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DEUTSCHLAND Schlimmer als alles, was die Region erlebt hat«

Steht das Ruhr-Revier vor einem Aufruhr der Werktätigen? Die Krise bei Kohle und Stahl treibt die Arbeitslosigkeit im dichtestbevölkerten Industriegebiet in gefährliche Höhen. Nie erlebte Wut registrierten Beobachter nach der überraschenden Ankündigung von Krupp, das Hüttenwerk Rheinhausen werde dichtgemacht. *
aus DER SPIEGEL 50/1987

Die Belagerung begann mitten in der Nacht. Lange vor Beginn der Frühschicht rückten Trupps mit Hunderten von Stahlarbeitern in die Stadt aus. Sie riegelten Bundesstraßen ab und sperrten eine Autobahnauffahrt. Knapp 16 Stunden lang blockierten die Männer eine dreispurige Rheinbrücke.

Der Duisburger Stadtteil Rheinhausen war vorigen Mittwoch fast abgeriegelt. Hinter Straßensperren und heißen Kokskörben hatten sich Tausende von Stahlarbeitern in Stellung gebracht. Arbeiter drohten, dicke Stahlbrammen auf die Autobahn zu werfen oder die A 2 zu besetzen. Selbst NRW-Ministerpräsident Johannes Rau konnte nur auf Schleichwegen in die Stahlfestung gelangen.

Ein Stahlwerk soll stillgelegt werden, das Krupp-Werk in Rheinhausen mit seinen rund 6000 Beschäftigten, weil es nach Aussagen des Managements rentierlich nicht mehr zu betreiben ist. Ein betriebswirtschaftlich vielleicht unumgänglicher Beschluß; doch eine Entscheidung zugleich, die im leidgeprüften Ruhr-Revier eine bisher einmalige Militanz der Werktätigen provozierte.

In allen 16 Krupp-Stahlwerken demonstrierten vorige Woche Tausende von Arbeitern und Angestellten gegen den Beschluß des Krupp-Vorstands.

In Rheinhausen verbrannten Arbeiter eine Stoffpuppe. Sie trug den Namen des für den geplanten Abbau verantwortlichen Chefmanagers Gerhard Cromme. Ein Demonstrant trug ein Pappschild vor dem Bauch: »Wenn Krupp-Rheinhausen stirbt, dann stirbt auch Cromme«.

Als der Vorstandsvorsitzende der Krupp Stahl AG seine Belegschaft beschwichtigen _(Vergangenen Mittwoch auf der Rheinbrücke ) _(in Duisburg-Rheinhausen. )

wollte, flogen Eier, Tomaten und Lehm. Die Arbeiter skandierten »Lügner, Verräter«. Cromme und sein Finanzchef Günter Fleckenstein bekamen Faustschläge ab. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Horst Günther wurde im Gesicht verletzt.

»Wenn der Vorstand seine Entscheidung nicht ändert«, sagte der Betriebsratsvorsitzende Manfred Bruckschen, »haben wir hier nichts mehr im Griff.«

»Die Systemveränderer«, vermerkt der Düsseldorfer IG-Metall-Funktionär Heinrich Grönhoff, »sitzen nicht in Hamburg in der Hafenstraße, sondern in den Vorständen der Stahlkonzerne.«

Von Rheinhausen aus könnte ein Flächenbrand über das ganze Revier hinwegfegen. In der größten Stahlstadt Europas sind Stahlwerker betroffen, die sich bislang zur Avantgarde der Arbeiterschaft rechneten. Als einziges deutsches Hüttenwerk war ihre Fabrik im Krieg nicht zerbombt worden.

Rheinhausen ist bis heute für viele im Revier ein Symbol für den Neuanfang in Deutschland. Daß nun, so abrupt, das Ende kommen könnte, will ihnen nicht in den Kopf.

Voller Unverständnis und voller Wut kämpfen nicht nur die Lohnempfänger im Werk gegen den Abbruch. Der ganze Stadtteil, geprägt von Krupp und verschweißt mit Stahl, macht mobil. Rund 12000 Duisburger Schüler bauten sich vorigen Donnerstag neben einem Galgen auf und forderten »Zukunft für die Kinder von Rheinhausen«.

Seit der schweren Bergbaukrise von Ende der fünfziger bis Ende der sechziger Jahre, als beim Zechensterben über 300000 Bergleute ihren Arbeitsplatz verloren und überall zwischen Hamm und Kamp-Lintfort schwarze Fahnen wehten, sah es noch nie so düster im einstigen deutschen Industrie-Zentrum aus wie gegenwärtig.

