Zur Ausgabe
Artikel 35 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AUTOMOBILE Rutsch nach oben

Die westdeutschen Autokäufer haben den Ölschock offenbar voll verdrängt: Nicht die kleinen Sparmodelle, sondern PS- und hubraumstarke Limousinen sind die Marktrenner der Saison.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Das Verkaufsgespräch ließ sich ganz harmlos an. Der Kunde erfragte technische Details und Preise verschiedener Opel-Rekord Modelle und der aufschlagpflichtigen Extras.

Schließlich unterschrieb er den Kaufvertrag -- und brachte selbst hartgesottene Verkäufer zum Staunen: »Glatte 28 000 Mark«, freute sich Helmut Becker, Juniorchef des Düsseldorfer Opel-Händlers Auto-Becker, »ließ der sich den mit Extras bis hin zur Klimaanlage vollgestopften Rekord kosten.«

Ungewöhnlich hohe Preise konnten auch einen autobegeisterten Golf-Interessenten beim Autohaus Nordstadt in Hannover nicht stoppen: Er zahlte 60 000 Mark für einen frisierten und fein ausgestatteten Golf, der außer dem Blechkleid nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem Serienprodukt hatte.

»Ganz deutlich einen Trend nach oben« zu mehr Hubraum, mehr PS und höheren Preisen haben auch die Münchner BMW-Marktbeobachter festgestellt. Die Produktion des kleinen, aber kräftigen und teuren Sechszylinders 323i ist bis zum März nächsten Jahres ausverkauft, das Spitzenmodell der mittleren Baureihe, der BMW 528 i, ist ebenso schwer zu haben.

Noch vor wenigen Monaten war es genau umgekehrt: Im Herbst 1976 waren die schwächer motorisierten Vierzylinder-Modelle 316 und 518 die Favoriten der Käufer.

Kaum ein Autoexperte hatte die Trendwende vorausgesehen. Die Produktplaner des Wolfsburger Volkswagenkonzerns etwa gaben noch Ende letzten Jahres dem Golf mit 50 PS bessere Marktchancen als dem teureren 70-PS-Modell. Die Käufer entschieden anders: »Wir verkaufen den 50-PS-Golf zwangsläufig«, meldet Nordstadt-Verkaufschef Günter Artz, »weil wir den mit 70 PS nicht haben.«

Dabei hatten die Wolfsburger entsprechende Erfahrungen schon vor Jahren gesammelt: Sie starteten den Polo als Billig-Modell ohne jeden Zierat, mit Pappdeckeln statt Türverkleidungen. Doch die Sparversion verstaubte als Ladenhüter und wurde schließlich an Großabnehmer wie die Bundespost verramscht.

Auch bei den Modellen Passat, Seirocco und Audi 8O ist Stärke gefragt. Der Passat etwa startete 1974 noch zu 60 Prozent mit dem schwächsten 1.3-Liter-Motor. Heute wird die Schwachversion gerade noch von 30 Prozent der Passat-Kaufer geordert.

»Der Trend zu Mehrausstattung und höherer Leistung geht quer durch alle Hubraum-Klassen«, weiß VW-Verkaufschef Werner P. Schmidt, »und insgesamt zu Lasten des kleinen Sparautos.« Seit 1974, als der Ölschock den preiswerten und benzinsparenden Kleinwagen zu einem Verkaufsboom verholfen hatte, geht ihr Marktanteil ständig zurück.

Damals waren knapp 60 Prozent aller in Westdeutschland neu zugelassenen Autos mit relativ kleinen (bis 1,5 Liter Hubraum) Motoren ausgerüstet. Ihr Marktanteil ist inzwischen auf 40 Prozent gesackt. Die Hubraumklasse von 1,5 bis zwei Liter dagegen wurde mit einem Marktanteil von heute 48 Prozent zum Spitzenreiter.

Etliche Autofahrer fühlen sich offenbar auch in der Mittelklasse untermotorisiert. Mit einem Zulassungsplus von 32,8 Prozent buchte die Limousinenklasse von zwei bis 2,5 Liter Hubraum im vergangenen Jahr einen Rekordzuwachs.

Fords neuer Granada etwa erwies sich in der Basisversion mit dem bescheidenen Vierzylinder-1700-Motor als praktisch unverkäuflich. »97 Prozent aller Granada-Käufer«, so Ford-Vorstand Hans Wilhelm Gäb, »wählen den Sechszylinder.«

Der für die Firmenbilanzen überaus bekömmliche Verkauf von Luxusausstattungen hält mit dem PS-Rennen schritt: Dreimal mehr Ford-Kunden als im letzten Jahr ordern Autos mit der gegenüber dem Basismodell einige tausend Mark teureren Ghia-Luxus-Ausstattung.

Auch der zweite Deutsch-Amerikaner, die General-Motors-Tochter Opel, setzt auf große Motoren, hohe Fahrleistungen und prestigeträchtige Karossen. Mit den beiden für rund 600 Millionen Mark neuentwickelten Sechszylindern Monza und Senator wird Opel jetzt gegen die Granada-Konkurrenz anfahren.,, In erster Linie aber«, so Opel-Vorstand Ekkehard Rohde, »soll den Aufsteigern« aus der eigenen Gefolgschaft zu flotter Beförderung verholfen werden.

Zumindest ein Anfangserfolg scheint den großen Opel, die immerhin die 200-Stundenkilometer-Marke schaffen sollen, sicher.,, Da gibt es«, meint Auto-Becker, »jetzt schon Wartelisten -- wie bei Mercedes.«

»Daß auch wir ein Stückchen nach oben rutschen möchten«, sagt VW-Schmidt, »kann man wohl als gesichert annehmen.« In der Klasse der großen, gediegenen Autos haben die Wolfsburger mit dem Audi 100 noch einiges vor. Und auch die Pläne für einen Prestigewagen unter dem traditionsreichen Markennamen Horch sind schon weit gediehen.

Für stattliche Motorisierung ist gesorgt. Für den Fünfzylinder Audi ist ein leistungssteigernder Turbolader vorgesehen, der die Reserven des Triebwerks ausnutzen und immerhin 170 PS bringen soll. Auch zwei Sechszylinder -- ein Diesel und ein Benziner -- wurden in Wolfsburg zur Serienreife entwickelt.

Wichtiger noch nimmt Schmidt die Familienautos: Audi 80, Passat, Opel Ascona, Ford Taunus. »Diese Klasse«, so Schmidt, »hat zukünftig die größten Chancen.« Dabei sei die Tendenz zur stärkeren Motorisierung »selbstverständlich«.

Die Klasse darunter bis einschließlich Golf sei dagegen »ganz eindeutig« rückläufig. Schmidt: »Wir haben uns immer gewundert, wie wenig die Ölkrise an diesem Trend geändert hat.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 35 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.