Ryanair Iren auf Ikarus-Kurs

Ryanair-Chef O'Leary hat wieder einmal alle Experten überrascht, dieses Mal eher negativ: Innerhalb weniger Stunden gab er den Kauf des Billigflug-Konkurrenten Buzz und von bis zu 100 neuen Boeing-Jets bekannt. Analysten fürchten, dass er sich übernimmt.


Michael O'Leary: Dünne Luft in extremen Höhen soll bisweilen rauschartige Bewusstseinszustände auslösen
DPA

Michael O'Leary: Dünne Luft in extremen Höhen soll bisweilen rauschartige Bewusstseinszustände auslösen

London - Der Mann ist für freche Presse-Konferenzen und medienwirksame PR-Gags bekannt. Gerne legt er sich auch vor Gericht mit etablierten Konkurrenten wie British Airways und Lufthansa an. So einen wurmt es, wenn andere ihn aus dem Rampenlicht drängen.

Und für eine Zeit lang stand auf dem Markt für Discount-Flieger nicht mehr Michael O'Learys Ryanair im Blickpunkt - sondern Erzkonkurrent easyJet. Erst stieg er durch den Kauf des Konkurrenten Go zur Branchenprimus auf. Im Herbst dann brach abermals lauter PR-Rummel aus, als easyJet den Kauf von 125 Airbus-Maschinen vereinbarte.

O'Leary bricht die O'Leary-Doktrin

Bisher hat Michael O'Leary alles getan, um die Strategie des Konkurrenten als verfehlt darzustellen. Gerne beteuerte er, er hasse vor allen zwei Dinge: Golf spielen und Akquisitionen. Ryanair werde organisch wachsen, nicht durch unüberlegte Übernahmen. Sollten die anderen sich doch mit den Problemen der Integration herumschlagen, der Zusammenführung von Firmenkulturen, der Senkung von Kosten. Das drücke nur die Margen nach unten.

Von diesem eigenen, selbst formulierten Doktrin ist O'Leary nun abgewichen - und dem Ryanair-Aktienkurs hat es nicht gut getan. Am Freitagmorgen gab die irische Billigfluglinie bekannt, sie wolle den kleineren Konkurrenten Buzz für rund 23 Millionen Euro aufkaufen, die Transaktion werde bis April vollzogen. Im Londoner Handel rutschte die Aktie daraufhin um fast 2,5 Prozent auf 415,50 Pence. Er sei doch "arg verwundert, weil das absolut nicht in die Strategie von Ryanair passt", kritisierte ein Luftfahrtanalyst. Die Buzz-Flughäfen seien uninteressant, der Kauf der Buzz-Markenrechte fragwürdig: "Ryanair ist eine stärkere Marke als Buzz".

Noch einmal hundert Jets mehr

Als hätte der Buzz-Kauf nicht genügt, um Zweifel an der rasanten Expansion Ryanairs zu nähren, schob O'Leary eine zweite Überraschung nach: Ebenfalls am Freitag verkündete er, Ryanair habe 22 weitere Flugzeuge vom Typ 737-800 bestellt und Kaufoptionen für 78 weitere Maschinen vereinbart. Insgesamt beläuft sich der Kaufwert laut Boeing auf rund sechs Milliarden Dollar.

Buzz-Flieger: Die Holländer haben's vermasselt, die Iren wollen's richten
REUTERS

Buzz-Flieger: Die Holländer haben's vermasselt, die Iren wollen's richten

Schon im Januar 2002 hatte Ryanair mit einer Hundert-Jet-Bestellung für Furore in der gesorgt. Ryanair nutzte die Gelegenheit, weil Boeing-Maschinen auf Grund der Branchenkrise und der Schwäche etablierter Fluglinien billig zu haben waren. Beobachter gingen damals aber davon aus, dass die Mega-Bestellung reichen würde, um den Bedarf für viele Jahre zu decken.

Kapitulation der königlichen Niederländer

Nun geht O'Leary im großem Optimismus eine Wette auf die weitere Entwicklung seines Geschäftes ein: Er erwartet nach eigenen Worten inzwischen, dass Ryanair auch 2003 noch um über 25 Prozent wachsen kann - trotz der zunehmenden Konkurrenz etwa durch GermanWings oder Hapag-Lloyd Express, die Töchter etablierter deutscher Konzerne wie TUI und Lufthansa.

In einem hatte O'Leary bisher Recht: Die Konkurrenz, die versuchte, Ryanairs Rezepte zu kopieren, konnte dem Original nicht das Wasser reichen. So war es auch bei Buzz, der Fluglinie mit dem knallgelben Design, die auf KLM UK hervorgegangen ist und bisher immer noch zur niederländischen National-Fluglinie gehört. Trotz mehrerer Strategie-Wechsel wird Buzz nach eigenen Ankündigungen immer noch einen Vorsteuerverlust in zweistelliger Millionenhöhe schreiben. Der Verkauf ist auch ein Eingeständnis der KLM-Spitze, dass man das Management-Problem Buzz nicht in den Griff bekommt.

Billiger, schneller, kleiner - und rentabel über Nacht?

O'Leary versucht, die Akquisition als einmaliges Schnäppchen zu verkaufen: Weil man die Cash-Bestände von Buzz übernehme, koste der Kauf netto gerade einmal rund fünf Millionen Euro. Dafür könne man die begehrten Slots übernehmen, die Buzz am Discount-Drehkreuz London-Stansted besetzt - und vom ausgedehnten Buzz-Netz in Frankreich profitieren, in dem der Markt für Discount-Flieger bisher eher unterentwickelt ist.

Unrentable Buzz-Strecken, verspricht O'Leary mit dem üblichen Selbstvertrauen, werde man kurzerhand einstellen - und trotzdem könne man die Passagierzahl von derzeit zwei Millionen jährlich verdoppeln. Die Buzz-Ticketpreise sollten sinken und gleichzeitig wolle er das Kostenproblem gelöst haben - in nur einem Jahr.

Dann werden die Analysten noch einmal genau nachrechnen, ob O'Leary sein Versprechen eingelöst hat.

Matthias Streitz



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