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UNTERNEHMEN Schlange stehen

Wer herrscht demnächst über Fichtel & Sachs? Um das Schweinfurter Unternehmen bemühen sich Banker und Industriemanager. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

In aller Breite berichtete Ernst Pieper, Chef des bundeseigenen Salzgitter-Konzerns, Mitte September vor Kollegen aus den anderen Bundesunternehmen über die Pläne seiner Firma. Es fehlte kaum ein Detail, selbst wenig bekannte Tochter-Unternehmen fanden in Piepers Rede Erwähnung.

Über eine seiner Beteiligungen allerdings schwieg Pieper sich in dem Vortrag aus. Das Schweinfurter Familienunternehmen Fichtel & Sachs, an dem Salzgitter mit knapp 25 Prozent beteiligt ist, schien dem Manager keiner Erwähnung wert.

Das erstaunte die Kenner unter den Zuhörern. Denn mit Fichtel & Sachs hatte Pieper früher mal viel vor.

Das Schweinfurter Unternehmen, das vielen nur als Fabrikant von Fahrrädern ("Hercules") und Gangschaltungen geläufig ist, beliefert die gesamte deutsche Automobilindustrie mit Kupplungen, Stoßdämpfern und Zentralverriegelungen. Die Firma setzt 2,2 Milliarden Mark um, davon die Hälfte im Ausland.

Nach und nach wollte Ernst Pieper von dem in zwei Familienstämme gespaltenen Sachs-Clan Fichtel & Sachs-Anteile zukaufen. Durch die prächtig verdienende Gruppe sollten einige Strukturschwächen des in den Siechbranchen Stahl und Schiffbau tätigen Bundesunternehmens Salzgitter ausgeglichen werden.

Daß Pieper darüber nun nicht mehr reden mag, ist verständlich. Seit drei Monaten sind seine Pläne in weite Ferne gerückt.

Gunter Sachs, der ihm damals das Firmen-Viertel verkaufte, hat noch mal Kasse gemacht. Ein Päckchen von zehn Prozent übertrug er Anfang August der Commerzbank (SPIEGEL 36/1986), die bereits 24,98 Prozent der Fichtel & Sachs-Anteile besaß. Teilhaber Pieper, und nicht nur er, weiß nun nicht mehr, wie es weitergeht bei dem traditionsreichen Unternehmen aus dem Fränkischen. Wer hat künftig das Sagen bei Fichtel & Sachs?

Die Szenerie ist so unübersichtlich, weil in der Sachs-Sippe, wie in Industriellen-Clans üblich, heftig gestritten wird. Verwandtschaftliche Kontakte laufen vorzugsweise über Rechtsanwälte.

Bislang hat sich das auf das Unternehmen noch nicht schlecht ausgewirkt - anders als bei den Fällen Dornier, Pelikan oder Knorr-Bremse, wo der Familien-Krach den Firmen Schaden zufügte.

Familienfremde Manager haben bei Fichtel & Sachs den Anschluß an die technische Entwicklung gehalten; sie investierten frühzeitig in den Wachstumsmarkt der Autoelektronik.

Gunter Sachs, der sich nach seinen Sturm-und-Drang-Jahren zwischenzeitlich als »Unternehmer« verstand, hatte sich aus dem Geschäftsgang herausgehalten. In den Aufsichtsratsitzungen fiel er

allenfalls durch altväterliche Belehrungen auf. Ob das Management die Einführung eines Tempolimits ins Kalkül gezogen habe, fragte er mal mit mahnendem Unterton. Ein andermal fiel er durch die kluge Bemerkung auf, Produkte, die ausliefen, sollten grundsätzlich durch neue Produkte ersetzt werden.

Seit jedoch die Familie Gunter Sachs bis auf einen Restposten von 2,5 Prozent aus der Firma ausgestiegen ist, herrscht bei Fichtel & Sachs Unruhe. Auch in Schweinfurt rätseln alle, wer künftig im Kreis der Eigentümer das Sagen hat.

Genau das wollte Gunters Vater Willy Sachs verhindern. Der erfolgreiche Nachkriegsunternehmer hatte vor seinem Selbstmord im Jahr 1958 ein Testament mit einem verzwickten Reglement hinterlassen.

Allzu großes Vertrauen in die Führungsqualitäten von Gunter und dessen drei Jahre älterem Bruder Ernst Wilhelm hatte Vater Willy nicht. Die Brüder durften die Dividenden verbraten, nicht aber das Vermögen in seiner Substanz antasten. Als Haupterben hatte Willy Sachs seine Enkel eingesetzt.

Richtig Ärger gab es, nachdem Ernst Wilhelm Sachs 1977 beim Skifahren im Tiefschnee tödlich verunglückt war. Das Vermögen ging nun formal auf die Töchter seiner geschiedenen Frau Eleonora ("Lo") Sachs über.

Doch anfangen konnten die drei - Monika, Elinor und Carolin - mit den Anteilen nichts. Der Großvater hatte bestimmt, daß die Nacherben erst 1988 frei über ihr Firmenvermögen verfügen können. Die Anteile der Mädchen lagen fest, sehr zum Unwillen von Lo Sachs, die erfolglos vor Gericht um das Verfügungsrecht kämpfte.

Gunter konnte verkaufen; er war nur verpflichtet, den Erlös für seinen Nachwuchs aufzuheben. Im Jahr 1978 veräußerte er 24,98 Prozent Fichtel & Sachs-Anteile an den Salzgitter-Konzern.

Mehr konnte Pieper ihm nicht abnehmen. Er mußte Einwände des Kartellamts fürchten. Außerdem fehlte dem Staatskonzern, der Verluste machte, das Geld für weiteren Anteilserwerb.

