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KULTMARKEN Schluss mit sofort?

Die amerikanische Traditionsmarke Polaroid bangt ums Überleben: Die Sofortbildkamera bringt viel Spaß - aber keinen Umsatz.
aus DER SPIEGEL 43/2001

Für Verliebte war es ohnehin ein Muss: das Polaroid-Sofortfoto. Ein Unikat, von keiner fremden Hand berührt, mit unscharfer Kontur und weichem Farbton. Und diskret war das kleine Kunstwerk auch: Frauen werden mit den Jahren faltenfrei und jünger, weil die Fotografien verblassen.

Nur die Kultfirma selbst sieht heute ziemlich alt aus: Den Fotokonzern, gegründet 1937, mit Hauptsitz im amerikanischen Cambridge, plagen über zwei Milliarden Mark Schulden. Inzwischen hat Polaroid beim Konkursgericht Gläubigerschutz beantragt.

Noch vor einem Jahr hatte die Börsenkapitalisierung bei einer Milliarde Dollar gelegen, in den siebziger Jahren war Polaroid sogar eine der 20 größten Aktiengesellschaften Amerikas. Und nun der Absturz. »So ziemlich unser gesamtes Vermögen ist verpfändet«, sagt Unternehmenssprecher Skip Colcord.

Die Maßnahmen zur Rettung des Unternehmens könnte noch nicht einmal eine Polaroid-Kamera weich zeichnen: Im Juni wurde angekündigt, dass ein Viertel der Belegschaft entlassen werde - 2000 Angestellte. Inzwischen wurden schon rund 3000 Jobs gestrichen, Immobilien verkauft, Kürzungen von Sozialleistungen für Beschäftigte und Pensionäre in den USA sollten 20 Millionen Dollar pro Jahr einsparen.

»Von dem amerikanischen Gläubigerschutzverfahren sind die Mitarbeiter in Deutschland nicht betroffen«, beruhigt Ingolf Mulle, zuständig für das Polaroid-Geschäft hier zu Lande, »wir sind profitabel und haben eine unabhängige Finanzstruktur.« Sagt er. Doch die 60 Mitarbeiter bleiben skeptisch, wahrscheinlich zu Recht.

Dabei fing es mal so fröhlich an. Ende 1943 kam dem Amerikaner Edwin Land die Idee für eine Sofortbildkamera. Fotografieren und entwickeln in einem Aufwasch. Die Kamera selbst, so sein Gedanke, ist eine dunkle Kammer, warum sie also nicht gleich als Dunkelkammer nutzen?

Vier Jahre und sechs Patente später präsentierte der Unternehmer auf der Jahrestagung »American Optical Society« sein mobiles Fotolabor. Seine Fachkollegen grinsten: Spielerei, grober Unfug, gänzlich überflüssig.

Unternehmer Land schluckte. Zwei Millionen Dollar hatte der Spaß schließlich gekostet, nun musste er sich auch rentieren.

Tat er auch. Die Kundschaft war nämlich begeistert. Alles, was die Profis störte, kam bei den Normalos bestens an - noch nie war Fotografieren so einfach.

Bereits 1956 wurde der einmillionste Apparat gebaut. 1963 konnten die Polaroid-Apparate erstmals Farbbilder ausspucken, eine Sensation. »Ein wichtiges Moment für den Erfolg von Polaroid war seine sinnliche Erfahrbarkeit«, sagt Klaus Honnef, Professor für Theorie der Fotografie an der Universität Kassel, »das surrende Geräusch, das Sichtbarwerden des Bildes, die artifizielle Farbgebung, der - damals - pompös wirkende Rahmen, gab der Polaroid ein erotisches Fluidum, das im halböffentlichen Raum vor allem dem spielerischen Anbändeln diente.«

Diese Fototechnik war die Vollendung der Egogesellschaft, es gab viele Künstler, die sich voller Hingabe mit Polaroid beschäftigten, zum Beispiel Andy Warhol. Deutsche Künstler wie der Kölner Herbert Döring-Spengler toasteten Polaroids und spielten mit dem Material. Der putzbröckelnde Zustand der Sixtinischen Kapelle wurde mit Polaroids ebenso festgehalten wie der Ausflug eines Kegelvereins nach der Kümmerling-Orgie.

Noch 1999 empfahl die Zeitschrift »Brigitte« das Sofort-Fotografieren als PartySpiel »mit verblüffend hohem Spaßfaktor": »Einer der Gastgeber macht mit

einer Polaroid-Kamera überfallartig Fotos von allen Gästen. Beim Essen, beim Tanzen oder beim Flirten.« Die Spice Girls waren vor vier Jahren Polaroid-Werbepartner, kürzlich noch wurde Teenie-Idol Britney Spears von dem Fotokonzern gesponsert.

Viel Wirbel, wenig Profit, das war das Ergebnis dieser allzu selbstverliebten Konzernstrategie. Gert Koshofer, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie, sagt: »Zu viel Spaß und Fun, es wurde zu wenig in den professionellen Arbeitsbereich investiert.«

Denn längst hatte die Digitaltechnik ihren Siegeszug angetreten. Die Bilder können via Internet verschickt werden. Und jeder kann seinen Schnappschuss selbst bearbeiten: Rote Augen verschwinden, bei Bedarf auch die Oma.

Im Fotostudio braucht man heute für Motivkontrollen keine Polas mehr, sagen Experten, im Passbildbereich würde Fuji immer stärker, und für den Amateurfotografen sind die einzelnen Sofortbilder nicht mehr befriedigend. Zumal in großen Städten das Foto-Entwickeln zur neuen Dienstleistung wurde - 24-Stunden-Services gibt es überall.

Doch seit dem 11. September wächst bei der Firma die Zuversicht. 37 US-Staaten nutzen das Polaroid-System für Führerscheine, und 60 Länder verwenden es für Personalausweise. Auch ein Fingerabdruck-Erkennungssystem ist bei Polaroid in der Entwicklung, das sich nun womöglich als Renner erweisen könnte.

Die einstige Weltmarke hofft wieder - diesmal auf harte Anti-Terror-Gesetze.

KATRIN WILKENS

* Mit Alt-Kanzler Willy Brandt 1976 in Bonn.

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