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MUSIK-INDUSTRIE Schmelz auf dem Parkett

Kleiner und billiger als sein Vorgänger kommt ein aus den 50er Jahren vertrautes Musikinstrument wieder in Mode: Das Geschäft mit elektronischen Orgeln läuft blendend. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Musikalisch hält Winfried Baumbach wenig von elektronischen Orgeln: »Da kommt«, meint der Sprecher des Bundesverbandes der deutschen Musikinstrumenten-Hersteller (BdMH), »die Kreativität zu kurz.«

Geschäftlich hingegen sind die neuartigen Tasteninstrumente eine Pracht: Rund 100 Millionen Mark gaben die Deutschen für die künstlichen Orgeln, in der Branche salopp Musikflipper genannt, im vergangenen Jahr aus.

Herkömmliche Pianos, Blockflöten, Schlagzeuge oder selbst elektronische Gitarren sind längst geschlagen: Jede sechste Mark, die ein deutscher Musikant in sein Hobby steckt, wird für die elektronischen Klanggeräte ausgegeben. »Ein verblüffender Aufschwung, von dem andere Branchen nur träumen«, freut sich der Hersteller-Verband.

Ein Ende des Orgel-Trends ist nicht abzusehen. Nachdem 1983 rund 160 000 elektronische Tasteninstrumente, von der großen Heim-Orgel bis hin zum Mini-Keybord, verkauft wurden, erwarten die Hersteller für dieses Jahr wieder zweistellige Zuwachsraten. Der Grund: »Mit den elektronischen Orgeln«, so Chandu Jethwa, Vertriebschef beim japanischen Orgel-Produzenten JVC, »können wir erstmals die breite Masse zum Musizieren bringen.«

Tatsächlich reicht für die Handhabung der neuartigen Geräte geringer Musikverstand. Spielhilfen und Soundeffekte, die inzwischen selbst in nur wenige Pfund schwere Keybords eingebaut sind, verlangen lediglich die sorgfältige Lektüre der Gebrauchsanweisungen.

Ein integriertes Schlagzeug, das mindestens ein Dutzend verschiedener Rhythmen perfekt abspult, gehört ebenso zur Grundausstattung wie die sogenannte Baß-Automatik. Da reicht es, mit einem Finger eine Taste anzutippen, und schon legt eine unsichtbare Begleitcombo los.

Der Spieler muß dann nur noch im richtigen Rhythmus die Melodie - dafür stehen oft ein Dutzend und mehr verschiedener Klangfarben zur Auswahl - eingeben, um den Sound einer veritablen Tanzkapelle zu erzeugen.

Wem das noch zu schwierig erscheint, kann seine Zuhörer mit weiteren Spielhilfen blenden. Zum Beispiel lassen sich ganze Stücke einprogrammieren, die dann auf Knopfdruck wie von Geisterhand gespielt abschnurren.

Schon gibt es Geräte mit eingebautem Kassettenrecorder, mit dem die selbst verfertigten Musikstücke auf Band überspielt werden können - ein Geschenk für die ferne Oma, der ihr Enkel die Liebe zur Hausmusik vorgaukelt.

Bei der jüngeren Kundschaft ist das Keybord inzwischen beliebter als die Elektrogitarre: Die Instant-Orgel verlangt weniger Übung. Überwiegend aber kauft die mittelalterliche Generation, in deren Tanzstundenzeit Musiker wie Klaus Wunderlich und Gerhard Gregor mit ihren Hammond-Orgeln Schmelz aufs Parkett brachten.

Durch Fortschritte der Mikroelektronik sind die Orgeln, deren erstes Exemplar Laurens Hammond 1935 in Amerika baute, kleiner und vor allem billiger geworden. Und entsprechend der japanischen Findigkeit, Elektronik in alltägliche Produkte umzusetzen, wird das lukrative Geschäft mit den Musikflippern inzwischen von den Herstellern aus Fernost beherrscht.

