Schmerzhafte Finanzspritze Ökonomen erleichtert über Teilverstaatlichung der Commerzbank

Neue Dimension der Finanzkrise: Die Commerzbank wird teilverstaatlicht, weil sie erneut zehn Milliarden Euro Hilfe vom Bund benötigt. Experten geben sich fatalistisch: Die Staatshilfe sei unumgänglich, sagen sie.

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Rettungspaket Nummer zwei hat Großformat. Zehn Milliarden Euro schießt der staatliche Rettungsfonds SoFFin der Commerzbank zu, wie das Geldinstitut bekannt gab. Zusätzlich will die Allianz die bisherige Tochter Dresdner Bank noch für die Fusion mit der Commerzbank aufhübschen, mit einer stillen Einlage in Höhe von 750 Millionen Euro. Außerdem werde man verbriefte Wertpapiere der Dresdner für etwa 1,1 Milliarden Euro übernehmen und dafür zwei Milliarden Euro bezahlen, teilte die Allianz mit. Die Eigenkapitalanforderungen der Dresdner Bank würden damit um 700 Millionen Euro entlastet.

Commerzbank in Frankfurt: Die Übernahme der Dresdner Bank war von Anfang an riskant, sagen Experten
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Bereits 2008 hatte SoFFin der Commerzbank 8,2 Milliarden Euro zugesagt sowie Kreditgarantien in Höhe von 15 Milliarden Euro. Doch wurde die erste Geldspritze noch in Form einer stillen Einlage gewährt, muss die Commerzbank diesmal im Gegenzug 25 Prozent plus eine Aktie an den SoFFin abgeben. Der Bund kann mit dieser Sperrminorität künftig wichtige strategische Entscheidungen wie etwa Ver- oder Zukäufe blockieren.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) erklärte, die direkte Beteiligung des Staats an der Commerzbank diene der besseren Versorgung der Wirtschaft mit Krediten. "Mit dem zusätzlichen Kapital kann die Commerzbank ihre Aufgabe besser erfüllen, die Wirtschaft mit Kapital zu versorgen", sagte Glos dem "Handelsblatt". Glos betonte, dass der Einstieg des Bundes kein Verlustgeschäft sein müsse. "Der Bund kann seine Beteiligung wieder verkaufen und damit Gewinn machen", sagte Glos.

Müntefering: "Kein Einfluss auf Geschäfte"

Auch SPD-Chef Franz Müntefering verteidigte die staatliche Intervention. "Das, was jetzt bei der Commerzbank passiert, ist ja nicht etwa eine Teilverstaatlichung. Der Staat tritt auf Zeit ein, aber er wird sich auch in einem baldigen und vernünftigen Augenblick wieder lösen. Wir werden jedenfalls auf die Geschäfte keinen Einfluss nehmen", sagte Müntefering am Donnerstagabend im ZDF-"Heute-Journal". Es komme darauf an, "Stabilität in die ganze Situation bringen, damit unsere deutsche Wirtschaft auch funktioniert".

Das Bundesfinanzministerium sprach am Donnerstag in Berlin von einem "starkem Signal für eine starke Commerzbank". Die Beteiligung des Bundes sei "keine Teilverstaatlichung, sondern Wahrnehmung unserer Verantwortung für einen der großen deutschen Akteure am Finanzmarkt", sagte Sprecher Torsten Albig.

Von einer "Verstaatlichung" will man auch bei der Commerzbank nichts hören. "Von Mehrheitsbesitz sind wir weit entfernt", betont etwa Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller. Doch Fakt ist: Der Staatseinstieg ist ein schmerzhaftes Zugeständnis, eine neue Dimension in der Finanzkrise. Und dennoch Experten zufolge unumgänglich. "Ohne das Geld wäre die Fusion der Commerzbank mit der Dresdner Bank gefährdet gewesen", sagt Bankenexperte Wolfgang Gerke. "Das war eine Geburt aus der Not heraus."

