Sal.-Oppenheim-Prozess Gutes Geld, schlechtes Geld

Er gilt als Deutschlands prominentester Investmentbanker: Nun hat Goldman-Sachs-Chef Alexander Dibelius als Zeuge vor Gericht auftreten müssen. Seine Aussage wirft ein Schlaglicht auf das Finanzgebaren des früheren Arcandor-Chefs Middelhoff.

Investmentbanker Dibelius: Was will er der Vorsitzenden Richterin sagen?
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Investmentbanker Dibelius: Was will er der Vorsitzenden Richterin sagen?

Von , Köln


Es geht gleich los, aber noch stehen sie draußen vor der Tür, Männer in Maßanzügen, mit goldenen Uhren und handgenähten Schuhen. Sie bilden einen Halbkreis um ihn, Christoph Alexander Dibelius, Deutschlands Star-Investmentbanker, der nun zu ihnen spricht. "Die Deals sind viel kleiner geworden", scherzt er, "früher, 200 Milliarden…" Den Rest verschluckt das Lachen der Runde.

Dibelius, Deutschland-Chef der US-Bank Goldman Sachs, ist ein kleiner, drahtiger Mann mit heller Stimme, der - falls sein vor allem aus Meetings und Projekten zu bestehen scheinendes Leben einmal verfilmt werden sollte - unbedingt von Tom Cruise gespielt werden müsste. Nicht nur sehen sich der Manager, 54, und der Schauspieler, 51, ein wenig ähnlich, sie teilen auch diese aufgesetzt wirkende Jungenhaftigkeit, die das Haifischlächeln ihrer Branchen nur noch unheimlicher erscheinen lässt.

"Sind Sie mit den Angeklagten verwandt oder verschwägert", fragt die Vorsitzende Richterin den Zeugen Dibelius etwas später in Saal 210 des Kölner Landgerichts.

"Soweit man das weiß nicht", antwortet der Banker aus Frankfurt, "aber da kann man heute nie ganz sicher sein." Dibelius grinst, die Richterin schaut etwas irritiert: Was will er ihr sagen?

Die letzte Generation Edel-Bankiers

Der Goldman-Sachs-Chef tritt an diesem Mittwochmorgen in einem der größten Wirtschaftsstrafverfahren der deutschen Justizgeschichte auf. Vor der 16. Großen Strafkammer müssen sich seit einem Jahr vier persönlich haftende Gesellschafter der noblen Privatbank Sal. Oppenheim verantworten: Matthias Graf von Krockow, Christopher Freiherr von Oppenheim, Friedrich Carl Janssen und Dieter Pfundt sind der Untreue in drei besonders schweren Fällen angeklagt. Ihrem Geschäftspartner, dem schillernden Troisdorfer Bauunternehmer Josef Esch, werfen die Ankläger Anstiftung und Beihilfe zur Untreue vor. Es geht um einen Schaden von knapp 150 Millionen Euro.

Die letzte Generation der Edel-Bankiers hatte ihr Geldhaus offenbar so weit heruntergewirtschaftet, dass es schließlich an die Deutsche Bank notverkauft werden musste. Ursächlich dafür waren wohl risikoreiche Aktiengeschäfte, merkwürdige Kreditvergaben und erfolglose Immobiliengeschäfte. Die Pleite des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor riss die Privatbank 2009 schließlich vollends in die Krise.

Dibelius wiederum soll nun als Zeuge beschreiben, wie es um Arcandor im Herbst 2008 stand, ob das Desaster abzusehen war. Um es kurz zu machen: Es sah nicht gut aus. Als Unternehmenschef Thomas Middelhoff ihn gefragt habe, ob denn Goldman noch mehr Kredite geben könne, habe er das abgelehnt, sagt der Banker. "Wollen Sie Ihrem schlechten Geld auch noch gutes hinterherwerfen?"

"Das war eine dramatische Situation damals, keine Frage"

Die Vorsitzende Richterin hält Dibelius im Verlauf seiner Befragung immer wieder E-Mails vor, die er mit Middelhoff damals ausgetauscht hatte. Ersichtlich wird aus den Dokumenten, wie verzweifelt der "Big T" genannte Manager um frisches Geld kämpfte, nachdem die Royal Bank of Scotland sich auf dem Höhepunkt der Finanzkrise als Kreditgeber des Warenhauskonzerns plötzlich zurückziehen wollte. "Das war eine dramatische Situation damals, keine Frage", sagt Dibelius. Später wird er noch ergänzen, dass die Arcandor-Führung über ihre ebenso zahlreichen wie ehrgeizigen Projekte jedoch auch vergessen habe, "das operative Geschäft in den Griff zu bekommen".

Jedenfalls mochte Dibelius seinerzeit kein Goldman-Geld mehr in das angeschlagene Unternehmen stecken, weshalb er seinem Buddy Middelhoff empfahl, es doch einmal bei Sal. Oppenheim zu versuchen. Die hätten ja wohl schon der Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz hohe Kredite gegeben und seien daher an dem Fortbestand der Firma besonders interessiert gewesen. "Natürlich fragt man sich, wer hat wann was wo zu verlieren?", beschreibt Dibelius die Überlegungen seiner Branche in solchen Momenten.

