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Spielwaren Schlicht verschlafen

Der eingesessene Handel wehrt sich gegen Spielwaren-Supermärkte - mit nicht immer fairen Methoden.
aus DER SPIEGEL 38/1989

Das Gelände nahe der Bundesstraße 10 am Stadtrand von Karlsruhe schien den Managern des US-amerikanischen Spielwarenkonzerns Toys »R« Us bestens geeignet. Auf 4500 Quadratmetern Verkaufsfläche, halb so groß wie ein Fußballfeld, wollten sie einen Supermarkt eröffnen.

Monatelang verhandelte Toys' deutscher Statthalter Arnt Klöser, 50, um die Baugenehmigung zu erhalten. Als er das Papier dann hatte, mochte Klöser nicht mehr: »Die Auflagen waren unannehmbar.«

Ungewöhnlich waren die Bedingungen in der Tat: Die Baubehörde hatte Toys auferlegt, Art und Umfang des Sortiments mit den städtischen Beamten abzustimmen - ein Tribut an den Fachhandel in der Karlsruher City.

In Stuttgart konnte sich Klöser den Gang zum Bauamt gleich sparen. Der baden-württembergische Staatssekretär Gustav Wabro ließ wissen: »Wir haben kaum neues Gelände für Daimler-Benz«, da sei für eine amerikanische Firma erst recht »kein Platz«.

Der alteingesessene Spielwarenhandel nutzt seine Beziehungen zu den Kommunal- und Landespolitikern, um unliebsame Konkurrenz fernzuhalten. Vor allem in Regionen mit sicheren Unionsmehrheiten in den Räten sehen sich die Ketten-Manager einer geschlossenen Abwehrfront gegenüber. »Dort bestimmt der Mittelstand die Form des Wettbewerbs«, meint Karl-Heinz Richter, Mitinhaber der größten deutschen Spielzeug-Filialkette »Richter Spiele + Hobby«.

Toys und Richter haben fast zeitgleich vor gut zwei Jahren mit der Einrichtung großflächiger Spielzeug-Läden begonnen.

Richter bringt es auf sechs große Fachmärkte und rund 60 mittelgroße Filialen. Vor drei Jahren hat der Spiel-Riese 75 Prozent seines Reichs an die co op verkauft. Als der kaputte Handelsriese vorigen Dienstag Vergleich anmeldete, machte Richter von seinem Rückkaufrecht Gebrauch. Er wird nun wieder alleiniger Eigentümer.

Die US-Kette betreibt inzwischen sieben Filialen, vorwiegend am Rande von Großstädten wie Wiesbaden und in Ballungszentren wie dem Ruhrgebiet. Der frühere Metro-Manager Klöser schaffte es, für weitere sechs Filialen Baugenehmigungen zu bekommen.

Toys wurde vor 37 Jahren von dem Amerikaner Charles Lazarus gegründet. In genormten Großmärkten bietet Toys rund 18 000 verschiedene Artikel an. Das Sortiment reicht von Windeln über Kinderfahrräder bis hin zum Schachcomputer. Der Kunde fährt wie bei Aldi mit dem Einkaufswagen durch die Gänge und bedient sich selbst.

»Wir haben diese Vertriebsform schlicht verschlafen«, bekennt Jens Odewald, Vorstandschef des Kaufhof-Konzerns.

Inzwischen haben Toys und Richter zusammen einen Anteil von rund zehn Prozent auf einem Markt erobert, auf dem knapp fünf Milliarden Mark umgesetzt werden, Tendenz steigend.

Den Etablierten kommt bei ihrem Kampf gegen die Eindringlinge zupaß, daß die Kommunen die Ausdehnung der Vorstadtläden auf der grünen Wiese stoppen wollen. Die Baunutzungsverordnung sieht inzwischen vor, daß Kaufläden über 1200 Quadratmeter Verkaufsfläche pro Geschoß einer Genehmigung bedürfen. Dieses Instrument läßt sich trefflich gegen mißliebige Wettbewerber wie die Spielwarenketten einsetzen.

»Grundsätzlich«, schrieb beispielsweise der Düsseldorfer CDU-Bürgermeister Josef Kürten an Toys, bestehe Einigkeit zwischen ihm, dem Einzelhandelsverband und der Industrie- und Handelskammer, »daß größere Einzelhandelsgeschäfte außerhalb geschlossener Zentren nicht genehmigt werden sollen«. Er werde sich deshalb gegen eine Ansiedlung von Toys aussprechen.

Die Kommunalpolitiker können den Spielwarenhändlern helfen, Zeit zu gewinnen; vor einer gründlichen Veränderung ihres Gewerbes werden sie ihre Schützlinge sicher nicht bewahren.

Die Ketten-Anbieter haben inzwischen nämlich die Kaufhaus-Manager wachgerüttelt. Der Kaufhof ließ in seinen Innenstadt-Häusern die Verkaufsflächen für Spielzeug vergrößern. »Wir lassen uns die Butter nicht vom Brot nehmen«, sagte Hertie-Chef Jürgen Krüger. Er ließ einen großflächigen Spielzeug-Markt »Wir Kinder« entwickeln.

Herausgefordert fühlt sich auch Vedes, Europas größter Einkaufsverband für Spielwaren. Vorstandschef Horst Heilmann will mit neuentwickelten »bonniland«-Märkten kontern. An den Kinder-Kaufhäusern können sich jeweils die örtlichen Fachhändler beteiligen. »Wer jetzt nicht reagiert«, mahnt Heilmann, »wird nicht lange überleben.«

Überall funktioniert die Blockade des Fachhandels bei der Ansiedlung der großen Konkurrenten sowieso nicht. In sozialdemokratisch regierten Kommunen haben es die Billiganbieter offenkundig leichter mit der Ansiedlung.

In Bremen bekam Toys-Manager Klöser bereits nach drei Monaten die Baugenehmigung für eine Filiale. Ähnlich schnell fiel auch die Entscheidung in Hamburg, wo am Autobahndreieck Hamburg-Nordwest im Oktober eine Toys-Filiale eröffnet wird.

Die Hamburger Innenstadt-Anbieter werden dann wohl ihre Preise überprüfen müssen. Bei Karstadt auf der Mönckebergstraße kostet beispielsweise eine Packung Legosteine zum Bau eines Autos 159 Mark. Toys nimmt für den gleichen Kasten 119,99 Mark. f

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