Zur Ausgabe
Artikel 30 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

INDUSTRIE Schaufeln am Grab

Im Massenkunststoff- und Chemiefasergeschäft, den traditionellen Wachstumsbranchen, stehen Deutschlands Chemie-Konzerne in der Flaute.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Herbert von Karajan wird den Taktstock schwingen, und Rias-Bandleader Horst Jankowski wird zum Ball aufspielen lassen, wenn in der nächsten Woche in Berlin die Spitzen der deutschen Groß-Chemie den hundertsten Geburtstag ihres Branchen-Verbandes feiern.

Außer ihrem Jubelfest jedoch verspüren die Chemie-Industriellen, so Verbandspräsident und Hoechst-Chef Rolf Sammet, »keinen Anlaß zum Jubeln«. Denn die größte deutsche Industriebranche (Umsatz 1976: gut 90 Milliarden Mark) ist außer Tritt geraten.

Nur noch magere 1,8 Prozent Umsatzplus konnten die von drei Jahrzehnten Wachstum verwöhnten Chemie-Manager in den ersten sieben Monaten des Jahres verbuchen. Die Gesamtindustrie brachte es auf immerhin 6,1 Prozent.

Zwar hatte die Sammet-Branche schon vor zwei Jahren mit einem Umsatzrückgang um 10,7 Prozent schlechter abgeschnitten als alle übrigen Industriezweige, die im Durchschnitt nur 2,2 Prozent Minus machten. Doch konnten die Chemie-Unternehmen 1976 ihre Schlappe mit einem überdurchschnittlichen Plus von 14,2 Prozent ganz gut wieder wettmachen.

Ob den Herstellern von Pillen und Plastik, Farben und Fasern auch diesmal postwendend eine Revanche gelingt, erscheint allerdings zweifelhaft. Zunehmend nämlich hemmen neben der allgemeinen Konjunktur-Flaute unübersehbare Strukturschwächen das Wachstumstempo der einstigen Dauergewinner.

Viel zu optimistische Absatzprognosen für ihre Boomprodukte Chemiefasern und Kunststoffe verführten die internationalen Chemie-Riesen zum Bau von Überkapazitäten, die jetzt Preise und Gewinne zusammendrücken.

Horrende Verluste fahren die Konzerne vor allem am zerrütteten Fasermarkt ein. Allein in den beiden letzten Jahren riß das Synthetik-Debakel Westeuropas Faserfabrikanten ein Loch von insgesamt fast fünf Milliarden Mark in die Kasse. Allein im ersten Halbjahr 1977 verloren beispielsweise die Hoechster 110 Millionen Mark. Hans Günter Zempelin, Chef des Branchenführers Enka-Glanzstoff: »Selbst der heißeste Konjunkturaufschwung könnte unsere Probleme nicht lösen.«

Um die Dauerkrise zu überleben, mußten die Enka-Manager in ihren. deutschen und holländischen Werken in den letzten drei Jahren über 10 000 Mann, jeden vierten Faser-Werker, aus den Lohnlisten streichen. Zempelin: »Das war Knochenarbeit.«

Reihenweise schlossen auch die Enka-Konkurrenten unausgelastete Fabriken. So kündigte die deutsche Tochter des britischen Chemie-Multi ICI im Frühjahr die Schließung ihres erst 1971 in Betrieb genommenen hochmodernen Faserwerks Offenbach in der Pfalz (760 Beschäftigte) an. Bayer beschloß nicht viel später die Stillegung seiner Dormagener Perlonfäden-Produktion mit über tausend Arbeitsplätzen.

In den Ausbau der von ihnen kontrollierten Faserwerke Hüls steckten die Bayer-Manager noch in den letzten Jahren über 100 Millionen Mark, bevor sie vergangenen Monat aufgaben. Bei 118 Millionen Mark Umsatz hatten die Bayer-Bosse in Hüls stolze 72 Millionen Mark Verlust erwirtschaftet.

Einen politischen Eklat provozierte Hoechst-Chef Sammet, als er im April, ohne den Berliner Senat vorzuwarnen, sein chronisches Verlustwerk Spinnstoffabrik Zehlendorf kurzerhand auf die Liquidations-Liste setzte. Wütend kreidete der damalige Bonner Wirtschaftsminister und künftige Hoechster Hausbankier (Dresdner Bank) Hans Friderichs dem Berlin-Rückzügler Sammet in einem offenen Brief »schlechten Stil« an.

Während die Deutschen überflüssige Anlagen einmotten, zogen vor allem die Italiener trotz gewaltiger Verluste neue Fabrikhallen hoch. Anders als die deutschen Privatkonzerne können Roms Regiebetriebe die Milliarden-Defizite ihrer Beschäftigungs-Projekte über das inflationäre Staatsbudget sozialisieren. Marktwirtschaftler Zempelin: »Wenn ein Eigentümer die Lizenz zum Gelddrucken hat, stimmt der Wettbewerb eben nicht.«

Das Fiasko am Fasermarkt nahm inzwischen solche Ausmaße an, daß selbst die sonst sehr zurückhaltende EG-Kommission in Brüssel aktiv wurde. Industrie-Kommissar Etienne Vicomte Davignon brachte eine offizielle Empfehlung heraus, keine staatliche Hilfe mehr für neue Faser-Kapazitäten zu bewilligen. Italien und die auf ausländische Industrieansiedler erpichten Iren aber wollen sich gegen diese Empfehlung sperren.

Noch weniger Chancen als ein europäischer Neubaustopp jedoch haben Rettungsmodelle wie das von deutschen Faser-Industriellen im Bonner Wirtschaftsministerium neuerdings vorgeschlagene »temporäre Krisenkartell« (Hoechst-Vorstand Kurt Lanz).