Mittlerweile schreibt Salzgitter schwarze Zahlen. Auch die Wettbewerbsbehörde scheint keine Einwände gegen ein größeres Salzgitter-Engagement mehr zu haben. Wegen des verschärften Wettbewerbs sei die Marktstellung von Fichtel & Sachs wohl nicht mehr so überragend wie früher.

Doch Gunter Sachs wollte nicht warten, bis Pieper von Bonn die Genehmigung zum Erwerb weiterer Fichtel & Sachs-Anteile erhalten würde. Sachs glaubte, die Zeit sei günstig, den besten Preis zu erzielen.

Commerzbank-Chef Seipp war bereit, für zehn Prozent 85 Millionen Mark zu zahlen. 1978 hatte sein Geldinstitut für 24,98 Prozent nur 130 Millionen überwiesen.

Der stolze Preis soll dem Bankhaus was bringen. Die Commerzbank will Hausbank bei Fichtel & Sachs werden. Somit hätte sie einen Brückenkopf in der von bayrischen Banken beherrschten fränkischen Region.

Seipp könnte das schöne Aktien-Paket nach Ansicht von Insidern auch leicht mit Aufschlag weiterverkaufen. Der Thyssen-Konzern steht bereit, das Unternehmen würde der Commerzbank sogar Hausbank-Funktion bei Fichtel zusichern.

Thyssen-Vorstandschef Dieter Spethmann und Commerzbanker Seipp waren sich im vorigen Jahr nähergekommen. Damals kaufte Seipp zehn Prozent Thyssen-Aktien zusammen, um so die Vormachtstellung der Deutschen Bank bei dem Düsseldorfer Konzern zu brechen.

Als Seipp kürzlich sein Aufsichtsratsmandat bei Salzgitter niederlegte und in das Thyssen-Kontrollgremium einrückte, war Branchenkennern klar, warum dies geschah: Seipp wollte wegen seiner Fichtel & Sachs-Pläne nicht in Interessenkollision mit dem Mitbesitzer Salzgitter geraten.

Ob Seipp wirklich verkaufen will, ist unklar. Gewiß hingegen ist, daß Eleonora Sachs und ihre Töchter alsbald Bargeld sehen wollen. An Kaufinteressenten für deren 37,5 Prozent besteht kein Mangel.

Ganz vorn in der Schlange steht Mannesmann. Die Manager des Düsseldorfer Röhren-Konzerns, die ihre Technologie-Sparte ausweiten wollen, hoffen auf die Hilfe des Deutsche-Bank-Sprechers Friedrich Wilhelm Christians. Da

gibt es, wie bei der Deutschen Bank üblich, exzellente Querverbindungen. Einerseits ist Christians Aufsichtsratsvorsitzender bei Mannesmann. Andererseits berät Deutschlands mächtigstes Bankhaus seit vielen Jahren schon Eleonora Sachs und ihren Anwalt Walter Ell bei der Vermögensverwaltung.

Die Bank wäre an der Übernahme von Anteilen aus dem Bestand der Töchter interessiert, teilte das Frankfurter Geldinstitut dem Rechtsanwalt Ell mit.

Dann machte auch Gerd Weers seine Aufwartung. Der Deutschland-Statthalter von United Technologies Corp. (UTC) sucht seit Jahren in der Bundesrepublik einen technologisch versierten Partner für den US-Konzern. In Fichtel & Sachs glaubt er ihn gefunden zu haben.

Eleonora Sachs und ihre drei Töchter - im Twen-Alter und noch ledig - sammeln die Angebote fernab der deutschen Betriebsamkeit, auf der italienischen Insel Ischia. Dort, hoch in den Bergen des Eilands, machen die vier seit Frühjahr im familieneigenen Domizil aus weißem Marmor Dauer-Urlaub.

Lo und ihre Töchter sind entschlossen, bald zu handeln. Die Bindungsfrist bis 1988 soll sie daran nicht hindern. Wie Gunter wollen sie die Stunde günstiger Börsenkurse nutzen.

Anwalt Ell wußte einen Ausweg, um schnell einen Käufer zu binden: Der Interessent soll sich zunächst an der neu gegründeten »M.E.C. Sachs Vermögens-Holding« beteiligen; die Initialen stehen für die Namen der Töchter. Über diese Holding erhält der Erwerber dann 1988 Zugang zu den Firmen-Aktien.

[Grafiktext]

Familie Sachs Zahlen in den Kreisen: Anteile am Fichtel & Sachs-Konzern Ernst Sachs Betty Höpflinger 1867-1932 1875-1950 Willy Sachs Ellinor von Opel Katherina Hirnböck 1896-1958 1905 1913 Ernst Eleonora Fritz Gunter Anne-Marie Brigitte Mirja Peter Wilhelm Olschner 1932 Faure Bardot Larsson 1950 1929-1977 1936 1,4 1929-1958 1934 1943 Monika Elinor Carolin Rolf Maryam Christian Claus geboren 1959 geboren 1960 geboren 1964 1956 Banihashem Gunnar Alexander 1,1 1962 Zourab 1971 1982 37,5 Phillip Gunter 1986 Monika geboren 1959 Elinor geboren 1960 Carolin geboren 1964

[GrafiktextEnde]

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Die Aktien der Fichtel & Sachs AG verteilen sich wie folgt: Monika, Elinor, Carolin Sachs 37,5, Commerzbank 35,01, Salzgitter 24,98, Gunter Sachs 1,4, Sohn Rolf 1,1 Prozent.

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