Der Kauf der seit Jahren kriselnden Dresdner Bank war nach Einschätzung vieler Experten von vorneherein ein riskantes Unterfangen. Die Risikovorsorge der Commerzbank sei "von Anfang an zu gering" gewesen, sagt etwa Dieter Hein vom Frankfurter Analysehaus Fairesearch SPIEGEL ONLINE.

Im Zuge der sich verschärfenden Finanzkrise wurde die Lage immer gefährlicher. JP-Morgan-Bankenexpertin Francesca Tondi macht in einer jüngst veröffentlichten Analyse nach wie vor unüberschaubare Risiken in den Büchern des Investmentbankings der Dresdner Bank aus. Das Geldinstitut werde noch bis 2011 rote Zahlen schreiben. Und auch die Commerzbank habe erhebliche Probleme, etwa aufgrund des starken Engagements der Tochter Eurohypo bei gewerblichen Immobilienkrediten. Zudem sei die Kapitaldecke der Bank nicht allzu üppig. Durch den Abschreibungsbedarf bei den Wertpapieren drohte die Kernkapitalquote der fusionierten Bank sogar unter acht Prozent zu rutschen - diesen Wert muss sie aber erreichen, um Staatsgarantien nutzen zu können.

Immer wieder wurde wegen der offensichtlichen Schwierigkeiten über ein Platzen des Deals spekuliert. Commerzbank-Chef Martin Blessing machte derartigen Gerüchten kürzlich ein Ende, indem er den Zeitrahmen für die Fusion verkürzte. Nebenbei wurde noch einmal nachverhandelt. Statt der kalkulierten 9,8 Milliarden Euro bezahlt die Commerzbank nur noch 5,1 Milliarden Euro für den Neuerwerb.

Um weitere Finanzmittel aufzutreiben, legte die Commerzbank zudem als erste deutsche Bank eine vom SoFFin garantierte Anleihe auf - mit überwältigendem Erfolg. Das Institut habe mit dem dreijährigen Fond fünf Milliarden Euro eingenommen, meldete der zu Thomson Reuters gehörende Marktanalysedienst IFR Markets. Auch wenn von dem Geld noch eine Gebühr an den SoFFin abfließt, ist das weit mehr als erwartet.

Doch trotz des Geldsegens kann die Bank auf weitere Staatshilfe offensichtlich nicht verzichten - so steuert künftig der Bund die zweitgrößte deutsche Bank mit.

Eine Alternative dazu gibt es aber Ökonomen zufolge kaum. "Es ist gut, wenn eine zweite deutsche Großbank entsteht", sagt etwa Bankenexperte Gerke mit Blick auf die Deutsche Bank. Mit der erneuten Finanzspritze trage der Staat auch für den Erhalt der Mittelstandsfinanzierung im Lande Sorge. Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Uni Hohenheim, beurteilt das staatliche Mitsprachrecht ebenfalls optimistisch: "Die Commerzbank muss ihre Geschäftsaktivitäten jetzt mit der Bundesregierung koordinieren und sich noch stärker als bisher auf die Kreditversorgung der Privatwirtschaft konzentrieren. Das ist ein positiver Aspekt, zumal die Bank jetzt das nötige Kapital bekommt, um wieder vermehrt Kredite zu gewähren."

Allerdings fügt Burghof auch hinzu: "Die Staatsbeteiligung zeigt, dass die Krise im Finanzsektor längst noch nicht ausgestanden ist." Ob das zweite Hilfspaket für die Commerzbank reicht, steht deshalb noch in den Sternen. Im Notfall müsse der Bund noch mal nachlegen, sagt Analyst Hein. "Der Staat hat sich verpflichtet, kein großes Geldinstitut pleite gehen zu lassen. Die Commerzbank wird deshalb noch so viel Geld vom Staat bekommen, wie sie benötigt."

Dabei hat der SoFFin der Commerzbank nun bereits 18,2 Milliarden Euro zugesagt, plus der Kreditgarantien. Bei der Bank gibt man sich entsprechend demütig und "dankbar, dass der Bund ein deutliches Zeichen setzt", wie Aufsichtsratschef Müller es ausdrückt, der zugleich Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken ist.



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