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NEUE HEIMAT Schluß damit

Die Sanierung des Baukonzerns gerät ins Stocken: Die dringend nötigen Wohnungsverkäufe laufen schlechter als geplant, und die Gläubigerbanken werden unruhig.
aus DER SPIEGEL 28/1984

Am Donnerstag dieser Woche, wenn in Hamburg der Aufsichtsrat der Neuen Heimat (NH) zusammentritt, geht es für den größten Immobilienkonzern Europas ums Ganze: Der einst so mächtige Bau-und-Boden-Trust soll beträchtlich gestutzt werden, für ein Großteil der Firmengruppe ist nicht einmal das Überleben sicher.

Am schlimmsten ist die Lage der Neuen Heimat Städtebau (NHS). Ihr prophezeien Manager intern einen Tod auf Raten - bestenfalls. Wahrscheinlich aber ist es ein schnelles Ende.

Die Eigentümer der Neuen Heimat, die Gewerkschaftsholding Beteiligungsgesellschaft für Gemeinwirtschaft AG (BGAG), der Deutsche Gewerkschaftsbund und 17 Einzelgewerkschaften, haben seit 1982 allein in die NHS 1,3 Milliarden Mark gepumpt. Zu weiteren Opfern sind die meisten Anteilseigner nicht mehr bereit.

Seit Wochen schon, sagt BGAG-Chef Walter Hesselbach, werde die Neue Heimat von Gewerkschaftern bedrängt, die Städtebau aufzugeben: »Die fordern, macht doch endlich Schluß damit.«

Über das Schicksal der NHS, die für den Immobilien-Trust vor allem im Ausland das große Rad drehte, entscheiden längst nicht mehr nur Vorstand und Aufsichtsräte. Was mit der Städtebau geschehen wird, darüber befinden jetzt in erster Linie die 40 deutschen und ausländischen Gläubigerbanken. Neue-Heimat-Chef Diether Hoffmann: »Ich muß nicht nur Seelenmassage bei den Gewerkschaften, sondern auch bei den Banken betreiben.«

Seit Wochen beschäftigt ihn vor allem die Frage, wie lange die Geldgeber noch stillhalten: »Wenn die Banken ausscheren«, so der NH-Chef, »hätte das verheerende Folgen.« Denn allein in diesem Jahr laufen Kredite in Höhe von insgesamt 1,13 Milliarden Mark aus. Nach neuestem Stand muß die Neue Heimat damit rechnen, daß einige Banken, vor allem ausländische, nicht mehr weiter mitspielen.

»Wir wollen«, erklärte letzte Woche ein Frankfurter Großbankier, »mehr Sicherheiten oder eine Garantieerklärung der Gewerkschaften.«

Um beides ist es schlecht bestellt. Mit Sicherheiten kann Hoffmann nicht dienen: Die Firmengruppe ist bis zum Dach verschuldet.

Mit Krediten in Höhe von insgesamt 5,6 Milliarden Mark hält die Neue Heimat jetzt den deutschen Schuldenrekord. Die Städtebau erwirtschaftet nur einen Bruchteil der fälligen Zinsen. Bislang hielten die Kreditgeber nur still, weil Hoffmann ihnen durch den Ausverkauf des Konzerns eine schrittweise Tilgung zugesichert hat.

An neuen Geschäften läuft fast nichts mehr. Kommunen und Länderbehörden, die bisherigen Dauerkunden, haben für neue Aufträge kein Geld mehr. Von privaten Kunden wird der Konzern geschnitten. »Die Stimmung ist so aufgeheizt«, klagt Hesselbach, »daß kaum jemand noch etwas mit der Neuen Heimat zu tun haben will.«

Der 1982 von der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) als Krisenmanager nach Hamburg geschickte Hoffmann forciert jetzt den Abbau. In vier Punkten legt er diese Woche seine neuen »Grundsätze der Geschäftspolitik« vor. Der Kernpunkt: Die Städtebau soll liquidiert werden. »Das Auslandsengagement« der NHS müsse, so Hoffmann in seinem Strategiepapier, »abgewickelt und eingestellt« werden. Darüber hinaus wollen die Städtebau-Manager jetzt auch »sämtliche Inlandsimmobilien verwerten«.

