeklagt. Keinerlei Russneft-Aktien dürfen laut Gerichtsbeschluss vom 31. Juli verkauft werden.

In einem Brief an seine Angestellten, der auf der Russneft-Webseite veröffentlicht wurde, schrieb der ehemalige Chef, ihm sei nahe gelegt worden, die Ölbranche "im Guten" zu verlassen. Als er sich geweigert habe, habe die Steuerfahndung ihn bedroht. Deswegen habe er sein Amt als Chef des Unternehmens jemandem überlassen, der die Probleme, die Russneft nun habe, unmittelbar lösen könnte.

Allerdings waren noch weit schlimmere Methoden im Spiel, um den widerspenstigen Oligarchen gefügig zu machen: Tschingiskhan, der Sohn des Ölmilliardärs, der auf der Forbes-Liste der reichsten Russen auf Platz 31 steht, ist in der vergangenen Woche unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Nach einem Autounfall habe der 21-Jährige noch seinen Vater angerufen und erzählt, dass sein Ferrari kaputt sei, schreibt das Boulevard-Blatt "Dein Tag". Er habe aber keinen Anlass gesehen, zum Arzt zu gehen. Die Tageszeitung "Komersant" berichtet, Tschingiskhan sei nach dem Unfall zu Hause an Gehirnblutungen gestorben.

Ein möglicher Interessent für Russneft hat sich bereits erklärt: Der russische Milliardär Oleg Deripaska, dem engste Verbindungen zu Präsident Wladimir Putin nachgesagt werden. Deripaskas Aluminium-Konzern Basic Element (BasEl) ist derzeit weltweit auf Shoppingtour: Er kaufte 9,9 Prozent am deutschen Bauunternehmen Hochtief   und streitet sich um weitere 25 Prozent vor dem Landgericht München. Dem Aluminiumgiganten gehört zudem ein Drittel des österreichischen Baukonzerns Strabag. Erst gestern haben die Aktionäre des größten kanadischen Autozulieferers Magna den Einstieg des Oligarchen mit 1,5 Milliarden Dollar genehmigt.

Branchenexperten vermuten indes, dass das Ölunternehmen bei BasEl nur zwischen geparkt werden soll. Langfristig plane die Kreml-Administration Russneft unter einer staatlichen Holding gemeinsam mit den Staatskonzernen Rosneft  , Surgutneftegas und Sarubeshneft bündeln, berichtet das Branchenblatt Energy Intelligence. Nach dem Vorbild von Gasprom auf dem russischen Gasmarkt soll ein staatlicher Ölmonopolist entstehen. Deripaska, der zweitreichste Mann Russlands, gibt sogar offen zu, dass er jederzeit bereit sei, seine Unternehmensanteile an den Staat zu übergeben: "Wenn der Staat sagt, dass wir es abgeben sollen, werden wir das tun", sagte er in einem Interview über sein Aluminiumunternehmen UC Rucal: "Ich trenne mich nicht vom Staat und habe keine anderen Interessen."

Dass es über kurz oder lang dazu kommen könnte, ist nicht einmal ausgeschlossen. Mittlerweile hält der Staat nach Angaben der Moskauer Alfa Bank schon 35 Prozent aller an der Börse in Moskau gelisteten Unternehmen.

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