Abgehängte Region Schleswig-Flensburg Warum sind Sie so zufrieden, Frau Kahlund?

Kaum Internet, kaum Einkaufsmöglichkeiten, kaum junge Leute: In strukturschwachen Regionen herrscht oft Frust. Ganz anders in Schleswig. Ein Anruf beim dortigen Bürgerverein.

Schleswig in Schleswig-Holstein
Klaus Rose / imago images

Schleswig in Schleswig-Holstein

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Kahlund, Sie leben in der Stadt Schleswig in Schleswig-Holstein. Dort gibt es wenig Breitbandinternet, viele demografische Probleme und der nächste ICE-Bahnhof ist über 50 Kilometer entfernt. Fühlen Sie sich wohl?

Kahlund: Und wie, ich liebe Schleswig! Ich bin selbst Zugezogene und 1982 im Teenageralter in die Stadt gekommen. Ich habe mich sofort in unsere schöne Landschaft zwischen den Meeren und an der Schlei verliebt.

SPIEGEL ONLINE: Der Landkreis Schleswig-Flensburg, kurz vor der dänischen Grenze, gilt als abgehängte Region. Sehen Sie das auch so?

Zur Person
  • Privat
    Bärbel Kahlund, 55, zog 1982 von ihrer Geburtsstadt Kiel nach Schleswig. 2013 gründete sie dort zusammen mit anderen den Verein "Bürger machen mit", seit 2012 ist sie für die Freien Wähler in der Lokalpolitik.

Kahlund: Ja, das kann man schon so sagen. Selbst bei uns in der Kreisstadt kommt man praktisch kaum ohne Auto aus. Die Busse fahren viel zu selten, nach acht Uhr abends gibt es praktisch keinen öffentlichen Nahverkehr. Unser Bahnhof ist nicht einmal im Ortskern, und im Moment ist wegen eines Eigentümerstreits sogar das Bahnhofsgebäude geschlossen, das ist echt ein Witz. Und die Einkaufsmöglichkeiten sind nicht so toll, vor allem für jüngere Menschen und für Senioren. Nicht mal eine H&M-Filiale gibt es in unserer Fußgängerzone.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt wurde eine Schule geschlossen, weil nicht genug Schüler angemeldet wurden.

Kahlund: Ja, wir hatten jahrelang Probleme damit, dass so viele Menschen hier abwandern. Zuletzt ist die Einwohnerzahl der Stadt Schleswig aber leicht gestiegen, über die Marke von 26.000.

SPIEGEL ONLINE: In vielen strukturschwachen Gegenden Deutschlands herrscht Frust und Unzufriedenheit. Die meisten Schleswiger dagegen sind zufrieden mit ihrem Leben und ihrem Wohnort. Woran liegt das?

Kahlund: Die Stimmung ist positiv, auch wenn natürlich jeder um die Probleme und Nachteile weiß. Und ich komme ja mit sehr vielen Mitbürgern zusammen, ich habe 2013 den Verein "Bürger machen mit" mitgegründet, der unter anderem eine umfunktionierte Telefonzelle als öffentlichen Bücherschrank betreibt und Bürgerfeste veranstaltet. Hier im Norden sind wir einfach die Glücklichsten. Dazu gibt es regelmäßig Umfragen, und Schleswig-Holstein liegt immer vorn.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum? Was ist das Glücksrezept?

Kahlund: Hier zwischen den Meeren ist das Klima oft rau, damit kommt man am besten klar, wenn man gelassen bleibt. Gelassenheit hilft über viele Alltagsprobleme hinweg. Außerdem wissen wir, was wir an unserer schönen Gegend haben. Andere kommen hierher, um Urlaub zu machen!

SPIEGEL ONLINE: Das könnte man über das Erzgebirge oder die Alpen auch sagen.

Kahlund: Tja, da kann ich nur für mich sprechen. Ich finde die Berge ja auch wunderschön und beeindruckend. Aber ich glaube, wenn ich jeden Tag auf denselben Berg gucken müsste, würde mir das irgendwann langweilig. Die Meere hier bieten jeden Tag ein anderes Schauspiel.

SPIEGEL ONLINE: Sie als Vereinsfrau - wie nehmen Sie den sozialen Zusammenhalt wahr?

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Kahlund: Ich glaube, dass es überall schwierig ist, Menschen für gesellschaftliches Engagement zu gewinnen, das ist bei uns nicht anders. Aber wenn wir für die Tombola auf unserem Kinderfest sammeln oder um Spenden für soziale Zwecke bitten, wie damals für das neue Hospiz, dann geben die Schleswiger immer großzügig. Der Zusammenhalt ist gut.

SPIEGEL ONLINE: Dem Klischee nach sind Nordlichter stur und reden nicht viel.

Kahlund: Stimmt, das Klischee kenne ich. Aber Sie werden überrascht sein, wie freundlich die Menschen tatsächlich sind.



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