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POST S + P

Minister Schwarz-Schilling will den Paketdienst aus den roten Zahlen bringen. Vorbild sind die privaten Unternehmen.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Ein Leimtöpfchen mit Pinsel, kleine und große Zettel bunt durcheinander, eine große Waage mit langjähriger Vergangenheit - so sieht der Arbeitsplatz eines Postbeamten in der Paketabfertigung aus.

Die bürokratische Idylle im elektronischen Zeitalter hat ihren Preis. Der Paketdienst zählt zu jenen Bereichen des gelben Staatskonzerns, die kräftig subventioniert werden müssen: Beim Transport von Päckchen und Paketen schafft die Post jährlich einen Verlust von 1,7 Milliarden Mark.

Einiges von dem vielen Geld geht gewiß deswegen drauf, weil die Post einen flächendeckenden Service anbietet und ein Päckchen auch in der Lüneburger Heide austrägt. Doch dieses allein verursacht nicht den milliardenschweren Fehlbetrag.

Rund 85 Prozent dessen, was die Paket-Beamten von Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling transportieren, geht an Firmen und Freiberufler oder kommt von ihnen. Auch da schreibt die Post rote Zahlen - ganz im Gegensatz zur privaten Konkurrenz.

Unternehmen wie der Deutsche Paket Dienst (DPD), United Parcel Service (UPS) oder Hermes legen jährlich zwischen 10 und 20 Prozent zu; die Postmengen dagegen verharren auf dem Stand der siebziger Jahre. Vor allem aber: Die Privaten verdienen mit Paketen und Päckchen Geld. Sie haben ihre Betriebe auf dem Stand der neuzeitlichen Technik.

Dahin will Schwarz-Schilling seine Post nun auch führen. Im nächsten Jahr wird der Minister das Bundesunternehmen in drei selbständige Firmen aufspalten, den Postdienst für Brief- und Pakettransport, die Postbank für die Geldgeschäfte und Telekom für die Fernmeldedienste. Das Telephon mit seinen Milliardengewinnen wird dann nicht mehr den defizitären Paketdienst subventionieren. Reformen sind daher dringend geboten.

Zunächst mal, allerdings, soll die Kundschaft mehr zahlen. Zum 1. April werden nicht nur Briefe, Postkarten und Drucksachen teurer, auch der Päckchen-Transport verteuert sich dann von 3,00 auf 3,50 Mark. Am 1. September kommen die Pakete dran. Die Aufschläge liegen teilweise über 20 Prozent.

Die höheren Preise werden die Postler nicht unbedingt konkurrenzfähiger machen. Doch die Paket-Spezialisten glauben, keine andere Wahl zu haben: Ohne die Zuschläge würde sich das 1,7-Milliarden-Defizit binnen weniger Jahre verdoppeln.

Bei der Preiserhöhung soll es nicht bleiben. Schwarz-Schilling will das Paket-Unternehmen endlich technisch und organisatorisch durchrationalisieren. 3000 der insgesamt 57 000 Arbeitsplätze im Kleingutdienst werden entfallen. Automaten statt Beamte: An den Sortierstraßen der Paketumschlagstellen soll bald kein Mensch mehr stehen, Strich-Codes, von den Absendern auf Päckchen gepappt, werden von Lasern entziffert; Computer verteilen das Transportgut nach Postleitzahlen; automatische Bänder schicken es Richtung Empfänger.

Schneller will Schwarz-Schillings Paket-Truppe werden und »flexibler auf Kundenwünsche« reagieren, wie der zuständige Abteilungsleiter im Postministerium, Richard Wohlfahrt, sagt. Kurz: Die Paket-Post will tatsächlich wie die private Konkurrenz arbeiten.

Da gibt es viel zu tun. Die Produktivität der Privat-Versender ist in allen Bereichen höher. Der durchschnittliche Postwagen beispielsweise läuft nur 11 000 Kilometer im Jahr, der DPD-Lkw fast siebenmal soviel.

Laser und Computersortierung, von der Post angestrebt, sind bei der Konkurrenz längst installiert. Deshalb stellen sie Pakete in etwa der halben Post-Zeit zu.

