Ruth Madoff, Betrügergattin Aussätzige der High Society

Bernard Madoff beging den größten Betrug in der Geschichte der Wall Street, seine Frau Ruth muss dafür büßen. Geld, Glamour und Gier hatten sie in die New Yorker Gesellschaft geführt. Die hat sie jetzt gnadenlos verstoßen in den goldenen Käfig ihres Penthouse.

New York - Pierre Michel, ein Nobel-Haarsalon auf Manhattans East 57th Street, pflegt effiziente Diskretion. Über das goldschimmernde Empfangsfoyer wachen zwei Damen an Computern. Dahinter erstrecken sich auf zwei Etagen Bataillone von Frisierstationen, eine Cappuccino-Bar, ein "Shampoo-Raum" und eine VIP-Enklave. Der billigste Schnitt kostet hier 125 Dollar.

Madoff-Ehefrau Ruth: öffentlich verstoßen

Madoff-Ehefrau Ruth: öffentlich verstoßen

Foto: Mary Altaffer/ AP

Über die Kunden selbst - Stars, Starlets, Supermodels, Society-Ladys - spricht man nicht. Und so sorgte es nicht nur an der Upper East Side für Aufregung, dass die beiden Besitzer Pierre Ouaknine und Michel Obadia eine Stammkundin öffentlich verstießen: "Pierre Michel fühlte sich nicht länger wohl, sie im Salon zu haben", teilte das prominente Coiffeurs-Duo mit. "Die Klienten des Salons gehören zur Top-Elite Manhattans. Leider waren einige dieser Klienten auch Betrugsopfer von Madoff."

Damit ist Bernard Madoff gemeint, der 71-jährige Milliarden-Betrüger, der im März wegen Veruntreuung von mindestens 65 Milliarden Dollar schuldig gesprochen wurde und seitdem hinter Gittern auf sein Strafmaß wartet, das kommenden Montag verkündet werden soll. "Sie", die neuerdings unerwünschte Salonkundin, ist Madoffs Gattin Ruth, 68, die weiter in ihrem Penthouse lebt - aber als Aussätzige jener vornehmen Gesellschaft, die sie einst regierte.

Fallen gelassen über Nacht

Die Staatsanwaltschaft hat Ruth Madoff im Zusammenhang mit dem größten Betrugsfall in der langen Skandalgeschichte der Wall Street persönlich bisher nichts vorgeworfen. Was sie wusste, nach 49 Jahren Ehe, ist völlig unklar - und Anlass hitzigster Spekulationen. Sie selbst beruft sich jedenfalls auf ihr Recht, die Aussage zu verweigern. Trotzdem hat New Yorks Society die Strohwitwe wider Willen über Nacht fallen gelassen.

Etwa Pierre Michel: Seit zehn Jahren hat sich Mrs. Madoff dort den Bubikopf blondieren lassen. Folien-Highlights, alle sechs Wochen, "Soft Baby Blonde" soll ihre Tönung gewesen sein. Coloristin Giselle war mit ihren Beauty-Tipps aus den Modemagazinen bekannt, zur Prozedur gab es Poland-Spring-Mineralwasser.

Nach Madoffs offiziellem Schuldbekenntnis im März - dem nun eine Strafe von bis zu 125 Jahren Haft folgen könnte - war es damit vorbei. "Ich verstehe", seufzte Mrs. Madoff nach Informationen der "New York Times", welche sie prompt schadenfroh zur "einsamsten Frau New Yorks" kürte.

Tatsächlich ist Ruth Madoffs "fall from grace", ihr Absturz in Ungnade, eine treffliche Parabel auf die Krisenzeiten. Vor all den Bonus-Skandalen, den bankrotten Boomfirmen und verstoßenen Vorstandschefs waren Leute wie die Madoffs Ikonen, in New York genauso wie in Palm Beach, ihrer Milliardärs-Dependance in Florida. Doch die gleichen Attribute, die sie damals so beneidenswert scheinen ließen - Geld, Glamour, Gier - machen sie heute zu Ausgestoßenen der neuen Populisten-Ära.

Paparazzi beim Einkauf

New Yorks Lokalpresse wetteifert mit hämischen Schlagzeilen über Mrs. Madoffs Schicksal. Vor allem darüber, wie klein ihre Welt geworden sei. Wie sie nun, als "desperate housewife" ohne Freund und Ehr', im goldenen Käfig ihres East-Side-Penthouses hocke, jenem letzten der erschwindelten Besitztümer, das ihr die Justiz alsbald auch noch nehmen werde.

Immerhin, kein schlechtes Gefängnis: Zwei Etagen, vier Schlafzimmer, eingerichtet in pompös-kitschigem Cäsarenstil, glaubt man den Berichten jener, die mal da gewesen sind. Doch mehr als diese paar Quadratmeter hat sie kaum noch, trotz der fast 100 Millionen Dollar, die sie weiter als ihr eigenes Vermögen beansprucht.