Privat muss sich der Star-Banker wohl gerade ganz ähnliche Gedanken machen. Nach SPIEGEL-Informationen verlangt nämlich seine Frau Andrea in einem Scheidungsantrag 150 Millionen Euro von ihm, was der Hälfte seines Vermögens entsprechen soll. Hinzu kommt, dass die Verhandlungsposition des Finanzfachmanns in diesem Fall eher unterdurchschnittlich gut sein könnte. Zum einen erwartet er laut "Bild"-Zeitung bereits mit einer Soap-Darstellerin ein gemeinsames Kind. Zum anderen sind brisante Informationen über seine persönlichen Steuersparmodelle in der Karibik an die Presse durchgestochen worden. Ob da womöglich ein Zusammenhang besteht?

Vor Gericht jedoch scheinen diese Sorgen weit weg zu sein. Überhaupt ist Dibelius immer ganz in seinem Element, wenn er in den Termini seiner Zunft schwelgen kann. Von "whitewashing" und "wallcrossing" ist dann die Rede, von "leveraged loans", "pik notes" und "sub-investment grades". Irgendwann wird es einem der durchweg lebensälteren Verteidiger zu viel: "Denken Sie, dass jeder hier Englisch von der ersten Klasse an gelernt hat?", fährt er die Vorsitzende an. Von da muss Dibelius sich selbst übersetzen. Er lächelt dazu.



insgesamt 21 Beiträge
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tommit 19.02.2014
1. Unheilbare Krankheiten
heilt man auch mit Staatskrediten nicht.... Und Middelhoffs Gesinnung war schon Jahre vor seinem x-ten Wechsel zu erkennen, viel interessanter wäre es zu wissen ob er trotzdem oder deshalb genommen wurde.. Strohmann statt Strippenzieher?
rolfkratzel 19.02.2014
2. Brauchen wir Banker u. Middelhoffs?
Die Welt braucht Banker, aber nicht diese Typen, die nur darauf aus sind, sich auf Kosten anderer unver-hältnismäßig zu bereichern. Der Anwalt war sehr human gestimmt: Er hätte Dibelius seine Fragen auf lateinisch stellen sollen, dann wäre der der Blamierte gewesen und wohl nicht mehr gelächelt.
z_beeblebrox 19.02.2014
3. Sorry,
erst las ich: ... weshalb er seinem Buddy Middelhoff empfahl, es doch einmal bei Sal. Oppenheim zu versuchen. Die hätten ja wohl schon die Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz * ausgeplündert ... * Ich hoffe, die Richterin hat auch mal in den Archiven des manager magazins gestörbert. Die haben schon vor Jahrzehnten das Bankhaus Oppenheim und vor allem diesen "Bauunternehmer" Esch auseinander gepflückt. Ohne Esch lief bei Oppenheim nix mehr. Die, einschl. dem Grafen, machten "Männchen" wenn Esch befahl. Die meisten Geschäfte waren durch die Bank (im wahrsten Sinne des Wortes) - wohlwollend gesagt - halbseiden. Mal wurde die Stadt Köln (und damit die Steuerzahler) ausgeplündert, mal wurden irgendwelche reichen Leute über den Tisch gezogen. Der Handel mit irgendwelchen Immobilien oder Immo-Zertifikaten wurden auch gut genutzt, um an frisches Geld zu kommen und weitere Leute über den Tisch zu ziehen. Beim Lesen wunderte man sich, dass die nicht schon alle hinter Gittern sitzen. Es wird diesmal wohl auch nicht passieren, denn der Graf & Co wissen alles besser und teilen es dem gericht gerne mit: geehrte Vorsitzende Richterin: Ich bin unschuldig! Schlagen Sie die Anklage nieder! (http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19690)
chris7516 19.02.2014
4. Nicht unterschätzen...
Zitat von rolfkratzelDie Welt braucht Banker, aber nicht diese Typen, die nur darauf aus sind, sich auf Kosten anderer unver-hältnismäßig zu bereichern. Der Anwalt war sehr human gestimmt: Er hätte Dibelius seine Fragen auf lateinisch stellen sollen, dann wäre der der Blamierte gewesen und wohl nicht mehr gelächelt.
Woraus schließen Sie, dass der Anwalt Latein spricht? Woraus schließen Sie, dass aus einer Theologenfamilie stammende Mediziner Alexander Dibelius kein Latein spricht? Warum sollte sich jemand blamieren, weil er eine Sprache nicht beherrscht, die seit Jahrhunderten nicht mehr gesprochen wird?
spiegelator 19.02.2014
5. Mein/Unser Dank sollte Leo Kirch gelten.
Nachdem Herr Kirch und seine Nachfolger die Schlacht mit der Deutschen Bank auf sich genommen haben und sogar über den Chefs Ackermann und Breuer das Damoklesschwert der Falschaussage schwebt, scheinen die Herren dieser Etage vor Gericht doch wesentlich gesprächiger zu sein. § 184 Gerichtsverfassunggesetz: Die Gerichtssprache ist deutsch.......... Das müsste Herrn Sibelius eigentlich bekannt sein. Es schon fast erheiternd, wenn das Verstecken hinter leeren Anglizismen-Phrasen beendet wird.
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