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LANDWIRTSCHAFT Schlachten in der Furche

Sachsen-Anhalt will zum Vorreiter in der Gentechnik avancieren. Mit Millionen fördert das Land Großversuche der Industrie - die Bauern leisten Widerstand.
aus DER SPIEGEL 4/2004

Geht es um sein Lieblingsprojekt, ist Horst Rehberger kein Weg zu weit. Vergangenen Monat reiste der FDP-Wirtschaftsminister aus Magdeburg extra nach Wien zu einem Treffen der internationalen Biotech-Elite, um über den Segen der Gentechnik zu referieren. Die Bedenkenträger müssten endlich ihre Vorbehalte überwinden, beschwor der Politiker die längst überzeugte Zuhörerschaft: Diese Technologie »zu verteufeln, können wir uns nicht leisten«.

Sein Bundesland schon gar nicht. Sachsen-Anhalt weist mit 19,9 Prozent die höchste Arbeitslosenrate der Republik auf, unermüdlich sucht die schwarz-gelbe Landesregierung nach neuen Wachstumsfeldern für eine Region, die außer fruchtbarem Lößboden nur wenig bietet - und ist dabei auf die Gentechnik gestoßen: Rund hundert Millionen Euro will Sachsen-Anhalt in eine »Biotechnologieoffensive« stecken und großflächig genmanipulierte Nutzpflanzen anbauen, die schädlingsresistent sind. Er wolle das Land, tönt Rehberger, »zu einem führenden, weltweit anerkannten Biotechnologiestandort« ausbauen.

Bislang war dies reine Theorie. Seit in der vergangenen Woche aber Verbraucherschutzministerin Renate Künast den Entwurf für ein Gentechnik-Gesetz vorgelegt hat, stehen die Chancen besser. Nach langem Streit haben sich SPD und Grüne in Berlin auf Regeln für den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen geeinigt. Damit soll die rechtliche Basis geschaffen werden für den kommerziellen Anbau - Sachsen-Anhalt könnte endlich loslegen.

Noch im Frühjahr soll genveränderter Mais auf 300 bis 500 Hektar Fläche ausgesät werden - eine für Deutschland gigantische Anbaufläche. Ebenso ist geplant, auf einigen Äckern gentechnisch veränderten Weizen zu testen. Zudem werden in einem Gewerbegebiet in Gatersleben eine Reihe von Genfirmen angesiedelt, mit Laborgebäuden, Gewächshäusern und Freilandflächen - bis zu 90 Prozent der Gesamtkosten übernimmt das Land, immerhin 35 Millionen Euro.

Bei ihrem Vorhaben kann die Regierung in Magdeburg auf eine lange Tradition bauen. Quedlinburg beispielsweise gilt als eine Wiege der Gemüse- und Zierpflanzenzucht. Mit rund 310 Saatgutbetrieben bildet Sachsen-Anhalt heute noch das Zentrum der Pflanzenbranche in Deutschland. Außerdem existiert hier der nötige wissenschaftliche Sachverstand: In Gatersleben ist das Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung beheimatet, es besitzt eine der größten Genbanken für Kulturpflanzen. In Halle ist das Institut für Pflanzenbiochemie angesiedelt, Quedlinburg wiederum beherbergt die Bundesanstalt für Züchtungsforschung.

Schon 2000 Sachsen-Anhalter, rechnet Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) vor, biete die Biotechnologie einen Arbeitsplatz. Nun könnten es, so hofft er, noch wesentlich mehr werden.

Wenn da nur die Bauern mitspielten. Viele stehen der Gentechnik skeptisch gegenüber. Als die Landesregierung kürzlich ein gemeinsames Memorandum von Saatzuchtunternehmen, Biotech-Firmen und Landwirten zur »Koexistenz in der landwirtschaftlichen Praxis« vorbereiten wollte, zogen die Landwirte nicht mit: aus Furcht vor militanten Gen-Gegnern und ungeklärten Haftungsfragen.

Bislang ist unklar, wer dafür aufkommen soll, wenn auf Nachbars Feld die Ernte durch Gentech-Pollen verunreinigt wird. Inzwischen haben Biobauern, Naturschutzverbände und Globalisierungsgegner ein Aktionsbündnis »Keine Gentechnik auf Sachsen-Anhalts Feldern« gegründet. Die Aktivisten fordern Volks- und Bürgerentscheide zur Agro-Gentechnik im Lande.

Die Phalanx einflussreicher Genfirmen hat sich indessen längst formiert. Die Unternehmen heißen Pioneer Hi-Bred Northern Europe, Syngenta, Monsanto, Bayer Crop Science oder BASF Plant Science, sie kommen aus der Schweiz, den USA, aus Schweden oder Deutschland und wollen vor allem eines: endlich einen Fuß auf den deutschen Lebensmittelmarkt bekommen. Zehn Bauern, behauptet die Gen-Lobby, hätten sich zur Kooperation für den Großanbau bereit erklärt. Die Namen sind so geheim, dass sie weder das Landwirtschaftsministerium noch der Bauernverband kennen.

»Der Markt will diese Produkte nicht«, ist Karin Kotter vom Landesbauernverband in Magdeburg überzeugt. So pflanze Syngenta ausgerechnet eine Maissorte an, die dank Genmanipulation für einen Schädling namens Maiszünsler giftig ist; damit könnten sich Bauern die Insektizide sparen. Der Maiszünsler freilich, versichert Kotter, »spielt in Sachsen-Anhalt so gut wie keine Rolle«.

Konzerne wie Syngenta müssen sich wohl noch auf schwere Schlachten in der Furche einstellen. Als das Schweizer Unternehmen 2003 im angrenzenden Thüringen genveränderten Weizen aussäen wollte, musste es den Versuch abbrechen. Das Feld war zuvor von Greenpeace-Aktivisten verunreinigt worden: Sie hatten Bio-Weizen ausgestreut. STEFFEN WINTER

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