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WERFTEN Saubere Kalkulation

Sorgte die Deutsche Bank dafür, daß die »France« bei einer deutschen Werft umgerüstet wird?
aus DER SPIEGEL 34/1979

Als Kapitän Torbjorn Hauge im ersten Morgenlicht am vergangenen Mittwoch auf die Kommandobrücke seiner »Norway« kletterte, hatten andere bereits ganze Arbeit geleistet.

Etwa 50 militante französische Gewerkschafter waren noch in der Nacht mit Personenwagen, Bussen und Lkw auf die Schleuse des Ärmelkanal-Hafens Le Havre gerollt. Der größte Luxus-Liner der Welt, der in vergangenen glorreichen Jahren als »France« über die Ozeane gedampft war, konnte nicht wie geplant auslaufen.

Ende Juni hatte der norwegische Reeder Knut Klosters die »France«, die seit 1974 in Le Havre am »Kai des Vergessens« verrottet, für rund 35 Millionen Mark von einem saudi-arabischen Geschäftsmann gekauft. Und seither kämpften die kommunistischen Gewerkschafter Frankreichs erbittert um das ehemalige Luxus-Schiff.

1962 war die »France« von Le Havre erstmals zu einer Seereise ausgelaufen. Mit einer Länge von 315,5 Metern, einem Kaufpreis von 350 Millionen Franc und einer Turbinenleistung von 160 000 PS war das Passagierschiff zum Superlativ auf den Meeren und zum Stolz der Grande Nation geraten.

Doch der ganze Aufwand rentierte sich nicht. Schon bald mußte der Staat Jahr für Jahr Millionen zuschießen, um das Schiff und seine 1100 Mann Besatzung über Wasser zu halten. Allein im letzten Dienstjahr, 1974, erreichte der Zuschuß 100 Millionen Franc.

Danach konnte offenkundig niemand mehr etwas Rechtes mit dem Super-Schiff anfangen. Für den Norweger Klosters ist das nicht verständlich, er hält die »France« noch heute für »das feinste Schiff, das je gebaut wurde«.

Es ist jedenfalls gut genug für Klosters' Musikdampfer-Flotte, die mit US-Touristen an Bord in der Karibik kreuzt. Mit einem totalen Umbau der Innenräume und der Decks sowie mit neuer Technik im Maschinenraum will Klosters die Ex-»France« zum Star seiner Karibik-Flotte machen.

Der Empfang für den neuen Eigner war in Le Havre zunächst durchaus freundlich. Erst als Klosters entschied, er werde die in »Norway« umgetaufte »France« nicht etwa in ihrem Heimathafen Le Havre, sondern in Bremerhaven bei Hapag-Lloyd aufmöbeln, revoltierten die Franzosen.

Das, so befanden die Gewerkschaften wie auch der kommunistische Bürgermeister von Le Havre, sei »der Gipfel der Demütigung«. Die Regierung müsse einschreiten, damit die alte »France«, wenn sie schon nicht mehr unter französischer Flagge fahren sollte, doch wenigstens von französischen Werftarbeitern umgebaut werde.

Doch das Angebot der Franzosen mochte Klosters »aus wirtschaftlichen Gründen« nicht annehmen. 160 Millionen Mark abzüglich eines Regierungszuschusses von 28 Millionen wollten die Werften von Le Havre für den Umbau haben. Hapag-Lloyd dagegen will mit 90 Millionen auskommen und auch noch in 32 Wochen fertig sein. Die Franzosen hatten rund zehn Monate veranschlagt.

»Das ist«, so Eckard Knoth, Hapag-Lloyd-Geschäftsführer in Bremerhaven, »Ergebnis einer ganz normalen und sauberen Kalkulation.«

Ihren Discount-Preis bringen die Bremerhavener sogar ohne Staatshilfe zustande; denn Schiffs-Subventionen gibt es in der Bundesrepublik normalerweise nicht für Um-, sondern nur für Neubauten.

Kostengünstiger können die Bremerhavener vor allem deswegen kalkulieren, weil sie im Gegensatz zu den Werften von Le Havre mit Umbau-Aufträgen schon etliche Erfahrung haben.

So wurden für Klosters bereits zwei Holland-Liner in die Karibik-Kreuzer »Starward II« und »Sunward II« verwandelt. »Beide Male«, so Knoth, »zur vollsten Zufriedenheit des Reeders und in absoluter Rekordzeit«.

Branchen-Insider wollen allerdings auch wissen, daß bei dem Geschäft zwischen der Norwegian Caribbean Lines des Knut Klosters und der Hapag Lloyd noch ein Dritter nachgeholfen hat. Die Deutsche Bank, so die Gerüchte, habe früher schon Geld in Klosters Schiffe gesteckt. Die gleiche Bank aber hält auch mehr als 25 Prozent an Hapag-Lloyd-Aktien in ihren Tresoren.

Nach Meinung des französischen Werften-Verbandes allerdings war der Auftrag für die Franzosen von Anfang an verloren. »Für diese ungewohnte Arbeit ist Le Havre nicht ausgerüstet, und der Produktivitätsunterschied zu den Deutschen ist gewichtig«, befand der Verband.

Die Gewerkschafter von Le Havre und die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) sahen das noch am Mittwoch anders: »Die technischen Mittel und die Arbeitskräfte für den Umbau sind in Le Havre vorhanden.«

Am Donnerstagmorgen hatte die Polizei die Hafenschleuse geräumt, und am Freitag traf in Bremerhaven die gute Nachricht ein, daß vier Schlepper die »Norway« am Samstag auf hohe See bugsieren würden.

Knoth freut sich schon auf den ramponierten Riesen: »Da kann man ordentlich was draus machen.«

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