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KREDITKARTEN Schlechter Start

Kreditkarten sollen deutschen Verbrauchern vertrauter werden. Mit ihrer Eurocard treten die Banken gegen etablierte US-Konkurrenten an.
aus DER SPIEGEL 40/1980

Als Hermann Josef Abs, 78, die Lufthansa-Hauszeitschrift durchblätterte, wurde er stutzig: »Das können wir uns nicht bieten lassen.«

Eine Offerte im »Lufthanseat« hatte den Unwillen des Bankiers, heute Ehrenvorsitzender der Deutschen Bank und Ehrenvorsitzender im Lufthansa-Aufsichtsrat, S.117 erregt: Das nationale deutsche Flugzeugunternehmen hatte sich mit dem größten Konkurrenten der Deutschen Bank eingelassen.

Die Bank of America nämlich, Nummer eins in der Welt, durfte den Lufthansa-Angestellten ein Angebot machen, das sie kaum ablehnen konnten: Sie können die Kreditkarte der US-Bank (Visa) zu Konditionen bekommen, wie sie günstiger keine deutsche Bank bietet.

So kann jeder Lufthansa-Beschäftigte die Visa-Karte, die bargeldlose Geschäfte in fast allen Ländern der westlichen Welt ermöglicht, ein Jahr lang gebührenfrei nutzen. Danach zahlt er statt 48 nur 36 Mark im Jahr. Für Piloten, Stewardessen und Vielflieger im Management hatten sich die Amerikaner ein noch verlockenderes Angebot ausgedacht. Sie sollten den Visa-Service völlig kostenlos nutzen können.

Da wird nicht nur Abs unruhig. Die deutschen Banken, die bislang wenig Interesse an Plastikkarten zeigten, befürchten, daß ihnen die Amerikaner einen großen Brocken des vielversprechenden Geschäfts wegschnappen.

Denn die US-Konkurrenten haben auf diesem Gebiet reichlich Erfahrung. Ob bei McDonald's, in den Holiday Inns, bei Tiffany oder Avis -- die Rechnung wird durch Vorlegen der Karte beglichen. Wer mit Bargeld zahlt, macht sich in den USA fast verdächtig.

Die Plastikkarte, 5,4 mal 8,4 Zentimeter groß, macht ihrem Inhaber das Geldausgeben leichter. Er legt den Kreditausweis, auf dem Mitgliedsnummer und Name eingestanzt sind, einfach vor und unterzeichnet die Rechnung. Später wird der Betrag von seinem Konto abgebucht.

Das Plastikgeld nützt jedoch nicht nur dem Kunden. Firmen, die Kreditkarten S.119 akzeptieren, können darauf bauen, daß die Karten-Nutzer regelmäßig mehr kaufen, als wenn sie bar zahlen müßten. Daher geben die Firmen der Kartengesellschaft einen Rabatt, in der Regel drei bis fünf Prozent der Rechnungssumme.

Allein die drei größten der von Banken finanzierten Karten-Konzerne Visa, Mastercard und American Express verrechneten im vergangenen Jahr weltweit rund 15 Milliarden Mark. Visa -- mit 90 Millionen Mitgliedern Branchenerster -- hat drei Millionen Restaurants, Hotels oder Sauna-Klubs unter Vertrag.

Auch in der Bundesrepublik haben die Karten-Klubs längst Fuß gefaßt. American Express und Diners Club etwa bedienen hierzulande jeweils 160 000 Mitglieder, 15 000 Geschäfte akzeptieren die Kreditausweise aus Übersee. Visa, vor zwei Monaten in Deutschland offiziell gestartet, hat schon 3500 Mitglieder.

Den deutschen Banken genügte jahrelang ihre Eurocheque-Karte. Sie trauten den Bundesbürgern offenbar nicht zu, sich an die amerikanische Plastikwährung zu gewöhnen.

Der Eurocheque aber hat gegenüber einer echten Kreditkarte Nachteile, die sich gerade im Ausland unangenehm bemerkbar machen. Oft werden die Schecks nicht akzeptiert, zumindest jedoch muß für jeden Betrag über 300 Mark ein neuer Scheck ausgefüllt werden. Die Bearbeitungsgebühren sind hoch.

So besannen sich schließlich die deutschen Banken und Sparkassen eines Besseren und verständigten sich auf ein eigenes Kreditkarten-System. Der Erfolg der Eurocard ist noch bescheiden: 150 000 Mitglieder in drei Jahren.

Den schlechten Start haben die Initiatoren selbst verschuldet. Anfangs wollten sie nicht jeden nehmen -- nur den, der mehr als 60 000 Mark brutto im Jahr verdiente.

Inzwischen genügt für die Eurocard der Nachweis einer »einwandfreien Bonität«, wie Eckart van Hooven, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, bestätigt. Mit Werbekampagnen -- Kosten pro Jahr: acht bis zehn Millionen Mark -- sollen die Deutschen vom Vorteil der Eurocard überzeugt werden.

Das geht zunächst einmal gegen die amerikanischen Konkurrenten. »Der Krieg der Plastikkarten«, meint van Hooven, habe nun begonnen.

Daß es ernst wird, hat sich am Beispiel der Lufthansa bereits gezeigt. Bankier Abs ließ sich den Visa-Vorstoß in der Tat nicht bieten. Gemeinsam mit dem Lufthansa-Aufsichtsratschef, Gewerkschaftsbankier Walter Hesselbach, setzte Abs die Luftlinie unter Druck. Mit Erfolg: Für das fliegende Personal wird es keine kostenlosen Visa-Karten geben.

Die Eurocard muß indes nicht nur gegen Visa, Diners Club und American Express antreten. Sie soll vor allem auch bereits etablierten einheimischen Konkurrenten das Feld streitig machen -- Warenhäusern, die seit Jahren hauseigene Kreditkarten verteilen.

So zahlen bereits seit einem Jahrzehnt rund 270 000 Hertie-Kunden in den 80 Filialen des Frankfurter Handelshauses bargeldlos. Auf Karten-Pump werden Hertie-Waren im Wert von 200 Millionen Mark jährlich umgesetzt.

Auch für den Kaufhaus-Konzern lohnt die Ausgabe der »goldenen Kundenkarte« allemal: Während der Karten-Halter im Schnitt jedesmal für 70 Mark einkauft, gibt der Barzahler pro Kauf nur 15 Mark aus.

Die Konkurrenz der Kaufhäuser ist den Banken so lästig, daß ihnen selbst weit hergeholte Argumente nicht zu billig sind. So verweisen sie warnend auf Amerika: Dort haben sich die Verbraucher durch großzügige Nutzung Dutzender verschiedener Kreditkarten vielfach hoch verschuldet; Washington ließ den Kauf auf Pump zeitweise drastisch einschränken.

Bankier van Hooven möchte solche »amerikanischen Verhältnisse« gar S.120 nicht erst einreißen lassen. Hilfesuchend wandte er sich an den obersten Währungshüter, die Bundesbank.

Der »Vormarsch der Kreditkarten bei den Warenhaus-Konzernen«, beschwor der Bankier den Bundesbankchef Karl Otto Pöhl, müsse gestoppt werden: Diese Art des Zahlungsverkehrs habe »die Inflation angeheizt und sie teilweise unsteuerbar gemacht«.

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