Schlamperei und Todesfälle Das BP-Inferno

BP ist in den USA wegen dramatischer Sicherheitsmängel ins Kreuzfeuer geraten. Eine hochkarätige Expertengruppe hält dem Ölkonzern Schlamperei vor und macht ihn für Dutzende Todesfälle verantwortlich. Die Überraschung: Die Unternehmensführung gibt klein bei.

Von , New York


New York - Die Katastrophe ereignete sich am 23. März 2005, kurz nach der Mittagspause. In der gigantischen 500-Hektar-Raffinerie von BP in Texas City - die größte des britischen Ölkonzerns, die drittgrößte in den USA - ging alles seinen normalen Gang. Plötzlich, um 13.20 Uhr, sahen Arbeiter Flüssiggas aus einem der Schornsteine schießen, "wie ein Geysir". Sekunden später erschütterte eine enorme Explosion das Gelände. Der Feuerball und die schwarzen Qualmwolken waren noch im Golf von Mexiko und in Houston sichtbar.

Selbst in mehreren Kilometern Entfernung platzten die Fensterscheiben. Geschirr fiel aus den Schränken. 200 Feuerwehrleute brauchten zwei Stunden, um die Flammen zu löschen, die einen ganzen Flügel der Fabrik auffraßen. 15 Arbeiter kamen ums Leben, über 170 wurden verletzt. Die letzte Leiche wurde erst gegen Mitternacht aus den Trümmern geborgen. Viele Tote waren so verstümmelt, dass sie nur noch per DNA-Analyse identifiziert werden konnten.

Es war einer der schlimmsten Raffinerie-Unfälle der USA - ausgelöst durch Überhitzung einer Apparatur. Ein Untersuchungsbericht der US-Chemieaufsichtsbehörde CSB machte später menschliches Versagen für die Tragödie mitverantwortlich. So seien Routineprozeduren zur Sicherheit missachtet worden.

Simple Faulheit

Doch die Sache hatte ein Nachspiel. Auf Druck der CSB und angesichts drohender Prozesse bat BP Chart zeigen ein unabhängiges Expertengremium um Überprüfung seiner konzernweiten Sicherheitsstruktur. Gestern nun legte der elfköpfige Rat unter Leitung des früheren US-Außenministers James Baker seinen 374 Seiten starken Bericht vor - zweimal verschoben, da Baker einstweilen mit dem Vorsitz der schlagzeilenträchtigen Irak-Studiengruppe abgelenkt war. Nichtsdestotrotz: Das Urteil der Fachleute ist verheerend - nicht nur für BP.

In allen fünf US-Raffinerien von BP stießen die Experten bei Ortsterminen und Interviews mit über 700 Mitarbeitern auf "erhebliche Mängel in der Betriebssicherheit" - Sparmaßnahmen, schlechtes Management, schludrige Aufsicht, simple Faulheit. Vernichtend allein ein Zitat von BP-Arbeitern in Texas City auf Seite 109 des Reports: "Profit kommt vor Sicherheit". Schlimmer noch: "Wir haben nicht die Illusion", resümiert das Gremium, "dass sich diese Unzulänglichkeiten auf BP beschränken."

Der Bericht, so CSB-Chefin Carolyn Merritt, bestätige die "schweren Bedenken" der Behörde. Baker & Co. verordneten BP - das in seinen US-Raffinerien seit 1995 insgesamt 22 Todesfälle verzeichnet hat, mehr als sonst ein Ölkonzern - insgesamt zehn drastische Maßnahmen zur Abhilfe. Darunter: die Einsetzung eines unabhängigen Kontrolleurs.

"BP kapiert es"

Für den viertgrößten Konzern der Welt (und drittgrößten Ölkonzern, nach Exxon Mobil und Shell) kommt dieser jüngste Rüffel ziemlich ungelegen. Bis heute kämpft BP mit staatlichen Ermittlungen und Zivilprozessen. Das Unglück von Texas City hat BP bisher an die zwei Milliarden Dollar gekostet: Schadenersatz, Strafzahlungen, Reparaturen, Gewinnverluste. Hinzu gesellen sich immer neue Misslichkeiten: korrodierende Pipelines, der Vorwurf der Marktmanipulation, Produktionseinbrüche. Und dann gab CEO John Browne, einst der "grüne Held" der Branche, vorige Woche auch noch bekannt, er werde bald vorzeitig abdanken.

So unrühmlich hatte sich Lord Browne sein Goodbye aber kaum vorgestellt. Auf einer Video-Pressekonferenz nach Veröffentlichung des Baker-Berichts gestern wurde er von den Journalisten regelrecht auseinander genommen. Sein seufzendes Eingeständnis: "Wenn ich eins sagen würde, von dem ich hoffe, dass Sie alle es heute hören, dann ist es: BP kapiert es."

