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BAHN S-Klasse auf Schienen

Neue Hoffnung für Berlin-Reisende: Der Transrapid gilt als tot, es lebe der neue Luxuszug Metropolitan.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Über die Magnetschwebebahn Transrapid redet der neue Bahnchef Hartmut Mehdorn am liebsten gar nicht. Wenn doch, dann mit leiser Stimme und im kleinsten Kreis. Der einstige Vorzeigezug schrumpft dann »zur Sache, die wir jetzt abschließend regeln müssen«.

Das Beerdigungsritual ist bereits verabredet. Für Anfang kommenden Jahres ist eine Krisensitzung beim Verkehrsminister anberaumt, im März soll der Bahnaufsichtsrat endgültig entscheiden.

Einen Durchbruch erwartet niemand mehr. Das Projekt gilt als technologisch zweifelhaft - und mit einer notwendigen Investitionssumme von rund acht Milliarden Mark als hoffnungslos unrentabel. Alle bisherigen Prognosen über das Passagieraufkommen entpuppten sich bei genauerer Betrachtung als Illusion.

Opfer waren bisher die Berlin-Reisenden. Auf der Strecke zwischen Hamburg und Berlin unterblieben, mit Rücksicht auf eine mögliche Magnetbahnverbindung, die notwendigen Investitionen. Heute verkehren auf der Strecke hauptsächlich Intercitys, die Fahrzeit beträgt fast zweieinhalb Stunden. In den dreißiger Jahren, als die Trasse noch eine Rennstrecke der Reichsbahn war, ging es schon genauso schnell voran.

Mit dem Ende des Transrapid soll diese Hauptschlagader neu belebt werden. Künftig will die Bahn AG auch Berlin mit »hochwertigem Fernverkehr« bedienen. Derzeit würden, sagt der Sprecher der Fernverkehrstochter der Bahn, »mehrere Varianten geprüft«.

Aussichtsreichster Kandidat ist der Metropolitan - eine Art S-Klasse auf Schienen. Jeden Werktag pendelt der Luxuszug seit August viermal zwischen Hamburg und Köln. Die Fahrgäste sind begeistert.

Schwarze Ledersitze, helles Birnbaumholz und gebürsteter Stahl sorgen für modernes Ambiente, erstmals bietet die Bahn einen Service, der den Namen verdient: Das Personal ist vornehm höflich, Tageszeitungen, Soft-Drinks und ein »Business-Snack« sind kostenlos zu haben.

Die kurze Fahrzeit (Düsseldorf-Hamburg in gut drei Stunden) wird nach allen Regeln der Kunst verkürzt. Im Office-Wagen können Computer und Handy genutzt werden, im Ruhe-Wagen werden Decken verteilt, im Club-Teil des Zuges gibt es für jeden einen Mini-Videoplayer mit mehreren Kinofilmen zur Auswahl.

Das Konzept der 100-prozentigen Bahntochter Metropolitan Express Train (MET) ist klar: Man will sich mit der neuen Marke konsequent vom schlechten Image der Bahn AG abheben.

Offenbar kommt das an: Bei ersten Umfragen sind die Reaktionen der Reisenden erstaunt bis enthusiastisch - die »Kundenzufriedenheit« liegt laut MET-Chef Stefan Karl Eishold bei 88 Prozent.

Die Begeisterung erklärt sich auch mit dem reichlichen Platzangebot im Metropolitan - in der Regel ist nur gut jeder dritte Sitz besetzt, die Geschäftsreisenden können sich mit ihren Notebooks und Akten ungestört ausbreiten. Im »Silence«-Bereich, in dem Handy-Verbot herrscht, haben die wenigen dösenden Reisenden den Wagen fast für sich allein.

Dass der Metropolitan noch nicht recht in Schwung gekommen ist, kann die Bahnverantwortlichen nicht überraschen. Als Mitte der neunziger Jahre die Planungen für den Geschäftsreisezug anliefen, wurden in einer internen Studie verschiedene Strecken auf ihre Attraktivität getestet. Ergebnis: Die Verbindung Hamburg-Berlin sei am besten geeignet.

Doch ausgerechnet diese Route galt wegen der Transrapid-Pläne als tabu - die beiden Metropolitan-Züge (Stückpreis: 26 Millionen Mark) wurden auf die Ruhr-Schiene gesetzt.

Im Bahnvorstand sind die Entscheidungen für den nachgeholten Berlin-Einsatz des Luxuszuges noch nicht gefallen. Doch die ersten Überlegungen sind viel versprechend.

Auch die Bahngewerkschaft zieht mit. Norbert Hansen, der Vorsitzende der Eisenbahner-Gewerkschaft: »Der Transrapid zwischen Hamburg und Berlin ist tot, wir brauchen dringend attraktive Alternativen.«

Parallel dazu plant das Bahnmanagement, in die Strecke selbst zu investieren. Priorität Nummer eins: Die Zahl der Bahnübergänge, die zum langsamen Passieren zwingen und damit die Fahrzeit erheblich verlängern, soll reduziert werden. So ließe sich die Reisezeit von derzeit knapp zweieinhalb Stunden deutlich verkürzen - nach Bahnberechnungen bis auf 94 Minuten.

Damit wäre der Metropolitan eine ernsthafte Alternative zum Flugzeug. Bahnchef Mehdorn, der sein Amt offiziell am 16. Dezember antritt, lobte den Zug bei einer Veranstaltung der Universität Dresden kürzlich als »Produkt der Zukunft«.

Vor einer Entscheidung muss Mehdorn nur eines tun, was er bisher versäumt hat: den Superzug selbst ausprobieren.

MARCEL ROSENBACH

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