Sat.1 streicht Nachrichten "Haben Sie einen Job für uns?"

ProSiebenSat.1 setzt auf Unterhaltung statt Information: Ab heute gibt es Wiederholungen von Gerichtsshows statt News. Die Mitarbeiter der Nachrichtensendungen verstehen die Welt nicht mehr - die Quoten ihrer Sendungen waren gut.
Von Carolin Jenkner

Berlin – Mareile Höppner sieht man die Enttäuschung auf den ersten Blick nicht an. Sie sieht immer noch so aus, als könnte sie gleich vor die Kamera treten und die Nachrichten "Sat.1 am Mittag" moderieren: Dezent geschminkt, Sommerkleid, die Frisur sitzt perfekt. Sie muss es aussprechen, damit man ihr den Unmut anmerkt. "Es ist einfach eine Enttäuschung", sagt sie.

Um 12.30 Uhr am Montag hatten die Mitarbeiter von "Sat.1 am Mittag" einen Termin bei Senderchef Matthias Alberti. Der verkündete ihnen im distanzierten Ton, die gerade ausgestrahlte Sendung sei ihre letzte gewesen. Höppner sagt, sie habe nicht einmal Zeit sich von ihren Zuschauern zu verabschieden. "Statt Information kommt dann 'Richterin Barbara Salesch'", erzählt die 30-Jährige."Eine Wiederholung."

32 Mitarbeiter des Mittagsmagazins sitzen am Abend auf einer Bierzeltgarnitur im Berliner Szene-Biergarten Prater im Stadtteil Prenzlauer Berg. Der Tagesfrust wird mit Pils und Zigaretten übertüncht. Niemand von ihnen weiß so recht, wie es weitergeht.

Konzernweit sind bis zu 200 Jobs gefährdet, heißt es beim Sender, davon etwa 60 bei Sat.1 - rund ein Viertel der Belegschaft. Vor Monaten hatten Finanzchef Lothar Lanz und Permira-Deutschland-Chef Thomas Krenz noch versichert, es werde keinen Jobabbau geben. Doch Konzernchef Guillaume de Posch will die Rendite in den nächsten Jahren von derzeit 22,2 Prozent auf bis zu 30 Prozent steigern. Auf dem Konzern lasten zudem über vier Milliarden Euro Schulden. Der nun geplante Job-Abbau im Informationsbereich geht auf Empfehlungen der Unternehmensberatung McKinsey zurück.

Bei ProSiebenSat.1 heißt es: "Die Maßnahmen haben nichts mit den neuen Eigentümern KKR und Permira zu tun." Vielmehr gebe es seit längerem Überlegungen zu Kostenoptimierungen. Bis November werden die "Sat.1 am Mittag"-Macher noch bezahlt, so lange laufen die Verträge. Am Nachbartisch sitzen die Kollegen von "Sat.1 am Abend". Sie haben es ein bisschen besser: Die meisten haben unbefristete Verträge und hoffen, noch irgendwo anders im Unternehmen unterzukommen.

An welchem der beiden Tische man auch lauscht: Die Enttäuschung ist unüberhörbar. "Wir haben Samstag auf SPIEGEL ONLINE erfahren, dass die Sendung eingestellt werden soll", sagt ein Redakteur, der nicht genannt werden will. "Haben Sie vielleicht einen Job für uns?" Aus Enttäuschung wird Zynismus. "Willkommen auf unserer Abschiedsfeier", sagt ein anderer. Seit gut zehn Stunden wissen sie von ihrer Kündigung, seit vier Stunden sitzen sie im Biergarten. Das Thermometer zeigt auch um 23 Uhr noch 30 Grad an.

Mareile Höppner kann die Kündigung nur teilweise verstehen. "Es ist nachvollziehbar, dass ein großer Konzern sich entwickeln muss", sagt sie. "Aber ein quotenstarkes Format einzustellen, ist nicht in Ordnung." Es ist gar nicht lange her, da wurde Mareile Höppner laut einer Forsa-Umfrage zur "erotischsten Newsfrau Deutschlands" gewählt. Jetzt fühlt sie sich vor den Kopf gestoßen und weiß nicht, wie es weitergeht.

Neben ihr sitzt Stefan Wichmann, 39. Er war bis gestern Redaktionsleiter bei "Sat.1 am Mittag". "377 Sendungen haben wir zusammen gemacht", erzählt er. "Jeden Morgen sind wir aufgestanden, um ein gutes Magazin zu machen." Sendung Nummer 378 wird es nicht geben. Wenn Stefan Wichmann heute aufwacht, wird ihm etwas fehlen. Er rechnet vor, wie gut die Quote war: "Wir lagen vier Prozent über dem Senderdurchschnitt, waren bei den Zuschauern beliebt – und haben sie gut informiert. Das alles geht jetzt flöten für diese Unterhaltungsgeschichten."

Ein kleiner Funke Hoffnung bleibt noch. "Vielleicht können wir das Programm von außen weiterführen", sagt Wichmann. Also Outsourcing wie bei der Münsterschen Zeitung? Erst alle rauswerfen und dann zu schlechteren Bedingungen wieder anstellen? "Wir hoffen auf jeden Fall noch, dass es irgendwie weitergeht", meint Wichmann. Dann überlegt er einen Moment. "Wir sind voller Tatendrang", sagt er. "Wir wollen gutes Programm machen, egal für welchen Sender."

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