Zur Ausgabe
Artikel 37 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

WALL STREET Sachen einpacken

Sachen einpacken Bei den New Yorker Börsen-Firmen verlieren Tausende von Händlern ihren Job. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Montag abend vorvergangener Woche gönnten sich die stets Überstreßten der New Yorker Finanzszene ein Vergnügen eigener Art: In geschlossener Veranstaltung sahen sich 130 von ihnen eine Aufführung des neuen Oliver-Stone-Films »Wall Street« an.

In diesem Film mimt Darsteller Michael Douglas ("Die Straßen von San Francisco") einen geldgierigen und Leute verschleißenden Finanzhai, der schließlich andere in illegale Machenschaften wie etwa den Verkauf von Insider-Informationen hineintreibt. So ähnlich, das war allen im Parkett natürlich bewußt, hatte es der Wall-Street-Artist Ivan Boesky getrieben.

Die 130 echten Finanzleute, unter ihnen Fusionsstratege Bruce Wasserstein von First Boston Corp., der Duftwasser-Manager Donald D. Drapkin von Revlon Inc. und der milliardenschwere Medienzar Laurence ("Larry") Tisch von CBS, sahen ihr tägliches Umfeld bedrohlich gut getroffen. Regisseur Oliver Stone, dessen Vater selbst an »der Straße« gejobbt hatte, war mit dem Film nicht ins Studio gegangen, sondern hatte auf Originalterrain gedreht: im Hause Broadway 222 (Eigentümer: First Boston Corp.)

Halb belustigt, halb verschreckt mußten die geladenen Dollar-Fürsten sehen, daß einer der ihren, der frühere Salomon-Brothers-Teilhaber und spätere zweite Bürgermeister von New York Kenneth Lipper, leibhaftig auf der Leinwand erschien. »Wir haben zu zeigen versucht«, so Lipper nach dem Film, »daß eine Desintegration der Wall-Street-Kultur geschah.«

Lipper, der inzwischen zu Wall Streets angesehensten Branchenanalysten gehört, sieht die Desintegration im Verschwinden vieler kleiner Maklerhäuser an der Ecke. Statt dessen, so Lipper, entstehen in New Yorks Finanzviertel Mega-Unternehmen: »Wenn man erst zuläßt, daß aus 500-Leute-Firmen 5000- und dann gar 30000-Mann-Unternehmen werden, geht die Kontrolle darüber verloren, wen man eigentlich einstellt.«

Die Übersicht könnte durch äußere Ereignisse wieder verbessert werden. Nun, da die große Hausse vorbei ist, besinnen die Investmentbanken sich auf das Stammpersonal. Die in Boom-Zeiten geheuerten Hilfstruppen der Dollar-Branche sollen wieder verschwinden.

Wall Street wiederholt damit einen alten Fehler: Wenn die Kurse steigen verstärken die Firmen den Trend durch Einsatz zusätzlicher Verkaufskolonnen. Wenn sie sinken, fliegen die Verkäufer wieder heraus. Und seit dem 19. Oktober, dem schwarzen Montag, ist zunächst einmal Baisse angesagt.

Der schwarze Montag hat nämlich bei etlichen Finanzfirmen Riesenlöcher in den Ertrag gerissen. Durch Kursverluste und hängengebliebene Wertpapierbestände aus Börsenmanövern verloren die Investmentbanken Hunderte von Millionen Dollar. Salomon Brothers, Goldman Sachs, Morgan Stanley und Shearson Lehman Brothers setzten allein bei der verunglückten Platzierung von Aktien des britischen Öl-Multis BP, der privatisiert _(Michael Douglas (l.). )

wird, zusammen 389 Millionen Dollar in den Sand.

Das Brokerhaus L. F. Rothschild geriet mit 44 Millionen Dollar Verlust in bedrohliche Schräglage. Die populäre Investmentbank Charles Schwab & Co. verlor 22 Millionen Dollar, weil sie sich in abenteuerliche Optionsgeschäfte eines Hongkong-Chinesen hatte hineinziehen lassen.

