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ERNÄHRUNG Schinken aus Öl

Der britische BP-Konzern will sich mit der industriellen Produktion von Eiweiß aus Erdöl einen neuen Geschäftszweig erschließen. Eine Protein-Gewinnungsanlage soll auch in der Bundesrepublik gebaut werden.
aus DER SPIEGEL 12/1973

In der Hamburger BP-Zentrale läßt Direktor Dr. Gerhard Voss ausgewählten Gästen seit kurzem ein »besonders nahrhaftes Teegebäck servieren: Kekse aus Mehl und Erdöl-Proteinen.

Mit den hausinternen Geschmacksproben bereitet sich der Chef des Bereichs Forschung und Chemie auf einen neuen Geschäftszweig in der Bundesrepublik vor. Nachdem der Konzern bereits in England und Frankreich zwei Proteingewinnungsanlagen baute, will er nun auch in Westdeutschland eine Eiweißfabrik errichten. Kosten des Projekts, das in »verkehrsgünstiger Lage an der Nordseeküste« entstehen soll: rund 160 Millionen Mark.

Auf die Idee, den übelriechenden Rohstoff Erdöl für die Ernährung der Menschheit zu nutzen, kamen die BP-Bosse durch den französischen BP-Wissenschaftler Alfred Champagnat.

Der Konzern-Chemiker sollte erkunden, wie die Verstopfung von Rohren und Filtern bei Autos und Flugzeugen durch sogenannte N-Paraffine (Normalparaffine) vermieden werden kann. Diese Kohlenwasserstoffe haben nämlich die Eigenschaft, bei Kälte wachsartig auszukristallisieren.

Da der Forscher wußte, daß N-Paraffine zahlreichen Mikroorganismen als »besonders schmackhafte Nahrung dienen » setzte er einem mit Mineralsalzen, Sauerstoff und Stickstoff angereicherten Gasöl Hefekulturen zu. Ergebnis: Die Mikroorganismen leisteten als Paraffinvertilger so gründliche Arbeit, daß sie sich alle vier Stunden auf das Doppelte vermehrten.

Als Champagnat das Dieselöl von der Hefe trennte, behielt er ein geruchloses weißgelbes Konzentrat zurück. Laborproben ergaben, daß es aus hochwertigem Eiweiß bestand.

Da in weiten Teilen der Welt Unterernährung der Bevölkerung mit Eiweißmangel gleichzusetzen ist, ließ die Londoner BP-Zentrale umfangreiche Untersuchungen über die wirtschaftliche Bedeutung des Champagnat-Verfahrens anstellen. Ernährungsexperten kamen dabei zu aufsehenerregenden Ergebnissen. Ein weidender 500-Kilogramm-Ochse, so ermittelten sie unter anderem, erzeugt in 24 Stunden ein halbes Kilogramm Eiweiß. 500 Kilogramm Mikroorganismen, nach dem neuen Verfahren auf Dieselöl angesetzt, produzieren in der gleichen Zeit 1750 Kilogramm Eiweiß.

Die Aussicht, die »Menschheit mit Hilfe des Erdöls zu ernähren« (BP-Broschüre) erschien den Konzern-Chefs so verlockend, daß sie rund 150 Millionen Mark in industrielle Eiweiß-Anlagen investierten. In der BP-Raffinerie Lavera bei Marseille zum Beispiel, wo Champagnat seit 1963 eine kleinere Versuchsanlage zur Verfügung steht, wurde 1972 eine Protein-Fabrik in Betrieb genommen, die jährlich 20 000 Tonnen Eiweiß für den Futtermittelmarkt liefert.

Eine weitere Eiweißgewinnungsanlage (Jahresproduktion: 4000 Tonnen) ließen die Konzernherren in Grangemouth (Schottland) errichten, wo BP-Ingenieure das Verfahren weiterentwickelten. Während in Lavéra Gasöl als Rohstoff benutzt wird, besteht das Ausgangsmaterial in Grangemouth aus reinem Paraffin. Vorteil des neuen Verfahrens: Das Normalparaffin wird vollständig in Eiweißkonzentrat umgesetzt.

Ihr bisher größtes Proteinprojekt wollen die BP-Bosse bis 1975 gemeinsam mit der ENI-Gruppe in Sarroch auf der Insel Sardinien verwirklichen. Vorgesehene Jahresproduktion: rund 100 000 Tonnen Eiweiß.

Freilich ist es den BP-Forschern noch nicht gelungen, aus ihren Erdölproteinen schmackhafte Schnitzel herzustellen. Zu saftigen Braten läßt sich Erdöleiweiß derzeitig nur auf dem Umweg über Hühner- und Schweine-Mägen verwandeln. Eine Reihe von westeuropäischen Landwirten verfüttert das Industrieprodukt anstelle des knapp gewordenen Fischmehls. Mit westdeutschen Futtermittelherstellern verhandelt BP bereits über Lieferabkommen.

Untersuchungen in zahlreichen wissenschaftlichen Instituten, unter anderem in der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig, haben inzwischen bestätigt, daß BP-Proteine in der Geflügel- und Schweinemast besonders gut geeignet sind.

Der Fleischgeschmack wird durch Erdölproteine fast überhaupt nicht beeinflußt. Bei einem Demonstrationsversuch in der Londoner BP-Zentrale durften 250 Direktoren und Angestellte Schinkenscheiben von einem normal gefütterten Hausschwein und einer mit Erdölproteinen gemästeten Sau kosten. Ergebnis: 86 Testessern schmeckte der normale Schinken am besten, 80 Personen bevorzugten den Ölschinken, während 84 Versuchspersonen überhaupt keinen Geschmacksunterschied feststellen konnten.

Große Absatzchancen haben sich die BP-Manager vor allem auf dem deutschen Markt ausgerechnet. Denn die Bundesrepublik gilt in der EWG als größter Verbraucher von Fischmehl und Sojaschrot. Allein 1972 wurden in der Bundesrepublik 505 000 Tonnen Fischmehl und 2,76 Millionen Tonnen Sojaschrot verkauft. Voss: »Seit den ersten Veröffentlichungen über unsere Versuche erhielten wir immer wieder Anfragen, wo entsprechende Futtermittel auf dem Markt erscheinen«

Um dem zu erwartenden Ansturm auf BP-Proteine gewachsen zu sein, hat die Hamburger BP beim Landwirtschaftsministerium in Bonn schon vor

Nach seiner Festnahme.

drei Jahren eine Genehmigung für den Vertrieb von BP-Futtermitteleiweiß beantragt. Nachdem das Produkt von einer Fachkommission eingehend begutachtet worden war, erhielt BP im November 1972 die Eintragung in das »Register für Futtermittel«.

Sorge bereitet den BP-Managern bisher freilich noch die Rentabilität ihrer Proteinanlagen. Denn laut Voss liegt die Proteinherstellung immer noch »an der Grenze der Wirtschaftlichkeit«.

Die Aussichten, mit den Preisen der Futtermittelindustrie gleichzuziehen, haben sich in letzter Zeit allerdings stark verbessert. Da die Anchovisfischfänge im Pazifik stark nachließen, stiegen die Fisch mehlpreise binnen kurzer Zeit um mehr als 100 Prozent.

Auch ein Teil der Investitions- und Forschungskosten dürfte BP bald wieder zurückbekommen. Außer den Japanern haben sich in der Londoner BP-Zentrale nämlich auch mehrere Ostblockstaaten um Lizenzen für das Champagnatverfahren bemüht.

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