Die ersten Verkaufserfolge stellten sich auch schon ein. So wurde Hoffmann seine 50prozentige Beteiligung am Hamburger Plaza-Hotel los. Eine BfG-Tochter zahlte ihm dafür einen Freundschaftspreis von rund 115 Millionen Mark.

Ein derartiger Deal unter Brüdern gelingt nicht immer: Beim Verkauf seiner

neuen NH-Zentrale für 145 Millionen Mark an die Deutsche Genossenschafts-Hypothekenbank setzte Hoffmann 15 Millionen Mark zu. Die Belegschaft der Neuen Heimat hatte die feudale Hamburger Verwaltung gerade bezogen, da mußte sie in ein schlichtes Mietsgebäude umsiedeln.

Inzwischen ist Hoffmann auch den Mannheimer Fernsehturm los. Ihn kaufte die Bundespost. Anfang Mai nahm die Frankfurter DG-Bank der NHS für 33 Millionen Mark das Städtebau-Sanierungsprojekt »Bockenheimer Warte« ab. Die Stadt Mannheim verhandelt mit den Hamburgern über den Ankauf des örtlichen Collini-Centers.

Der Restbesitz, darunter einige regionale Verwaltungen in Hannover, Bremen und München, dürfte dagegen schwer unterzubringen sein. Hoffmanns Dilemma: Je länger der Ausverkauf dauert, desto mehr muß er bei den Preisen nachgeben.

So ist inzwischen nicht auszuschließen, daß die NHS-Verkäufer nicht mehr genug Geld zusammenbringen, um alle aufgelaufenen Schulden abzudecken. »Bei der Städtebau«, so ein Hamburger Bankier, »ist ein Anschlußkonkurs nicht mehr auszuschließen.«

Für die NHS ist die Lage vor allem im Ausland geradezu hoffnungslos. Die Gewerkschaftsmanager hatten sich in ihrer Gigantomanie dort auf Projekte eingelassen, die der Städtebau nun zum Verhängnis werden können.

Ein solcher Minusmacher ist der monströse Wohnungs- und Geschäftskomplex Passy Kennedy am rechten Seineufer in Paris. Der erste Trakt ist zwar seit Monaten fertiggestellt. Doch für die rund 170 Luxuswohnungen finden sich kaum Käufer. Verzweifelt bemühen sich nun die NHS-Manager, für die letzten zwei Bauabschnitte Kreditgeber zu finden. Hesselbach: »Passy Kennedy ist ein hoffnungsloser Fall. Dabei ist das eine so schöne Lage.«

Arg in der Klemme stecken die Städtebauer auch mit ihren Immobiliengeschäften in Mexiko und Brasilien. In der Nähe des VW-Werks in Sao Paulo hat die Neue Heimat 854 Wohnungen errichtet und sich eine Vielzahl von Grundstücken zugelegt. Weil VW wegen einer mehrjährigen Absatzkrise Tausende von Arbeitern entlassen mußte, sind viele Wohnungen schwer zu verkaufen.

In Mexiko besitzt die NHS mehrere Siedlungen, 1600 Wohnungen sollen 1984 fertiggestellt werden. Wegen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten Mexikos dürfte der Verkauf Jahre dauern. Die NHS kommt daher auch dort finanziell in die Klemme.

Erst vor wenigen Tagen bedrängten NH-Manager den Vizepräsidenten des mexikanischen Gewerkschaftsbundes bei einem Besuch in Frankfurt. Der Kollege sollte die Regierung unter Druck setzen, damit das staatliche Bauprogramm beschleunigt wird.

Für seine besseren NHS-Objekte hatte sich Hoffmann dagegen eine Lösung einfallen lassen, von der er sich schnelles Geld erhoffte. Das Renommier-Hotel Loews in Monaco, aber auch Wohn- und Geschäftszentren wie das Nordweststadt-Zentrum in Frankfurt wollte er an die Immobilientöchter seiner Gläubigerbanken verkaufen.