"Mangel an Betriebsdisziplin"

Und zu kapieren gibt es da eine Menge. "Weder die Konzernspitze noch das Raffinerie-Management hat sichergestellt, dass ein integriertes, umfassendes und effektives Sicherheitssystem in Kraft gesetzt wurde", heißt es an einer Stelle des Berichts. "In jeder Raffinerie, nicht nur in Texas City, existieren bedeutende Sicherheitsprobleme." Etwa: "Ein Mangel an Betriebsdisziplin, das Tolerieren erheblicher Abweichungen von sicheren Betriebspraktiken und offenbare Gleichgültigkeit gegenüber ernsthaften Sicherheitsrisiken in jeder Raffinerie."

Am schlimmsten - und schlimmer noch als in Texas City - seien die Zustände in Toledo, Ohio, sagte Gremiumsmitglied Nancy Leveson, eine Ingenieurprofessorin, vor Journalisten. Dort betreibt BP seine viertgrößte Raffinerie mit 460 Mitarbeitern - ein Betrieb, den der Konzern auf seiner Website als besonders umweltfreundlich und "verantwortlich" lobt.

Der Baker-Bericht sieht das freilich anders: In Toledo herrsche "kein positives, vertrauensvolles und offenes Klima" zwischen Firmenleitung und Angestellten - was wiederum zu schlampiger Sicherheit führe. "Das Management ist mehr an Schuldzuweisungen interessiert als daran, die Wurzeln eines Vorfalls zu ergründen."

Seitenweise Vorwürfe

Seite um Seite listet das Baker-Gremium weitere schwerwiegende Mängel im Detail auf:

  • BP habe keinen einzigen hochrangigen Manager, der für Sicherheitsfragen zuständig sei;
  • BP habe generell einen zu "kurzsichtigen Focus" und überließe die Sicherheitsfragen durch sein dezentralisiertes Management-System meist den einzelnen Raffinerien;
  • endlose Initiativen ("gut gemeint") und Papierkram von oben hätten Personal und Management in den Raffinerien "überfordert" und die Sicherheit so "unterminiert";
  • die Mitarbeiter in allen fünf US-Raffinerien schöben "hohe Überstundenquoten", manchmal sogar 24 Stunden am Stück, was Job-Performance und Sicherheit beeinträchtige;
  • es gebe keinen effektiven Prozess interner Sicherheitskontrollen (wobei BP im Begriff sei, dies zu ändern);
  • selbst wenn Mängel identifiziert würden, setze BP das nicht in Verbesserungen um;
  • allein in Texas City habe sich die Zahl der gefährlichen Kohlenwasserstoff-Lecks von Jahr zu Jahr erhöht, auf zuletzt 607 in 2004;
  • beim Ortstermin in der Raffinerie Whiting in Indiana im März 2006 habe das Gremium zufällig ein defektes Druckventilsystem entdeckt und "BP von der Situation informiert";
  • die Zahl überfälliger Inspektionen sei bei allen Raffinerien hoch;
  • drastische Kostensparung habe die Lage zusätzlich verschlechtert, etwa in Texas City, wo allein die Kapitalausgaben von 1992 bis 2000 um 84 Prozent gesenkt worden seien.

Den Opfern hilft es wenig

BP gelobte umgehend Besserung: Man wolle die Betriebsinvestitionen in die US-Raffinerien von 1,2 Milliarden in 2005 ab 2007 auf durchschnittlich 1,7 Milliarden im Jahr erhöhen. Es sei die "moralische Verpflichtung" des Konzerns, alle Vorschläge des Baker-Gremiums in die Tat umzusetzen und die "substanziellen Anstrengungen" zur "Verbesserung der Sicherheitskultur" weiter zu erhöhen, sagte Browne - und versuchte dann auf der Pressekonferenz vergeblich, das Thema auf die Reduktion der BP-Treibhausgase zu wechseln.

Doch nicht alles liest sich schlecht in dem Bericht. Die Baker-Truppe erkannte ausdrücklich an, sie habe bei ihren Recherchen "einen Wandel im Sicherheitsverständnis von BP" festgestellt. BP habe bereits "eine Zahl von Maßnahmen" eingeleitet, um die Situation zu verbessern. Auch habe das Top-Management in den letzten Monaten "seinen Einsatz" zur Lösung dieser Probleme sichtlich verstärkt. Auch wenn die Herausforderungen "signifikant" und "nicht einfach" seien, sei die BP-Belegschaft "bereit, gewillt und fähig": "Das Gremium hat generell einen günstigen Eindruck von diesen Leuten davongetragen."

Den Opfern von Texas City hilft das nicht mehr. Das weiß auch die Baker-Kommission. "Diese Opfer waren Väter und Mütter, Ehemänner und Ehefrauen, Söhne und Töchter", schreibt sie. "Wir widmen unseren Bericht den Überlebenden dieser Tragödie und dem Andenken an die, die ihr Leben verloren."



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