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WERFTEN Schlaue Ideen

Um seine Werftindustrie zu retten, möchte das finanzschwache Land Bremen eine Schiffbau-Einheitsgesellschaft gründen. Betriebsräte und IG Metall sperren sich.
aus DER SPIEGEL 25/1982

Bremens Bürgermeister Hans Koschnick hatte das Chaos kommen sehen. »Wir sind das kleinste Bundesland«, klagte der Hanseat vergangenes Frühjahr schon, »und wir haben die meisten Werften.«

Seit die Folgen der ersten Ölpreis-Krise Mitte der siebziger Jahre deutlich wurden, gehört die Werftindustrie weltweit zu den sogenannten Problembranchen. Vor allem Bremens Traditionswerft AG Weser, die Hauptaktionär Krupp Ende der sechziger Jahre zu einer Spezialwerft für Großtanker umgerüstet hatte, geriet mit der Tanker-Baisse rasch aus den Märkten.

Seit etwa fünf Jahren sind auch die anderen Werften des aus den Städten Bremen und Bremerhaven zusammengesetzten kleinsten Bundeslandes in den Sog der Schiffbau-Krise geraten: Die Auftragsbestände wurden rasch geringer, die Kosten immer höher, die internationale Konkurrenz, meist von ihren Heimatstaaten hoch subventioniert, immer heftiger.

Von 1973 bis 1976, als die Rekordbestellungen der Tankschiffreeder aus der Zeit vor der Ölkrise abgewickelt wurden, lieferten die westdeutschen Seeschiffswerften Jahr für Jahr um die zwei Millionen Tonnen neuen Schiffsraum ab. 1981 waren es nur noch 700 000 Tonnen.

An den Neubauten des vergangenen Jahres waren die bremischen Werften mit 41,3 Prozent beteiligt gewesen, gleich hinter Schleswig-Holstein mit 43,4 Prozent und weit vor Hamburg mit 9,4 Prozent.

Doch die stolzen Anteile am Schiffbau-Geschäft brachten den Bremern keinen Spaß mehr. Bei der AG Weser gibt es seit 1977 nur noch rote Zahlen. Allein in den drei vergangenen Jahren baute das Unternehmen bei einem Gesamtumsatz von 1,5 Milliarden Mark einen Verlust von 224 Millionen Mark auf.

Die zur Thyssen-Bornemisza-Gruppe zählende Werft Bremer Vulkan geriet zur gleichen Zeit derart unter Druck, daß sie für 50 Millionen Mark Grundstücke, darunter ihr eigenes Verwaltungsgebäude, verkaufen mußte.

Großaktionär Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza opferte gratis 460 000 Vulkan-Aktien, die das Unternehmen zum Nominalwert von 50 Mark pro Stück an das Land Bremen verkaufte, um die größten Kapitallöcher zu stopfen.

Das Land Bremen allerdings mußte für den Vulkan-Aktien-Erwerb seinen 3,8-Prozent-Anteil am Technologie-Konzern MBB beleihen, weil es anders nicht mehr hätte zahlen können. Bonn wiederum erklärte sich bereit, strittige Forderungen aus dem Fregattenprogramm des Verteidigungsministeriums im Wert von 190 Millionen Mark zu begleichen.

Von den Bremerhavener Werften ging die vom Land Bremen immer wieder gestützte Werft Schichau Unterweser AG (SUAG) am Ende pleite. Die Rickmers-Werft, eine Familien-Gesellschaft, arbeitet mit schlechten Erträgen, und nur die Krupp-Werft Seebeck blieb aufgrund eines ausgewogenen Programms an genormten Serienschiffen stets gesund. Die Bremen-Vegesacker Lürssen-Werft hielt sich mit Militäraufträgen halbwegs fit.

»Das Land Bremen«, skizzierte Bremens Bundestagsabgeordneter Claus Grobecker, seit kurzem Parlamentarischer Staatssekretär im Familienministerium, die Lage, »kann nicht alle Vierteljahr Geld lockermachen, um eine Werft vor der Pleite zu retten.«

Deshalb wollen die Bremer ihre marode Werftindustrie so schnell wie möglich umorganisieren. »Ein paar tausend Arbeitsplätze«, so Grobecker, »gehen dabei drauf, das müssen wir von der Gewerkschaft dann den Leuten klarmachen.«

Um den Weg in eine bessere Zukunft klarzumachen, bestellten die Bremer bei den drei Wirtschaftsberatungsgesellschaften Knight-Wegenstein, Treuarbeit und Kienbaum zu Mitte Juli 1982 getrennte Gutachten, in denen Lösungsmodelle über eine optimale Wirtschaftlichkeit und eine optimale Beschäftigung der Arbeitnehmer vorgezeigt werden sollen.