Verhältnisse wie im französischen Revier von Lothringen - wo Stahlwerker Züge demolierten, Autos in Brand steckten und sich Schlachten mit der Polizei lieferten - sind auch zwischen Lippe und Ruhr vorstellbar geworden.

Die Existenzangst geht um im Revier. In den nächsten zwei Jahren stehen bei der Ruhrkohle AG, dem mit 133000 Beschäftigten größten Arbeitgeber an Rhein und Ruhr, etliche Zechenschließungen an. Der Vorstand rechnet mit dem Abbau von rund 25000 Arbeitsplätzen. Das zweite Standbein des Reviers, der Stahl, knickt gleichzeitig weg. Bis Ende 1989 sollen die Belegschaften in den Stahlwerken von Mannesmann, Thyssen, Klöckner und Krupp um 35000 schrumpfen.

Die Schreckensnachrichten häufen sich. Die Firma Klöckner-Becorit, ein Hersteller von Grubengeräten, will in ihren Fabriken in Recklinghausen und Castrop-Rauxel 500 Leute entlassen. Von den Vorgängen in Rheinhausen ermutigt, besetzten auch dort die Arbeiter vorigen Donnerstag sieben Stunden lang Straßen und Kreuzungen.

Ein halbes Dutzend Städte, darunter Oberhausen und Duisburg, sind derart in Geldnot, daß ihnen die staatliche Finanzaufsicht droht. Die Arbeitslosenquote liegt im Schnitt bei 15,3 Prozent und erreicht Spitzenwerte von 18,5 (Herne) oder 17,5 Prozent (Dortmund). Die am stärksten betroffenen Nordteile einiger Püttmetropolen sind auf dem Weg in die Verslumung. »Ich fürchte, da rollt etwas an«, prophezeite schon vor Monaten Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder, »das wird schlimmer sein als alles, was die Region bislang erlebt hat.«

In der Industrie, und nicht nur an der Ruhr, teilen inzwischen viele die Sorge des Düsseldorfer Konzernchefs. Doch bis nach Bonn, bis in die Regierung von Kanzler Helmut Kohl, ist der Ernst der Lage noch nicht vorgedrungen.

Am vorigen Mittwoch, als im Pütt die ersten Barrikaden errichtet wurden, befaßte sich das Kabinett mit Vermummung und Konjunkturprogramm - kein Wort über den Notstand im Revier.

Kohls Riege hat andere Probleme. Forschungsminister Heinz Riesenhuber will noch mal 300 Millionen Mark für die Kraftwerksruine Schneller Brüter lockermachen und sorgt sich um Deutschlands Zukunft im Weltraum.

Martin Bangemann, den es in ein EG-Amt drängt, versuchte, die Kumpel mit der Statistik zu beschwichtigen. Den Stahlarbeitern in anderen europäischen Staaten, rechnete der Wirtschaftsminister vor, gehe es auch nicht besser.

Arbeitsminister Norbert Blüm, der sich seit seiner Wahl zum CDU-Landesvorsitzenden im Mai als besorgter Landesvater in spe darzustellen versucht, hatte auch diesmal außer Sprüchen nichts zu bieten. Er sei von der Nachricht Rheinhausen überrascht worden und finde das »nicht gut«. Worauf »der Norbert Blüm Wert legt«, sagt er über Norbert Blüm: »Massenarbeitslosigkeit kann und darf es in Rheinhausen nicht geben.«

Sein SPD-Kontrahent im Pleite-Land Nordrhein-Westfalen hatte auch nur Altbekanntes zu vermelden. Bonn, so Johannes Rau, sei am Zuge. Die Landesregierung sei doch »nur Begleitmusik«.

Die Stahlarbeiter an der Ruhr fühlen sich von den Politikern im Stich gelassen und von ihren Managern verschaukelt. Noch im April, berichtet Krupp-Betriebsrat Theo Stegmann aus Rheinhausen, habe der Vorstand erklärt, »der Standort ist gesichert«.

Ohne Böses zu ahnen, berieten Stegmann und seine Kollegen am Mittwoch vorletzter Woche über ein sogenanntes Optimierungskonzept. Rund 2000 Arbeitsplätze sollten, so war mit Krupp-Stahlchef Cromme vereinbart worden, in Rheinhausen abgebaut werden.

Cromme besprach zum gleichen Zeitpunkt heimlich mit Managern die Stillegung seiner Duisburger Filiale. Als Betriebsräte von Mannesmann davon erfuhren,

informierten sie ihre Kollegen in Rheinhausen. Cromme wurde zur Rede gestellt, der Manager trat dann die Flucht nach vorn an. Er rückte, einen Tag nach den Optimierungsgesprächen, mit seinen Abbruchplänen raus.

