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COMPUTER Schlicht kultig

Innerhalb eines Tages verkaufte der Discounter Aldi weit mehr als 200 000 PC. Die großen Computer-Händler reagieren gelassen.
Von Klaus-Peter Kerbusk
aus DER SPIEGEL 47/1998

Das Ereignis versprach eine spannende Geschichte. Lange Menschenschlangen, Tumult und Handgemenge waren zu erwarten, als der Lebensmitteldiscounter Aldi vergangene Woche in seinen gut 3000 Filialen wieder einmal einen Personalcomputer offerierte.

Ob im holsteinischen Neumünster, im westfälischen Ibbenbüren oder in Friedrichshafen am Bodensee - im ganzen Land schwärmten am vergangenen Mittwoch frühmorgens die Reporter der Lokalblätter aus, um von dem großen Ereignis zu berichten.

Die meisten kehrten enttäuscht zurück: keine Schlägereien, keine wütenden Kunden, die auf die Filialleiter losgingen. Außer vielen Menschen, die geduldig anstanden, um einen ordentlich ausgestatteten PC für 1998 Mark zu ergattern, war nicht viel zu sehen. Und bisweilen gab es nicht mal die: In einigen Großstädten waren die Billigrechner sogar noch am Mittwoch nachmittag erhältlich.

Die Aldi-Manager waren trotzdem zufrieden: Anders als bei den drei früheren Aktionen, als jede Filiale kaum mehr als ein Dutzend Geräte erhielt, waren die Kontingente diesmal deutlich erhöht worden. Die Folge: Deutschlands größer Discounter verkaufte weit mehr als 200 000 Computer und damit rund vier Prozent des gesamten Jahresabsatzes der Branche an einem einzigen Tag.

Die Konkurrenz reagierte dennoch gelassen auf die jüngste Attacke des Discounters. Noch vor einem Jahr schrie die Branche wütend auf, und einige Computerhändler verkauften in ihren Geschäften Schokolade und Gummibärchen zum Tiefstpreis. Diesmal jedoch waren die PC-Händler gewarnt.

Seit Monaten schon kursierten Gerüchte über den neuen Aldi-Computer in der Branche. Die Essener Elektronikfirma Medion, so war durchgesickert, habe auf Geheiß von Aldi wieder einmal eine Riesenbestellung bei der Fujitsu-Fabrik im thüringischen Sömmerda in Auftrag gegeben. Einige Tage vor dem Verkaufsstart lieferte »Computer Bild« sogar noch eine ausführliche Beschreibung des Geräts ("Preis/Leistung: sehr gut") nach.

Bereits Anfang November hatten deshalb große PC-Anbieter wie Media Markt, Brinkmann oder Vobis gut ausgestattete Billig-PC ins Sortiment genommen. Eine vor wenigen Wochen vom Chiphersteller Intel verfügte Preissenkung um bis zu 34 Prozent hatte den ständigen Preisverfall ohnehin noch einmal beschleunigt und bei der Kalkulation der neuen Sonderangebote kräftig nachgeholfen.

Als dann der Medion-Rechner, ausgestattet mit einem Intel-Pentium-Prozessor, endlich auf den Markt kam, waren einige Händler sogar erstaunt über die relativ milde Attacke: »Der Oberhammer ist das Aldi-Paket nicht«, meint etwa Promarkt-Vertriebsleiter Uwe Wesermann. Der zum Metro-Konzern gehörende Branchenführer Media Markt konnte das Aldi-Angebot vergangene Woche sogar noch um knapp hundert Mark unterbieten: Dort gab es einen fast identisch ausgestatteten Rechner aus der PC-Fabrik in Sömmerda mit dem Originalschriftzug des renommierten japanischen Konzerns Fujitsu für nur 1899 Mark.

Echte Aldi-Jünger lassen sich davon nicht irritieren - der Run auf die MediaMarkt-Filialen blieb aus. Ähnliche Erfahrungen machten die Supermarktketten Rewe (Minimal, Penny), Norma und Spar, als sie vor einigen Monaten Discount-Computer in ihre Regale stopften.

Das Schlangestehen bei Aldi, glauben Soziologen, hat andere Gründe. Sie verweisen auf »eine Aldi-Kultur der Schnäppchenjäger« und sehen darin einen »gewissen Event-Charakter«. Für den Hamburger Trendforscher Matthias Horx ist der Einkauf bei Aldi sogar »schlicht kultig«.

Immer mehr setzt sich deshalb in der Branche die Erkenntnis durch, daß »Aldi für uns kein richtiger Gegner ist«, so Brinkmann-Einkäufer Achim Kallweit. Denn die Angebote der Lebensmitteldiscounter sprechen vor allem Erstkäufer an und erweitern so den PC-Markt. Und da ist noch viel Wachstum möglich: Anfang 1998 standen erst 17 Millionen Personalcomputer in deutschen Haushalten. Allein durch die Aktionen der Supermärkte dürfte die Zahl in diesem Jahr um fast eine Million steigen.

»Wenn die Leute erst einmal einen Computer besitzen«, meint deshalb Michael Reiner, Chef der Marktforschung bei Media Markt, »dann wollen sie auch Zusatzgeräte wie Drucker, Scanner, Modems und Software haben.« Und diese Produkte, die meist mehr Profit abwerfen als die ohnehin hart umkämpften Computer, besorgen sie sich dann bei den Fachhändlern. »Im Endeffekt«, glaubt Marktforscher Reiner deshalb, »profitiert die Branche von den Aktionen bei Aldi.«

KLAUS-PETER KERBUSK

[Grafiktext]

Durchschnittliche Verkaufspreise von PC mit Intel-Prozessoren

in Europa

[GrafiktextEnde]

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Durchschnittliche Verkaufspreise von PC mit Intel-Prozessoren

in Europa

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