Noch bevor die Gutachten abgeliefert werden können, wurde Kennern des Bremer Werftengewerbes jedoch klar, daß den darin wohl angebotenen »chemisch reinen Lösungen« (Grobecker) Emotionales entgegenstehen würde.

Besonders die Bremer Werften AG Weser und Bremer Vulkan blicken auf eine so lange Tradition unbedingter Rivalität zurück, daß weder Management noch Arbeitnehmer noch Betriebsrat eine richtige Fusion beider Unternehmen mitmachen werden. Auch die Hamburger Bezirksverwaltung der IG Metall will von einer solchen Fusion nichts wissen.

Deshalb wollen die Bremer einer richtigen Verschmelzung der beiden großen Werft-Unternehmen von vornherein ausweichen. Am liebsten möchten sie sämtliche großen Werften des Landes bei Wahrung ihrer rechtlichen Selbständigkeit unter ein gemeinsames Dach bringen. Als Dach haben sich Koschnick S.61 und seine Vordenker eine Holding-Gesellschaft unter einem Phantasienamen wie »Werftindustrie Unterweser« ausgedacht. Die fünf Werften AG Weser, Bremer Vulkan, Seebeck, Rickmers und Lürssen sollen, um die Gefühle der Mitarbeiter zu schonen, dabei als selbständige Tochterunternehmen der Holding bestehen bleiben, ihre traditionellen Fertigungsschwerpunkte pflegen, das Angebot aber schärfer gegeneinander abgrenzen.

So ist die AG Weser, Herstellerin der größten deutschen Passagier- und Tankschiffe, im Großschiffs- und Stahlbau voran. Die Krupp-Werft Seebeck, vom Eigentümer nur ungern unter die Holding gestellt, brilliert im Bau kleiner Serienschiffe. Der Bremer Vulkan gilt als Spitzenunternehmen der Schiffsausstattung. Lürssen hat große Erfahrungen im Bau von militärischen und Rickmers im Bau von zivilen Spezialschiffen.

Bei strammer Rationalisierung der Unternehmen müßten rund 2000 Werftarbeiter weichen. Einen Teil davon soll die Holding unmittelbar anstellen, ihnen einen Garantielohn zahlen und sie von Fall zu Fall an die Tochterunternehmen ausleihen. Die für die Holding vorgesehenen Kapitaleigner, im wesentlichen Krupp, Thyssen-Bornemisza und das Land Bremen, müssen mit einigen zusätzlichen Millionen einspringen, um Rationalisierungsinvestitionen zu bezahlen.

Die Krupp-Oberen in Essen gaben den Bremern bereits einen Wink, daß sie bei dem Plan mitmachen wollen. Die Thyssen-Bornemisza ("Thyssen-Bonanza")-Gruppe hielt sich bei Gesprächen mit dem Bremer Senat bislang bedeckt. Das Land Bremen selbst braucht für seinen Part zusätzliche Geldgeber, die es sich aus dem Bereich der zahlenden Kundschaft - etwa Saudi-Arabien oder Norwegen - zu holen gedenkt.

»Ein solches Unternehmen«, schwärmt SPD-Mann Grobecker, »würde dann Europas größte und diversifizierteste Werft. Die könnte vom Schlepper bis zum Musikdampfer alles von der Stange anbieten.«

Aber die Betriebsräte und die Zentrale der IG Metall sind von den unternehmerischen Einfällen der Bremer Sozialdemokraten nur in Grenzen zu begeistern. Otto vom Steeg, Bezirksleiter der IG Metall Hamburg: »Es gibt von einigen schlauen Politikern Ideen - aber die sind nicht greifbar.«

Claus Grobecker, einer von den Schlauen, hat sich derweil aber schon einen Top-Manager für die geplante Holding gegriffen: Norbert Henke, als Chef der Hamburg-Kieler HDW-Werft gescheitert, geht am 1. August als Vorstandsvorsitzer zum Bremer Vulkan, um von dort aus Koschnicks große Lösung voranzubringen. Grobecker über den umstrittenen Werft-Mann: »Der kennt alle Tücken solcher Zusammenschlüsse, und so einen brauchen wir hier.«

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