In Otto Graf Lambsdorffs auf keimfreie Marktwirtschaft eingeschworenem Wirtschaftsministerium jedoch haben solche Pläne einstweilen keine Chance. Lambsdorffs Chemie-Beamter Franz-Josef Niess: »Die müßten erst einmal einen konkreten Abbauplan vorlegen.«

Bevor noch die Faserspinner sich mit Betriebseinschränkungen, Sozialplänen und Massenentlassungen in ihren Faserfabriken beschäftigen können, droht auch schon der zweite Träger ihrer Expansion zu wanken: die auf ähnlichen Grundpatenten wie die Fasern aufgebauten Massen-Kunsttoffe.

»Die Weltproduktion an Kunststoffen verdoppelt sich alle vier Jahre«, hatte 1969 BASF-Chef Bernhard Timm getönt, »noch schneller vollzieht sich das Wachstum bei den synthetischen Fasern, deren Produktion im Durchschnitt schon nach drei Jahren auf das Doppelte anwächst.«

Begeistert von ihren eigenen Wachstumsprognosen, hatten die Chemie-Konzerne Riesenkapazitäten für die Kunststoff-Fertigung hingestellt, die weit über den wirklichen Bedarf ausgelegt waren. Jetzt, nur acht Jahre später. fürchtet BASF-Vorstand Herbert Willersinn bereits, daß sich die »Störung der Gleichgewichtslage ... zu einer echten Strukturkrise aufschaukelt«.

Blenden ließen sich die Investitionsplaner der Konzerne durch rasante Absatzsteigerungen bei Kunststoffen, die noch Anfang der siebziger Jahre mit durchschnittlich 17 Prozent fast doppelt so hoch lagen wie die Wachstumsrate der gesamten Chemiebranche.

Doch mit der Ölkrise und der explosionsartigen Verteuerung der petrochemischen Rohstoffe knickte der schöne Boom. Plötzlich wurden die Kunststoff-Verbraucher sparsam. Selbst mit Einkaufstüten geizten die Deutschen unter dem Druck der Bonner Regenten. die gegen das Wegwerfen von Plastik-Erzeugnissen auftraten. BASF-Willersinn: »Seither haben wir ein Nullwachstum zu verzeichnen.«

Folge der Stagnation: Viele Chemie-Anlagen sind nicht einmal mehr zu 60 Prozent ausgelastet. Wie die Faser-Verkäufer schon längst, so baggern auch die Überproduzenten in Kunststoff ihre Ware über die Grenzen und unterbieten sich gegenseitig. Günter Metz. Sparten-Manager bei Hoechst: »Dieser Tourismus im Kunststoffgeschäft hat zu einem starken, bei einigen Produkten sogar ruinösen Preisverfall geführt.«

Auf dem Weltmarkt treffen die Verkäufer deutscher Chemieprodukte zudem immer mehr auf das Angebot bisher unterindustrialisierter Länder. Selbst Indien und Schwarzafrika produzieren längst Massenkunststoffe und synthetische Fasern.

Vor allem der immer stärker für den in Verruf geratenen Grundstoff PVC eingesetzte Renner Polypropylen wird schon bald zu einem Kampfprodukt werden. Allein in diesem und im nächsten Jahr wollen den bisher 13 Anbietern in Europa sieben weitere Großproduzenten Konkurrenz machen und die derzeitige Kapazität von 1,5 Millionen Tonnen um weitere 700 000 Tonnen aufstocken. Heimo Emminger, Geschäftsführer des Frankfurter Kunststoffverbandes und Sohn von Bundesbank-Präsident Otmar Emminger: »Die meisten haben aus der Faserkrise nichts gelernt.«

Nach Europa kam unter anderem der US-Chemieriese und weltgrößte Polypropylen-Hersteller Hercules, der im Juni mit einer Mammutanlage am belgischen Albert-Kanal für 100 000 Jahrestonnen seinen Einstand gab.

Der Stoff, aus dem Joghurt-Becher und Fischernetze, Teppichböden und Kunstrasen gefertigt werden, soll überdies auch aus neuen Aggregaten von ICI im britischen Wilton, Montedison in Belgien und der Chemietochter ATO des französischen Ölkonzerns Elf-Aquitaine fließen.

Ähnlich der französischen Elf mischen auch die internationalen Öl-Giganten längst im Kunststoffgeschäft mit. So baut der US-Konzern Amoco eine Riesenanlage in Belgien. Die norwegische Norpolefin, die ihr Öl aus dem Nordseeboden holt, zieht bei Stavanger eine ähnliche Anlage hoch (Emminger: »Nur weil die Schweden auch eine haben"), und Shell baut in Frankreich.

Mit einem Kunststoff-Umsatz von über zwei Milliarden Mark ist der britisch-holländische Royal Dutch/Shell-Trust, der nicht so reichlich wie Exxon und BP mit eigenen Ölquellen versorgt ist, längst in die Spitzengruppe der internationalen Petrochemie vorgestoßen, wo die Tonne Rohöl besser zu verwerten ist als in der Benzinraffinerie. »Der Name Shell«, urteilt das Fachzirkular »Kunststoffberater«, »erhielt eine neue Bedeutung.«

Noch hoffen die Alteingesessenen der Branche, daß »aufgrund der realen Lage einige der in Aussicht genommenen Projekte gestrichen oder zumindest zeitlich verzögert werden«, so BASF-Manager Willersinn. Späteren Ausreden beugt Branchensprecher Emminger schon jetzt vor: »Jeder muß sich dann sagen lassen, daß er sein eigenes Grab mitgeschaufelt hat.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 78
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.