Der Vorgang paßt in die Reihe von Mißmanagement-Leistungen der Stahloberen. So unumgänglich möglicherweise die Schließung von Stahlwerken ist - regelmäßig versäumten es die hochbezahlten Spitzenleute, sich rechtzeitig über Produktions- und Arbeitsplatz-Alternativen Gedanken zu machen; regelmäßig auch lieferten sie Lehrbuchfälle für Desinformation.

Den Anfang im Stillegungsreigen hatte Thyssen im Frühjahr gemacht. Die Manager gaben bekannt, daß sie in der 60000-Einwohner-Stadt Hattingen, wo jeder dritte Arbeitsplatz von Thyssen abhängt, den größten Teil eines Werkes schließen und in Oberhausen eine Draht- und eine Profilstraße stillegen wollen. Rund 8000 Arbeitsplätze würden dadurch gestrichen.

Obwohl die Hütten im Revier und im übrigen Land die leistungsfähigsten in Europa sind, verloren seit 1980 rund 65000 deutsche Stahlarbeiter ihren Arbeitsplatz: Gegen die hochsubventionierte europäische Konkurrenz gibt es keine Chance.

Krupp-Vormann Cromme sucht die Zukunft seines Konzerns in Partnerschaft mit Mannesmann und Thyssen. Heimlich haben die Konzerne einen Stahlpakt geschlossen, um sich eine bessere Ausgangsposition zu sichern.

Nach dem gemeinsamen Konzept will Krupp, wenn das Werk Rheinhausen geschlossen ist, seinen Rohstahl von der benachbarten Mannesmann-Hütte in Duisburg-Huckingen beziehen. Cromme hilft mit dem Verbund dem Röhrenkonzern aus einer Klemme.

Huckingen, das den Rohstahl für die Röhrenproduktion liefert, ist seit Jahren nur zur Hälfte ausgelastet und macht 1987 Verluste von rund 400 Millionen Mark. Mit Aufträgen von Krupp könnte das Werk voll ausgefahren werden.

Thyssen, an den Mannesmann-Röhrenwerken mit einem Viertel beteiligt, soll nach der Schließung von Rheinhausen die Duisburger Krupp-Profilproduktion übernehmen. Der Konzern hätte dann in der Schienenfertigung fast ein Monopol und könnte europaweit die Preise diktieren.

Cromme hat wohl den schlechtesten Teil erwischt. Er wird zwar mit Rheinhausen, wo 1987 ein Defizit von über 100 Millionen Mark entstehen dürfte, einen Verlustbringer los. Aber ihn trifft die Rebellion der Werktätigen nun am härtesten.

Die verbiesterten Kruppianer befürchten, daß der rabiate Cromme es trotz aller Beteuerungen nicht beim Duisburger Kahlschlag belassen wird. Intern tut er kund, daß alle Standorte, »die rot schreiben«, gefährdet seien.

Die Betriebsräte rechnen fest damit, daß Cromme im kommenden Jahr, spätestens aber 1989, mindestens drei defizitäre Profilstahlwerke in Hagen und im Siegerland stillegen will. Damit gingen noch einmal 2000 Arbeitsplätze drauf.

Es scheint nicht immer ganz klar, ob die Manager der Konzerne in Nordrhein-Westfalen wirklich alle Folgen bedenken, die ihre Entscheidungen außerhalb wie innerhalb der Fabrikmauern haben. Im Ruhr-Revier, so scheint''s, könnte ihnen ganz plötzlich die Kontrolle entgleiten.

Bedrohlich wirkt die ungewöhnliche räumliche Anhäufung von wirtschaftlichen Notfällen- der Umstand, daß zu schon hoher Arbeitslosigkeit massenhafte Arbeitsplatzverluste bei Kohle und Stahl hinzukommen. Unkalkulierbar erscheint da - angesichts der Unfähigkeit von Politik und Management, rasch für Abhilfe zu sorgen - die Reaktion der Betroffenen.

An diesem Montag will der Aufsichtsrat der Krupp Stahl AG über die Stillegung beraten. Stahlarbeiter aus Rheinhausen werden dabeisein, einige tausend haben sich angesagt. Heiße Tage im Revier. _(Oben: vergangenen Mittwoch auf dem ) _(Krupp-Werksgelände in ) _(Duisburg-Rheinhausen; ) _(unten: während einer ) _(Solidaritätsversammlung bei Krupp in ) _(Bochum. )

Vergangenen Mittwoch auf der Rheinbrücke in Duisburg-Rheinhausen.Oben: vergangenen Mittwoch auf dem Krupp-Werksgelände inDuisburg-Rheinhausen;unten: während einer Solidaritätsversammlung bei Krupp in Bochum.

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