Schlacht um Schering Merck gibt auf

Im Übernahmekampf um den Berliner Pharmahersteller Schering will Konkurrent Merck kein neues Angebot vorlegen. Damit ist der Weg frei für den Leverkusener Bayer-Konzern. Für Unmut allerdings sorgt der nun drohende Stellenabbau. Selbst Kanzlerin Merkel schaltet sich ein.


Darmstadt/Berlin/Leverkusen - "Die Geschäftsleitung der Merck KGaA ist zu der Auffassung gelangt, dass ein höherer Preis je Schering Aktie aus der Sicht von Merck nicht gerechtfertigt ist, und hat sich deshalb entschieden die geplante Übernahme von Schering nicht weiterzuverfolgen", teilte das Darmstädter Unternehmen heute mit. Merck hatte bislang 77 Euro pro Aktie oder insgesamt 14,6 Milliarden Euro für Schering geboten. Gestern hatte Bayer eine Gegenofferte lanciert. Die Leverkusener bieten 86 Euro pro Anteilsschein oder insgesamt 16,3 Milliarden Euro für den Berliner Dax-Konzern.

Bayer will Schering: Coup geglückt, Merck gibt auf
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Bayer will Schering: Coup geglückt, Merck gibt auf

Der Bayer-Coup wäre der größte Zusammenschluss in der deutschen Pharmaindustrie. Verlierer wären allerdings die Arbeitnehmer. Bayer erwartet durch den Zusammenschluss Synergien in Höhe von rund 700 Millionen Euro jährlich. Etwa jede Zehnte der weltweit 60.000 Stellen in der Pharmasparte werde in den nächsten Jahren gestrichen, sagte Bayer-Chef Werner Wenning. Auch betriebsbedingte Kündigungen schloss er nicht aus.

In der Politik sorgte die Ankündigung für Unmut. "Die Bundesregierung erwartet, dass bei einer möglichen Übernahme von Schering durch Bayer oder durch Merck keine Anpassungen zu Lasten deutscher Standorte erfolgen", sagte Merkels Sprecher Ulrich Wilhelm dem "Tagesspiegel". Ansonsten wolle er den Kampf um das Berliner Pharmaunternehmen nicht kommentieren. "Die Übernahmeofferte von Bayer betrifft einen rein privatwirtschaftlichen Vorgang", sagte er.

Der Zusammenschluss von Bayer und Schering sei die "beste Lösung, um dem Pharmastandort Deutschland wieder mehr Geltung zu verschaffen", warb Wenning heute für seine Pläne. Durch den Zusammenschluss entstehe in der Gesundheitssparte ein neues Schwergewicht von internationalem Rang.

Bayer als "weißer Ritter"

Bayer hatte bei seinem Angebot die volle Unterstützung des Schering-Vorstandes und trat damit als "weißer Ritter" auf, als Helfer gegen das feindliche Übernahmeangebot von Merck. Das Darmstädter Familienunternehmen war auf den Widerstand der Konzernspitze gestoßen. Ein Grund für die ablehnende Haltung war, dass die Zentrale aus Berlin abgezogen werden sollte.

Tatsächlich ist die Bayer-Offerte nicht nur finanziell attraktiver für Schering. Sie bietet dem Standort Berlin auch mehr Zukunftsperspektiven. Denn die Leverkusener wollen künftig ihr gesamtes weltweites Pharmageschäft mit einem Umsatzvolumen von mehr als neun Milliarden Euro über die "Bayer-Schering-Pharma AG" aus der Bundeshauptstadt steuern.

Bayer sieht in der Übernahme eine Möglichkeit die Gesundheitssparte als Hauptwachstumsmotor des Konzerns auszubauen und die Ertragskraft deutlich zu steigern. Der Konzern stärkt dadurch vor allem seine Position in der Krebsbekämpfung, wo beide Konzerne aktiv sind. Außerdem verfügt der Konzern künftig über eine stärkere Stellung im Biotechnologiebereich und in den Geschäftsfeldern Kardiologie, Hämatologie und Gynäkologie, wo Schering das weltweit führende Verhütungsmittel Yasmin vertreibt. "Die gemeinsame Pipeline der beiden Unternehmen besitzt das Potenzial, um mittel- bis langfristig für nachhaltige Innovationskraft zu sorgen", sagte Wenning.

Genehmigung durch die EU

Zur Finanzierung des Kaufpreises kann Bayer auf Barmittel in Höhe von rund drei Milliarden Euro zurückgreifen. Bis zu vier Milliarden Euro zusätzlich sollen durch Eigenkapitalmaßnahmen aufgebracht werden. Außerdem will sich der Konzern zur Finanzierung des Kaufpreises von den beiden florierenden Tochterunternehmen H.C. Starck und Wolff Walsrode trennen. Den verbleibenden Kreditbedarf bezifferte das Unternehmen auf fünf bis sechs Milliarden Euro.

Die wettbewerbsrechtliche Prüfung der Schering-Übernahme wird nach Angaben aus Branchenkreisen voraussichtlich in die Kompetenz der EU-Kommission fallen. Sowohl die milliardenschweren Umsätze der beiden Konzerne als auch der hohe Auslandsanteil daran sprächen für eine Prüfung durch die Brüsseler Wettbewerbshüter, hieß es. Eine Übernahme sei damit voraussichtlich kein Fall für das Bundeskartellamt.

suc/AP/Reuters/dpa-AFX



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