Schlechtes Geschäft US-Pharmariese stellt Forschung an Aids-Impfstoff ein

US-Pharmariese Merck hat seine Suche nach einem Aids-Impfstoff aufgegeben. Er hätte sowieso wenig davon gehabt: Das HIV-Impfgeschäft rechnet sich für die Wirtschaft nicht. Es bleibt sündteuer, frustrierend und zeitaufwendig - und ohne Aussicht auf Profit.

Von , New York


New York - Jason Foster hat sein Leben aufs Spiel gesetzt für den Kampf gegen Aids. Der 27-jährige New Yorker war einer von rund 3000 Freiwilligen, an denen der US-Pharmariese Merck seinen noch namenlosen, potentiellen HIV-Impfstoff ausprobierte. Foster bekam Spritzen - ob mit dem Mittel oder einem Placebo, wusste er nie - und musste sich regelmäßig testen lassen. "Dank Leuten wie dir", hatte ihm die Werbung für die Studie versprochen, "wird Aids gestoppt werden."

HIV-Infizierter (in Indien): Diejenigen, die Impfstoff am dringendsten brauchen, können nur wenig zahlen
REUTERS

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Es sollte nicht sein. Ende September, nach fast drei Jahren, brach Merck seine weltweiten Studien vorzeitig ab, als sich herausstellte, dass sie keinerlei Wirkung zeigten. Im Gegenteil: Die HIV-Infektionsrate schien mit dem Stoff noch höher als mit dem Placebo. "Ich war am Boden zerstört", sagt Foster, der bisher HIV-negativ geblieben ist. "Ich hatte so große Hoffnungen."

Die hatten alle. Der Merck-Impfstoff MRK-Ad5 galt seit langem als das vielversprechendste Mittel im Kampf gegen Aids. Ein Jahrzehnt hatte Merck an der Formel gearbeitet. Damit erlitt die Jagd nach dem "heiligen Gral" der Aidsforschung ihren bisher schwersten Rückschlag: Experten befürchten, dass es nun mindestens noch weitere zehn Jahre dauern dürfte, bis es neue Fortschritte gibt. "Dies ist eine Enttäuschung für uns und eine Enttäuschung für jeden, der auf dem Gebiet der Impfstoffe arbeitet", erklärte Merck-Vizepräsident Mark Feinberg.

Die Investoren dagegen sehen das offenbar etwas anders: Mercks Aktienkurs Chart zeigen ist seit der Impfstoff-Nachricht um fast drei Prozent angestiegen. Es ist, als sei den Shareholdern eine Last von den Schultern gefallen.

Moralisch zwingende Forschung

Denn hier offenbart sich die bittere wirtschaftliche Realität hinter der erfolglosen Suche nach einer Aids-Vakzine: Sie ist moralisch und humanitär geradezu zwingend, rechnet sich aber für die Pharmaindustrie kaum, da sie zeitaufwändig, sündhaft teuer und frustrierend ist - und ohne Aussicht auf Profit.

Es ist das uralte Problem jeder Immunmittel-Forschung, nicht nur gegen Aids, das mit dem Merck-Debakel nun wieder zutage tritt: Während Regierungen, Forschungsinstitutionen und Stiftungen wie die Gates Foundation Unsummen in die Sisyphus-Arbeit stecken, halten sich die Industriemultis spürbar zurück. Nicht umsonst hatte es ja auch über ein Jahrhundert gedauert, bis ein wirksamer Typhus-Impfstoff gefunden war.

Obwohl die Konzerne nach außen das Gegenteil behaupten. "Die Pharmakonzerne haben sich der Aids-Impfstoff-Forschung voll verpflichtet", weist Ken Johnson, Sprecher des Branchenverbands Pharmaceutical Research and Manufacturers of America (PhRMA), jede Kritik zurück. "Unsere Unternehmen sind sich der Notwendigkeit eines Erfolgs in diesem wichtigen Wissenschaftsbereich klar bewusst."

Doch die Zahlen zeichnen ein anderes Bild. Über 20 Milliarden Dollar im Jahr gibt die Welt für die Aidsforschung aus. Doch 2006 floss nach Angaben der Uno nur eine Milliarde davon in die Jagd nach einem Impfstoff. Und davon stammten wiederum nur 79 Millionen Dollar, nicht mal acht Prozent, aus dem Privatsektor und dessen Multimilliarden-Bilanzkassen. Der Rest kommt aus Staats- und Stiftungshand. Obwohl sich "Big Pharma" sonst bei anderer Forschung oft zur Hälfte beteiligt.

Kein Wort vor den Aktionären

"Sie müssen erst einen größeren Gegenwert sehen, um die Risiken wettzumachen, die zu diesem Zeitpunkt noch existieren", sagt Rob Hecht, Vizepräsident der International Aids Vaccine Initiative (IAVI), zu SPIEGEL ONLINE. Obwohl und gerade weil Merck in dem Bereich "eine der engagiertesten" Firmen gewesen sei, werde das nach dem Fehlschlag kaum besser werden: "Wenn Firmen zu viele wissenschaftliche Fragezeichen sehen, wenn sie nicht mal einen Nachweis der Machbarkeit haben, kann sie das noch zögerlicher machen."



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