Die Bank-Holding Continental Illinois in Chicago mußte 90 Millionen Dollar in ihre Tochtergesellschaft First Options of Chicago Inc. schieben, die sich ebenfalls mit Optionsgeschäften verspekuliert hatte. Die an der Wall Street gehandelten Aktien der Investmentbanken, feinste Adressen eingeschlossen, sackten weit tiefer als der Durchschnitt.

Ungefähr 10000 Leute werden an der Wall Street für diese Reinfälle zu büßen haben - oder büßen dafür schon jetzt.

Salomon Brothers hatte sogar vor dem 19. Oktober mit dem Hinauswerfen angefangen. In den Büroetagen des Unternehmens waren am Freitagvormittag vor dem schwarzen Montag Blaukittel mit Dutzenden von Pappkartons erschienen die sie säuberlich über die einzelnen Räume verteilten.

Die Händler und Manager in den Büros hielten das zunächst für einen Witz. Dann aber, Stunden später, erschien der jeweilige Abteilungsleiter, gelegentlich gar Salomon-Chef John Gutfreund selbst. Die Herren verkündeten, was die Pappkartons zu bedeuten hatten: Sachen einpacken, verschwinden.

Um 800 Leute verkleinerte Salomon Brothers, Nummer drei unter den Investmentbanken Amerikas, weltweit sein Angestelltenheer. Die hochausgebildeten Analytiker des Unternehmens hatten als erste begriffen, daß die Aktiengeschäfte überreizt waren und das Geschäftsvolumen bald sinken würde. Als es dann unmittelbar darauf so kam zogen die anderen Firmen nach.

Am Freitag vor dem zweiten Advent gab das Management der im General-Electric Besitz stehenden Investmentbank Kidder, Peabody Inc. tausend seiner Leute blaue Briefe mit ins Wochenende. Leider, so hieß es im Haus, müsse die Firma sich wegen hoher Verluste von 13 Prozent ihres Personals trennen.

»Wall Street«, schrieb das New Yorker »Wall Street Journal«, »sieht seinem kältesten Weihnachtsfest seit Jahren entgegen. »

Eine Strecke von 5000 bis 6000 Entlassungen sehen Wall-Street-Kenner auch bei einem Vorgang voraus, der nach außen hin als Unternehmenszusammenschluß läuft: Die altehrwürdige Brokerfirma E. F. Hutton, seit einiger Zeit wegen einer undurchsichtigen Transaktion rufgeschädigt, begab sich in die Arme des Branchen-Zweiten Shearson Lehman Brothers, einer Tochtergesellschaft der American Express Company.

Shearson und Hutton gelten als besonders vollgestopft mit Personal. Vereinigt würden sie rund 47000 Leute beschäftigen, kaum weniger als der wesentlich kapitalstärkere Branchenführer Merrill Lynch. Kopfjäger an der Wall Street haben denn auch schon Witterung nach Spitzenkräften von Hutton aufgenommen. Ein Großteil des Fußvolks dagegen wird arbeitslos, wenn das Shearson-Management beim Zusammenleimen der Firmen Doppelbesetzungen ausmerzt.

Kurz nach dem Hutton-Schock traf es - nicht unerwartet - die Angestellten von L. F. Rothschild. Wegen eines »wesentlichen Umbaus der Firma«, so ihr Chef Andrew L. Berger, tatsächlich aber wegen arger Verluste, wird das Brokerhaus rund 875 Schlipsträger feuern - über 40 Prozent des Personals.

Insgesamt, so rechnen Kenner der Szene vor, wird das Personal der Investmentbanken auf den Stand der Zeit vor 1986 zurückgestutzt. »Jeder, den sie hier auf der Straße sehen«, so ein Wall-Street-Banker, »hat Angst vor dem nächsten Freitag« - dem Wochentag, an dem üblicherweise gekündigt wird.

Donald Roth, der beim Finanzriesen Merrill Lynch ganz oben wirkte hat es da schon besser. Er setzte sich als Vizepräsident zur Weltbank ab. Dort ist er unkündbar.

Michael Douglas (l.).

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 37 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.