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DRUCKEREIEN Schlecht vorbereitet

Die Familie Girardet hat ihre Druckerei nicht retten können, der Konkursverwalter sucht einen neuen Eigentümer. *
aus DER SPIEGEL 26/1988

Bei der Commerzbank war Wilhelm Girardet stets ein willkommener Kunde. Wann immer der Essener Drucker und Verleger viel Geld brauchte - er bekam es.

Mit Millionen-Krediten seiner Hausbank hatte Girardet, inzwischen 85, nach dem Krieg das darniederliegende Familienunternehmen zur führenden deutschen Großdruckerei aufgerüstet. Das Geldinstitut bereif den erfolgreichen Firmenchef gar in seinen Beirat.

Mit dem Sohn und Nachfolger dagegen geht die Commerzbank ganz anders um. Als Wilhelm Girardet junior, 52, jetzt kurzfristig zwei Millionen Mark für die Firma pumpen wollte, bekam er keinen Pfennig. Das Geschäft schien den Bankern zu unsicher.

Der Gang zu den alten Freunden war Girardets letzte Hoffnung, das Unternehmen vor der Pleite zu retten. Auch andere Finanziers hatten das Risiko gescheut. Am Montag morgen der vergangenen Woche stellte der Chef der W. Girardet Druck und Verlag beim Essener Amtsgericht schließlich Konkursantrag.

Die Großdruckerei war zahlungsunfähig. Selbst die 42 000 Mark aus der Sozialen Gemeinschaftskasse der Mitarbeiter - gemeinhin fürs Sterbegeld oder für Zuschüsse bei Zahnersatz oder Krankengeld gedacht - ging für die Bezahlung von Druckfarbe und Papier drauf.

Überraschend kommt das schnelle Ende der Familienfirma nich. Der Umsatz war in den vergangenen Jahren von 250 Millionen Mark auf 130 Millionen abgesackt. Von einst mehr als 2000 Druckern und Setzern stehen jetzt nur noch 750 auf der Lohnliste.

Die Pleite haben sich die Nachfahren des Kommerzienrats Wilhelm Girardet, der die Firma 1865 in Essen gründete, wohl selbst eingebrockt. In der vierten Generation der Hugenottenfamilie war das Unternehmerblut dünn und die Konkurrenz zu mächtig geworden.

Noch vor fünf Jahren liefen die illustrierten Wochenblätter des Hamburger Heinrich Bauer Verlags wie »Quick« oder die »Neue Revue«, »Praline« oder »Bravo« bei Girardet über die Tiefdruckrotationen. Zeitweise zahlte Bauer jährlich über 70 Millionen Mark für seine Druckaufträge an Girardet.

Anfang der Achtziger jedoch baute der Hamburger Pressekonzern seine Kölner Druckerei kräftig aus, 1984 zog Bauer fast sämtliche Blätter bei Girardet ab. Nur den »Playboy« durften die Essener auch weiterhin drucken.

Die Girardets waren auf den absehbaren Verlust schlecht vorbereitet. Um die Druckerei zu stützen, mußte Wilhelm Girardet der Vierte überstürzt den florierenden Verlag der Familie verkaufen. Bis dahin hatte die Firma zahlreiche Fachblätter wie den »Industrie-Anzeiger« oder »Feld und Wald« herausgegeben.

Von dem Geld blieb kaum etwas für den Girardet-Clan. Die elf Millionen Mark Verkaufserlös wurden zum Großteil

für den Sozialplan der entlassenen Drucker und Setzer aufgezehrt.

Die Sippe der Girardet-Eigner, im Laufe der Generationen auf 16 Gesellschafter angewachsen, murrte über den herben Verlust. Als dann auch noch eigenkapital aufgebracht werden sollte, um das angeschlagene Unternehmen zu sanieren, kam es zum offenen Streit. Die weitverzweigte Familie war bis dahin gewohnt, Dividende zu kassieren.

Nur vier Girardets, allen voran der 1977 in Ruhestand gegangene Wilhelm der Dritte, waren bereit, aus dem eigenen Vermögen Geld in die Firma zu stecken. Es war ein Verlustgeschäft, wie sich spätestens jetzt herausstellt.

Über den Familienzwist kam das Tagesgeschäft offenbar zu kurz. Zwar galt Girardet nach wie vor als erstklassige Tiefdruckerei. Kunden wie der Hamburger Edeka-Verlag, der Stuttgarter Ehapaverlag ("Micky Maus") oder die Barmer Ersatzkasse waren mit ihrem Lieferanten hochzufrieden.

Doch im Wettbewerb um neue Auftraggeber machte meist die Konkurrenz das Rennen. Vor allem die Pressekonzerne Springer, Burda und Gruner + Jahr konnten bei gleicher Qualität billiger liefern als die Essener Lohndrucker.

Zudem hatte es das Girardet-Management in den vergangenen Jahren versäumt, in neue Technik zu investieren. Während Wettbewerber allmählich vom Tiefdruck auf preisgünstigere Offsetmaschinen umstellten, blieb Girardet weitgehend bei der teuren Art zu drucken.

Den Schuldigen für die Misere hatten die fünf Mitglieder des Girardet-Gesellschafterausschusses, des obersten Führungsgremiums, schnell gefunden: Wilhelm Girardet der Vierte mußte im April vergangenen Jahres auf Betreiben der Verwandtschaft den Chefstuhl des Druckkonzerns räumen. Nachfolger wurde sein Stellvertreter Frank Rusch. Erstmals stand ein Familienfremder dem 122 Jahre alten Unternehmen vor.

Die Fremdherrschaft allerdings dauerte nicht lange. Rusch zerstritt sich heillos mit dem Gesellschafterausschuß und wurde nach nur fünf Monaten im September vergangenen Jahres gefeuert.

Wilhelm Girardet kehrte auf Bitten der Verwandtschaft in sein altes Büro zurück. Mit Hilfe einer Landesbürgschaft von zehn Millionen Mark versprach er Gesellschaftern wie Gläubigern, das Druckhaus »für die neunziger Jahre zu rüsten«. Die Belegschaft sollte bis Ende 1989 auf 600 Mitarbeiter abgebaut, die Produktion im Essener Stammhaus konzentriert werden.

Hausbanken und Betriebsrat signalisierten Wilhelm Girardet bereits ihr Einverständnis. Im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium wurde die Bürgschaft wohlwollend geprüft. Auch die Kundschaft glaubte Wilhelm Girardet fest an seiner Seite.

Doch dann brachte ein ehemaliger Angestellter die altehrwürdige Familienfirma endgültig zum Straucheln: Karl-Ludwig Wever, bis Januar Verkaufsleiter der Großdruckerei.

Als Wever kurz darauf zur Druckerei Schwann-Bagel nach Mönchengladbach wechselte, mochten auch von ihm betreute Großkungen wie die Parfümeriekette Kouglas nicht mehr in Essen bleiben. Für Wilhelm Girardet »völlig unverständlich« folgte die Kundschaft dem Herrn wever zur Konkurrenz. Auftragsverlust: rund 20 Millionen Mark. Diesen Schlag konnte das marode Unternehmen nicht mehr verkraften.

Inzwischen hat auf dem Chefsessel in der Essener girardet-Straße wieder ein Fremder Platz genommen: Konkursverwalter Harald Schulz führt jetzt die Geschäfte und verhandelt mit Kaufinteressenten aus dem Gewerbe.

»Für die Familie Girardet«, sagt ein Mitarbeiter des Sequesters, »bleibt wohl nicht viel mehr als schöne Erinnerungen und eine bittere Erfahrung.«

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