Schattenseiten der Wall Street Börsendeals im Strip-Club

Die Wall Street hat einen neuen Skandal: Es geht um bizarre Business-Praktiken, um missverstandene politische Korrektheit - und, wie immer, um Millionen von Dollar. Anlass des Aufruhrs sind vier Banker von Morgan Stanley, die wegen eines Besuchs im Strip-Club gefeuert wurden.

New York - Sie taten alles, um die Sache nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Die Pressestelle schweigt sich noch heute auf Anfragen aus. Doch dies ist New York, nichts bleibt hier lange geheim, und so sickerte es am Ende doch durch, unweigerlich.

"Morgan Stanley feuert Mitarbeiter wegen Besuchs im Strip-Club", so die Schlagzeile einer süffisanten Meldung im "Wall Street Journal". Die Agentur Reuters folgte nur wenig später. Beide beriefen sich auf "eingeweihte Personen".

Anlass der unrühmlichen Meldungen, die für viel Wirbel sorgten, waren ein Aktienanalyst und drei Verkaufsangestellte der Bank, die an einer Morgan-Stanley-Konferenz in Phoenix teilnahmen. Der überquellende Luxus der Tagungsstätte, eines der Top-Hotels der USA, genügte ihnen offenbar nicht: Die Banker setzten ihre Börsengeschäfte mit, wie es in den Medien hieß, "einem oder mehreren Klienten" spätabends fort - in einem Strip-Club.

Als sich dieser Ausflug in der New Yorker Morgan-Stanley-Zentrale herumsprach, herrschte dort große Empörung. Die Bank, so ließ der seit kurzem unter neuer Führung operierende Konzern verlauten, habe strengste Regeln gegen "diskriminierende Veranstaltungen". Die vier lüsternen Herren wurden fristlos gefeuert.

Nicht in den Strip-Club eingeladen

Allerdings geht es dem Unternehmen keineswegs um die Wahrung der Moral im Zeichen der allgegenwärtigen, neuen Christlichkeit Amerikas. Morgan Stanleys Schicklichkeitsregeln wurzeln in einem teuren und skurrilen Gerichtsvergleich, den die Firma 2004 einstecken musste, nachdem die Brokerin Allison Schieffelin sie wegen sexueller Diskriminierung verklagt hatte.

Nach langem Hin und Her zahlte Morgan Stanley da - ohne ein Schuldeingeständnis - 54 Millionen Dollar. Zwölf Millionen Dollar gingen an Schieffelin. Der Rest landete in einem Topf, aus dem 67 weitere Ex-Mitarbeiterinnen entschädigt wurden.

Das Interessante liegt im Kleingedruckten des Vergleichs. Schieffelins Klage - seither Pflichtlektüre für alle Justitiare an der Wall Street - warf dem Morgan-Stanley-Management eine lange Litanei frauenfeindlicher Untaten vor. Darunter: "Ausschluss von Frauen von Sport-Events, gesellschaftlichen Veranstaltungen und Kundenausflügen".

Als Beispiel für derlei "Kundenausflüge" des Traditionsunternehmens nannte die Klage auch die gelegentliche Stippvisite in "Strip-Clubs" und "Oben-Ohne-Bars". Dabei sah das Gericht Schieffelin keineswegs deshalb diskriminiert, weil auf diesen feucht-fröhlichen "Nur-für-Männer-Treffen" trunkene Banker jeglichen Nadelstreifen-Dünkel über Bord warfen und sich ungehemmt an nackten Frauen verlustierten. Nein, die Diskriminierung bestand stattdessen darin, dass die Klägerin selbst in solche Clubs "nicht mit eingeladen" worden war - trotz bittender Nachfrage ihrerseits, wohlgemerkt.

"In Strip-Clubs gehen ist Tradition"

Seitdem sind "exklusive Männer-Events" bei Morgan Stanley verboten. Sein Unternehmen, schreibt der neue CEO John Mack im hausinternen Ehrenkodex, schwöre nunmehr feste auf "Integrität, Exzellenz, Respekt für Individuen und Kulturen". Mit anderen Worten: Hätten die vier Jungs in Phoenix eine Kollegin mitgenommen, wären sie wahrscheinlich noch mal mit einem blauen Auge davongekommen.

Nicht dass sie an der Wall Street die Einzigen wären, die sich dergestalt vom Tagesstress entspannen. "Geschäftsleute gehen nun mal gerne in Strip-Clubs", weiß Allen Wastler, Kolumnist fürs Wall-Street-Magazin "Money". "Vor allem bei Tagungen. Es ist Tradition. Und zum Teufel, es macht Spaß." Viele "Typen in Hemd und Krawatte" würden den Rausschmiss der vier armen Morgan-Stanley-Sünder wohl mit einem stillen Stoßseufzer und den Worten "Da bin ich noch mal davongekommen" kommentieren.

Das Geschäft mit dem Frauenfleisch scheut Börsianer ohnehin wenig. Im Gegenteil: "Gentlemen's Clubs" gelten als ausgesprochen gute Anlage. Die Stripper-Kette Rick's Cabaret International, die an der Nasdaq-Börse notiert ist und florierende "Cabarets" in Manhattan und anderen US-Großstädten unterhält, finanziert sich zum Teil mit Hedgefonds-Beteiligungen. Auch die "Hustler"-Clubs der Porno-Legende Larry Flynt verdanken ihre Existenz, so jedenfalls hartnäckige Gerüchte, dem Interesse eines Hedgefonds. Wenn's um Geld geht, ist an der Wall Street kein Platz für Prüderie - schließlich geben die Amerikaner im Jahr rund zehn Milliarden Dollar für Pornoprodukte aus, da will man was abhaben.

"Alle haben sich amüsiert"

Die Zerstreuungsversuche der Morgan-Angestellten offenbarten noch eine andere Schattenseite der Wall Street. Mit immer exorbitanteren Events, Geschenken und "Incentives", die bald an Bestechung grenzen, umgarnen die Broker ihre Kunden und Investoren: Dazu gehören neben Weinkisten für 4500 Dollar, VIP-Tickets für Wimbledon, den Super Bowl und Britney-Spears-Konzerte auch "Freizeitaktivitäten", wie sie die vier geschassten Banker genossen. Schon seit Monaten ermittelt die US-Börsenaufsicht deswegen in der gesamten Investmentbranche, und auch dafür hat Morgan Stanley per außergerichtlicher Einigung bereits einmal 50 Millionen Dollar hingeblättert.

Im Visier der Fahnder steht da auch die größte Mutualfonds-Firma der USA, Fidelity, die in dem Zusammenhang bereits einen Cheftrader degradiert hat. Längst legendär ist auch der Junggesellenabschied des damaligen Star-Brokers Thomas Bruderman. Der flog Freunde, Kollegen, Kunden sowie "mindestens zwei Damen, von denen die Ermittler glauben, dass sie bezahlt wurden" ("Wall Street Journal"), per Privatjet von New York nach Miami Beach. Auf dem Programm standen dort eine Rundfahrt auf einer Jacht sowie die Zirkus-Darbietungen eines Zwergs, der hernach mitteilte: "Alle haben sich amüsiert."

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