Schmiergeld-Affäre Ex-Siemens-Chef von Pierer zunehmend unter Druck

Beobachter hatten sich schon darüber gewundert, dass bislang kaum einer laut die Frage nach der Verantwortlichkeit des langjährigen Siemens-Chefs Heinrich von Pierer in der Schmiergeldaffäre stellte. Doch allmählich dreht sich die Stimmung - von Pierer gerät zunehmend unter Druck.


München - "Er hat jahrelang in diesem System an der Spitze gestanden", sagte Klaus Schneider, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger SdK. So langsam müsse man sich fragen, ob bei Siemens Chart zeigen überhaupt korrekt Geschäfte gemacht worden seien. "Es scheint eine gewisse Kultur gewesen zu sein, dass man unsauber arbeitet." Aktionärsschützer fordern daher, dass von Pierer zumindest sein Amt ruhen lässt, bis die Affäre aufgeklärt ist - falls er nicht von selbst zurücktritt.

Siemens-Chefaufseher von Pierer: jede Verantwortung zurückgewiesen
DDP

Siemens-Chefaufseher von Pierer: jede Verantwortung zurückgewiesen

Von Pierer war lange Zeit einer der angesehensten Manager in Deutschland. Mit seinem Zehn-Punkte-Programm mit der Abspaltung der Halbleitersparte Infineon Chart zeigen hatte er den einst verschlafenen Industrie-Dampfer Ende der neunziger Jahre auf Kurs gebracht. Auch zu den Arbeitnehmervertretern hatte er ein insgesamt gutes Verhältnis. Im Erfurter Generatorenwerk wurde er einmal zum Ehrenbetriebsrat ernannt. "Jetzt bin ich unkündbar", witzelte er später.

Doch nun ist bekannt geworden, dass in seiner Amtszeit Millionenzahlungen an den Ex-Siemens-Betriebsrat Wilhelm Schelsky geflossen sind, der als Gegenpol zu den Gewerkschaften die Arbeitnehmerorganisation AUB gegründet hatte. Die IG Metall bereitet deshalb eine Strafanzeige gegen Siemens vor. "Ich gehe davon aus, dass alle Mitglieder des Zentralvorstands gewusst haben, dass es da eine Verbindung zwischen Siemens und der AUB gab", sagt Michael Leppek von der IG Metall.

"Geld macht gefügig"

Auch das System schwarzer Kassen, mit dessen Hilfe hohe Schmiergelder im Ausland gezahlt wurden, wurde während von Pierers Amtszeit aufgebaut. Obwohl der Siemens-Boss immer wieder öffentlich den Kampf gegen die Korruption ausrief, flossen in den vergangenen Jahren möglicherweise bis zu 420 Millionen Euro in dunkle Kanäle. "Das ist definitiv unter seiner Ägide passiert", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Bei Siemens habe offenbar die Regel gegolten: "Geld macht alle gefügig." Der Aufsichtsratsvorsitzende müsse jetzt die Frage beantworten: "Was hast Du gewusst?" Sie sei noch nicht soweit, einen Rücktritt zu fordern, sagte Bergdolt. "Aber es fehlt nicht mehr viel."

Von Pierer hat bisher einen Rücktritt strikt abgelehnt. "Ich würde es als eine Art Fahnenflucht empfinden, wenn ich mich nicht an der Aufklärung beteiligen würde", sagte er auf der Hauptversammlung. Zudem wies er darauf hin, dass er als Vorstandsvorsitzender weit weg gewesen sei vom operativen Geschäft. Auch die politische Verantwortung will der Manager nicht übernehmen. Der Begriff sei "überstrapaziert" und auf die Wirtschaft nicht zu übertragen.

Wie der Konzern nach den Affären aussehen wird, wagt im Moment niemand vorherzusagen. "Es ist soweit, dass das Unternehmen Schaden nimmt", sagte Bergdolt. Die Staatsanwälte haben sich in den vergangenen Monaten bei Siemens in der Hierarchie systematisch hochgearbeitet. "Wenn ich ein ehrgeiziger Staatsanwalt wäre, würde ich mich als nächstes im Aufsichtsrat umsehen", sagte ein ausgewiesener Experte.

Von Axel Höpner, dpa-AFX



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