Die Westdeutsche Landesbank (WestLB) und die BfG, beide zusammen mit einem Kreditengagement von 1,8 Milliarden Mark die größten NH-Gläubiger, hatten sich auch schon mit Hoffmanns Planspielen angefreundet. Dann aber stellten die Bankiers fest, daß der NH-Chef die Immobilien zu weit überhöhten Preisen an die Banken-Fonds übertragen wollte.

Frühestens in zehn Jahren, ergaben interne Berechnungen der WestLB, hätten die Immobilien die Preise erzielen können, die Hoffmann jetzt dafür ansetzte. Ein Vorstandsmitglied: »So leicht aber lassen wir uns von der Neuen Heimat nichts mehr aufs Auge drücken.«

WestLB-Chef Friedel Neuber fühlt sich ohnehin von den Gewerkschaften reingelegt. Er hatte Ende 1983 zu seiner Überraschung feststellen müssen, daß seine Bank plötzlich auf Platz eins der NH-Gläubigerliste vorgerückt war. Dafür hatte die BfG klammheimlich ihre Kredite um 400 auf 740 Millionen Mark abgebaut und war auf den zweiten Platz gerutscht.

Nach den Gebräuchen des Geldgewerbes wäre der Landesbank damit die undankbare Rolle der NH-Hausbank zugefallen. Aber Neuber lehnte ab und mochte nicht einmal den Koordinator für die inländischen Gläubiger spielen.

Kein deutscher Kreditgeber war bislang bereit, diese Rolle zu übernehmen. Es dürfte auch schwerfallen, die Interessen der Gläubiger unter einen Hut zu bringen. Denn es geht nicht allein um die marode Städtebau.

Notleidend ist auch die Schwesterfirma, die Neue Heimat Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft (NHG). Mit Krediten in Höhe von 4,4 Milliarden Mark ist sie fast viermal so hoch verschuldet wie die Städtebau.

Die NHG hat dafür aber mit einem Bestand von rund 300 000 Wohnungen das weitaus größere Vermögen. Im Vergleich zu vielen der unverkäuflichen NHS-Projekte im Ausland sind die Immobilien der gemeinnützigen Firma erheblich mehr wert.

Hoffmann befürchtet, das Desaster bei der NHS könnte auch die NHG mit in den Abgrund reißen. Er weiß nicht, was für seinen Konzern schlimmer wäre - »ein sanfter Tod oder ein schnelles Ende der NHS«. Denn schon jetzt wird es für Hoffmann bei der NHG sehr eng. Im vorigen Jahr erzielte die Kernfirma der Neuen Heimat einen Rekordverlust von 525 Millionen Mark. Weil die Manager 1983 bereits mit dem Ausverkauf ihres Wohnungsbestandes begonnen hatten, konnten die Verluste schließlich auf 150 Millionen Mark begrenzt werden.

Um den Schuldenberg bei der NHG abzutragen, soll der Verkauf forciert werden. Für insgesamt 60 000 Wohnungen sucht die Neue Heimat noch Käufer.

Der völlig desolate Immobilienmarkt macht der Neuen Heimat nicht nur die Preise kaputt, sie setzt auch weniger ab. Steigende Zinsen und ein Wohnungsüberhang haben die Geschäfte mit

Grundstücken und Häusern erschwert. Hesselbach riet Hoffmann daher schon vor Wochen, es sei nun höchste Zeit, auch an die Personalkosten ranzugehen. Darum habe sich die Neue Heimat bislang noch zu wenig gekümmert.

Offenbar will der NH-Chef das Versäumte nun schleunigst nachholen. Wenn am kommenden Donnerstag die Aufsichtsräte der Neuen Heimat das »Strukturkonzept II« mit seinen harten Einschnitten verabschieden, sollen sie auch ihre Zustimmung zu einem drastischen Personalabbau geben.

Das ist leichter gesagt als getan.

Der Betriebsrat ließ den Vorstandsvorsitzenden wissen, daß er sich womöglich gegen das gesamte Strukturkonzept aussprechen werde. »Ein rigoroser Personalabbau bei einem Gewerkschaftsunternehmen«, so ein Betriebsrat, »das geht ja wohl nicht zusammen.«

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