Die einst führenden Firmen aus Amerika (Hammond, Lowrey und Wurlitzer)

haben den Anschluß verschlafen. Auch die Italiener, die bis vor einigen Jahren große Marktanteile hatten, wurden von den Asiaten verdrängt.

Am erfolgreichsten schob sich die japanische Firma Yamaha, die hierzulande vor allem für ihre Motorräder bekannt ist, in den Musikalienmarkt.

Ende der fünfziger Jahre hatte Yamaha mit der Produktion von elektronischen Orgeln begonnen. Durch eigene Musikschulen, die der Konzern übers ganze Land streute, wurden die Instrumente rasch populär. Mit der gleichen Strategie ging die Firma auch vor, als sie 1966 nach Deutschland kam. Heute unterhält Yamaha in der Bundesrepublik rund 200 Musikschulen und gilt als Marktführer bei elektronischen Orgeln.

Der Erfolg der Yamaha-Gruppe machte die Konkurrenz aufmerksam. Mit dem japanischen Elektrokonzern Matsushita und seiner Tochter JVC nahmen sich neue, branchenfremde Firmen des Orgel-Marktes an. Jüngstes Beispiel ist der Uhrenkonzern Seiko. Von April an will der weltgrößte Hersteller von Quarzuhren auch Keybords in Deutschland verkaufen.

Wie kreativ japanische Firmen ihr elektronisches Know-how nutzen, beweist die Taschenrechnerfirma Casio. Das erste Casio-Keybord kombinierte Taschenrechner, Quarzuhr und Mini-Orgel zu einem Preis von etwa hundert Mark. Das Gerät ist nicht für den Profi gedacht, sondern setzt auf den Spieltrieb des Musiklaien. Die Firma, die von vier Brüdern namens Kashio geführt wird, verkaufte innerhalb eines Jahres gut eine halbe Million Taschenrechner-Orgeln.

Auch in Deutschland sorgte der Neuling für Aufregung. Die von Casio produzierten Großserien ließen sich nicht mehr allein über die Fachgeschäfte absetzen. Konsequent ging Casio auch in die bis dahin verpönten Warenhäuser und Verbrauchermärkte.

Während die Japaner sich um den Verkauf kümmerten, verschliefen die Deutschen weitgehend das Geschäft: 90 Prozent der Elektronik-Orgeln kommen inzwischen aus dem Ausland.

Den meist kleinen Firmen in der Bundesrepublik fehlen das elektronische Wissen und das Kapital für eigene Grundlagenforschung. Zum Vergleich: Yamaha allein beschäftigt in seiner Musikabteilung doppelt so viele Mitarbeiter wie die gesamte deutsche Musikindustrie.

Allein die Matth. Hohner AG im schwäbischen Trossingen setzt den Japanern nach. Das mittelständische Traditionsunternehmen, bekannt für Akkordeons und Mundharmonikas, baute vor wenigen Jahren ein Elektronik-Labor auf und produziert seitdem mit wachsendem Erfolg Orgeln. Letztes Jahr konnte Hohner, erklärt Firmensprecher Arnold Kutzli stolz, »den Japanern sogar beachtliche Marktanteile abjagen«.

Davon können die deutschen Klavierbauer vorerst nur träumen. Schlimmer noch: Sie müssen fürchten, von der Elektronik-Welle überrollt zu werden. »In drei bis vier Jahren«, rechnet JVC-Manager Jethwa, »wird es elektronische Klaviere geben, deren Klang nicht mehr von einem Steinway-Flügel zu unterscheiden ist.«

Ein Unterschied wird bleiben: Der Elektroflügel dürfte etwa 2000 Mark kosten; das Original ist zehnmal so teuer. _(Bei der Musikmesse Anfang Februar in ) _(Frankfurt. )

Bei der Musikmesse Anfang Februar in Frankfurt.

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