Denn neben der gelegentlichen Gefängnisvisite und Terminen bei ihrem Anwalt in Midtown bleibt da wenig. Als sie sich eines Abends alleine in den Supermarkt wagte, wurde nicht nur sofort vermerkt, dass sie ins relativ billige "Food Emporium" statt wie sonst in den Delikatess-Tempel "Citarella" an der East 75th Street ging. Gleich drei Reporter der "New York Post", die vor ihrer Haustür gelauert hatten, hefteten sich sofort an ihre Fersen, flankiert von ein paar Paparazzi - obwohl Mrs. Madoff sich mit einem Hut tarnte. Eifrig wurde notiert, was sie in ihren Einkaufswagen lud, allem voran Jarlsberg-Käse und Spüli.

Auch wurde kolportiert, sie sei nach einem Restaurantbesuch mit "Essensresten in einer weißen Papiertüte zum Mitnehmen" gesichtet worden. Jemand anders berichtete, sie liebe das günstige "Steak-Special", das "Donohue's" donnerstags anbiete. Kein Wunder, dass Mrs. Madoff ein ABC-Kamerateam, das ihr bei einer anderen Exkursion auflauerte, mit einem wenig damenhaften Gruß bedachte: "Fuck you!"

Persona non grata

Mit den schicken Restaurants von früher ist es in der Tat vorbei. Bella Blu, ein Italiener in der Nähe, erklärte sie zur persona non grata: "Einer unserer Gäste verlor zehn Millionen Dollar", echauffierte sich Manager Marco Proietti in der "New York Times". Sette Mezzo, ein anderes italienisches Lokal, verlangte, dass sie zunächst mal 160 Dollar zahlen müsse - die Rechnung des letzten gemeinsamen Essens der Madoffs, bezahlt per Scheck, der leider platzte, als die Staatsanwaltschaft das Konto sperrte.

Und so geht es überall. Ihre alte Floristin in den Hamptons, der Sommerfrische der reichen New Yorker an der Ostspitze Long Islands, will heute ebenso wenig etwas von ihr wissen wie das Baseballteam der Mets, zu dessen Spielen die Madoffs VIP-Saisonkarten hatten. Irving Picard, der Zwangsverwalter des eingesackten Madoff-Besitzes, hat die Tickets im Wert von mehr als 80.000 Dollar auf eBay versteigert und den Erlös an die Opfer verteilt.

Es muss eine harte Umstellung sein - denn die Madoffs lebten still, aber opulent. Sie hatten Residenzen in Palm Beach, den Hamptons und an der Riviera (allesamt beschlagnahmt), eine 1,5-Millionen-Dollar-Yacht (beschlagnahmt), Mitgliedschaften in den exklusivsten Clubs und Wohltätigkeitsorganisationen (allesamt widerrufen). Die erschwindelten Milliarden endeten jahrelang auf einer American Express Platinum Card, wo sie zum Beispiel ein 1900-Dollar-Dinner finanzierten und einen Einkaufsbummel in Paris (3800 Dollar).

"Sie und Bernie machten alles zusammen"

Dieser Tage, so kolportiert Klatschkolumnistin Cindy Adams, bummele Mrs. Madoff inkognito durch die Via Mizner, Palm Beachs Billiggasse, "wo man kopiertes Ramsch-Kostümgeklimper kauft - nicht Cartier, sondern Plastik". Die "New York Times" schickte eigens einen Korrespondenten nach Florida, der eruierte, dass Madoffs einstiger Herrenschneider in Palm Beach bis heute auf die 2000 Dollar warte, für die er dort kurz vor seiner Verhaftung ein paar edle Kaschmir-Hosen hatte importieren lassen.

Mrs. Madoff wird von der Öffentlichkeit als schuldig betrachtet, ohne offiziell schuldig zu sein. Und auch das könnte sich ändern. Die Justiz ermittelt weiter gegen etliche Personen in Madoffs Umfeld. Darunter womöglich auch seine beiden Söhne - und seine Ehefrau.

Schließlich hatte die in der Zentrale seiner einstigen Investmentfirma ein eigenes, großes Büro und trug den Titel "Direktorin". "Vor ein paar Jahren hörte sie auf, ganztägig zu kommen", erinnerte sich Madoffs damalige Chefsekretärin Eleanor Squillari in der "Vanity Fair". "Aber sie tauchte auch danach noch ein- oder zweimal die Woche auf."

"Jeder glaubt, dass sie an dem Betrug beteiligt war", zitierte die Pulitzer-Preisträgerin Lucinda Franks eine ehemalige Madoff-Bekannte auf der Website "Daily Beast". "Sie und Bernie machten alles zusammen." Alles - und nun tragen sie auch gemeinsam den Bannfluch der Society.

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