Vor allem aber hat die Post rund 17 000 Niederlassungen zu unterhalten, in der Mehrzahl unrentable kleine Landpostämter. Im Durchschnitt machen diese Ableger im Jahr 20 000 bis 28 000 Mark Verlust. »Partner in der Fläche« (Wohlfahrt) werden nun gesucht, um die Beamten in den Schwarz-Schilling-Dependancen mit zusätzlichen Tätigkeiten besser auszulasten.

Paßformulare wie Bauanträge sollen im Auftrag der Kommunalverwaltungen künftig bei allen Postämtern zu haben sein. Im niedersächsischen Städtchen Drochtersen wird das derzeit ausprobiert. Der Haken: Noch hat sich keine Gemeinde gefunden, die der Post solche Dienste auch bezahlen will.

Ohne Erfolg blieb auch ein Vorhaben, in das die Führung des Bonner Postministeriums große Hoffnung gesetzt hatte, der »Betriebsversuch S + P«. Die Abkürzung steht für Spedition und Post.

Es sollte ähnlich laufen wie bei der privaten Konkurrenz. Private Spediteure holen die Postpakete von Modehäusern und Buchläden, von Parteizentralen und Werbeagenturen.

Zu diesem Zweck schließt die Post Verträge mit privaten Speditionsfirmen. Die Spediteure sammeln ein und kalkulieren auf eigene Rechnung das Porto. Sie reichen das Paket an die Post weiter für den Ferntransport und die Zustellung; die Post berechnet ihre Gebühr, die Differenz zum Inkasso beim Kunden bleibt bei den Spediteuren.

Rund drei Dutzend Spediteure aus allen Teilen des Landes stiegen interessiert ein. Die Postler zeigten sich begeistert. Allerdings konnten auch die Paket-Profis der Post nicht an einem traurigen Fakt vorbeisehen: Die Spediteure »mußten auf Gewinn weitgehend verzichten«, notierten Schwarz-Schillings Beamte.

»Wir mußten der Post sechs Mark pro Paket abliefern«, klagt der Grevener Spediteur Heinz Fiege heute, »zusammen mit unseren eigenen Kosten kamen wir auf Preise von 7,50 Mark bis 10 Mark pro Paket.« Zu diesen Mondpreisen fanden sich allerdings kaum Kunden. Die Spediteure verloren schnell die Lust, Fiege beispielsweise stieg vor einem halben Jahr aus.

Vielleicht kommt er, wenn bei der Paketpost professioneller gearbeitet wird, irgendwann wieder zurück. Die Spediteure sind überzeugt, sie könnten, anders als die Post bis heute, mit Paketen Geld verdienen, wenn der Post-Betrieb rationeller arbeitet.

Das Vorbild der Privaten ist bestechend. Firmen, die ihre Laster in deren Auftrag rollen lassen, verdienen teilweise üppig. Die westfälische Spedition Hellmann schafft jährlich rund zehn Millionen Pakete für den DPD weg »und macht dabei schätzungsweise eine Mark pro Paket Gewinn«, ärgert sich ein Hellmann-Kollege.

Wissenschaftler wie Praktiker prophezeien dem Waren-Transportgewerbe für die Zukunft »wahnsinnige Wachstumsraten« (Fiege). Hersteller und Händler schmelzen ihre Lager ab, der klassische Zwischenhandel verschwindet in vielen Branchen - Tranporteure übernehmen das Lagern und das termingenaue Anliefern. Da wären genügend Chancen, für die Post wie für ihre potentiellen Partner aus dem Speditionsgewerbe.

Um die wahrzunehmen, wird Christian Schwarz-Schilling allerdings noch einiges tun müssen. Im Augenblick scheint selbst der Postminister die Leistungsfähigkeit der Privaten höher einzuschätzen als die eigenen Fähigkeiten.

Die Unterlagen zu den Jugendvertreterwahlen bei allen Oberpostdirektionen ließ der Minister kürzlich nicht von den eigenen Beamten befördern. Den Auftrag erhielt der Deutsche Paket Dienst.

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