Zur Ausgabe
Artikel 39 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BANKEN Schmirgeln und feilen

Schweizer und westdeutsche Banken gerieten ins Zwielicht. Sie verkaufen historische US-Goldmünzen, deren Echtheit sie offenbar nicht schriftlich garantieren können.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Rochus Graf Strachwitz, Rechtsanwalt aus Hamburg, testete -- für einen Mandanten -- Schweizer Banken.

Im mondänen St. Moritz und in Zug kaufte er bei Filialen der Schweizerischen Volksbank, Schweizerischen Kreditanstalt und Zuger Kantonalbank insgesamt sechs Goldmünzen im Wert von 1200 Franken. Anschließend ließ er die Stücke vom Berner Zentralamt für Edelmetallkontrolle prüfen.

Ergebnis der technischen Expertise: »Bei sämtlichen sechs Goldstücken handelt es sich um Fälschungen ... mit mittlerem Gefährlichkeitsgrad.«

Wie Strachwitz kann es heute beinahe jedem ergehen, der bei schweizerischen oder westdeutschen Geldinstituten Golddollar kauft. Denn neben Originalprägungen aus der Zeit von 1840 bis 1933, die noch heute als gesetzliche Zahlungsmittel gelten, zirkulieren bei Banken, Münzhändlern und Sammlern ungezählte Falsifikate.

Diese sogenannten Nachprägungen, die nicht auf Original-Prägestöcken der US-Münzen geschlagen sind, haben allenfalls Metallwert. Als Sammlerstücke -- zu einem Kurs weit über ihrem Goldwert angeboten -- hingegen sind sie wertlos.

Schlimmer noch: Wer Nachprägungen in Umlauf bringt, kann nach Paragraph 148 des deutschen (und Artikel 154 des schweizerischen) Strafgesetzbuches ins Gefängnis wandern.

Graf Strachwitz kaufte die Münzen ("Indianer«, »Liberty« aus den Jahren 1878 bis 1926) mit einem Zeugen. Aber bis heute ist gegen keinen der schweizerischen Bankangestellten, die ihm die Falsifikate aushändigten, strafrechtlich ermittelt worden.

Anders erging es Henri Latour, 50, Kaufmann aus Paris*, in dessen Auftrag der Anwalt aus der Hansestadt die goldenen Fälschungen nachwies.

Latour hatte vom 23. März bis 9. April vergangenen Jahres der Schweizerischen Volksbank in St. Moritz Goldmünzen im Wert von 149 841 Franken verkauft. Als die Schweizerische Volksbank einen guten Monat später abermals von Latour verschiedene Goldmünzen kaufen wollte, erwarteten ihn außer dem Kassierer auch zwei Kriminalbeamte. Denn, so behauptete nun die Bank, Latours Goldmünzen seien überwiegend falsch.

Den Franzosen steckten die Eidgenossen ins Untersuchungsgefängnis von Samedan. Erst nach zweieinhalb Monaten sprach er mit seinem Anwalt. Nach vier Monaten schließlich wurde er gegen eine Kaution von 100 000 Franken freigelassen.

Auf seinen Prozeß wartet der Pariser bis heute vergebens. Latour: »Wenn die mir wirklich den Prozeß machen, laß ich mich entmannen.«

Latour hat gute Gründe für seine Annahme, den Schweizer Justizbehörden könnte daran gelegen sein, das Strafverfahren einschlafen zu lassen. Denn vor den Strafrichtern würde er womöglich beweisen, was sämtliche Schweizer Banken vehement bestreiten: Auch die auf ihre solide Reputation bedachten Geldinstitute verkaufen Falsifikate.

Denn sämtliche 1310 Goldstücke, die Latour der Volksbank zum Verkauf anbot, hatte er zuvor gegen Quittungen von renommierten Banken erworben -- darunter auch von der Schweizerischen Volksbank.

Selbst der Graubündner Staatsanwalt 0. Canova gestand in seiner Anklageschrift gegen Latour -- offensichtlich unfreiwillig -- ein, daß die Volksbank mit Falsifikaten gehandelt habe: »Von den 1310 Goldmünzen, welche die Volksbank in St. Moritz von (Henri Latour) erhalten hat, gelangten nur 875 Stück zur Prüfung, weil ein Teil davon inzwischen veräußert worden ist.«

Mithin: Die Schweizerische Volksbank in St. Moritz brachte 435 Golddollars in Verkehr, von denen sie gar nicht sicher sein konnte, daß sie echt waren. Nach ihrer Anzeige gegen Latour hätte sie sogar annehmen müssen, die Stücke seien falsch.

Das seltsame Spiel der Volksbank erklärt ihr Anwalt Robert Ganzoni treuherzig: »Die Schweizerische Volksbank ist in eine Falle geplumpst.«

Was Ganzoni als Falle bezeichnet, scheint freilich bei Schweizer Banken übliches Geschäftsgebaren zu sein.

Einmal aus dem Gefängnis entlassen, trug Latour eine Fülle von Indizien zusammen, die darauf hindeuten, daß ein Großteil der von Schweizer Banken gehandelten US-Goldmünzen nicht von offiziellen Prägestellen in den USA gestanzt worden, mithin gefälscht sind. Er ließ nicht allein seinen Hamburger Anwalt Münzen kaufen, die dann später von Sachverständigen als unerlaubte Nachprägungen erkannt wurden. Er beauftragte auch die Genfer Gerichtsbeamten Jean Christin, Edouard Reymond und Claude Naville mit dem Kauf von Goldstücken.

Die Juristen aus Hamburg und Genf erwarben unabhängig voneinander

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

und auf Rechnung Latours Goldmünzen im Wert von mehreren tausend Franken bei

* der Schweizerischen Volksbank in Genf, Zürich und Lausanne;

* dem Schweizerischen Bankverein in Genf und St. Moritz;

* der Schweizerischen Kreditanstalt in

St. Moritz, Zürich und Genf; > der Schweizerischen Bankgesellschaft in Zürich und Genf.

Meistens ließen die Beamten die Münzen noch am Goldschalter von der Bank einsiegeln oder in Plastiktüten verschweißen. In einigen Fällen versiegelten sie die Ware in ihren Kanzleien.

Latour fuhr mit den derart verschlossenen Münzen nach Stuttgart. Dort legte er sie dem vom Regierungspräsidium Nordwürttemberg »öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für moderne Münzen« Kurt Jaeger vor.

Auf das Expertenwissen Kurt Jaegers berufen sich beispielsweise auch Westdeutschlands Großbanken, die wie ihre Schweizer Konkurrenten Sammlermünzen feilbieten. In fast übereinstimmenden Gutachten über die ihm vorgelegten Stücke kam Jaeger zu dem Schluß: »Die ... Münzen sind nach meinen Feststellungen nicht in den amtlichen Prägeanstalten der USA geprägt, sie sind daher Fälschungen.«

Der amtliche Schweizer Münzexperte H. R. Götschmann, dem Strachwitz einige Kostproben aus Schweizer Banktresoren vorlegte, befand nach der Untersuchung etwa dreier 2 1/2-Dollar-Stücke mit den Jahreszahlen 1926, 1878 und 1905 sowie eines Fünf-Dollar-Stücks mit der Jahresangabe 1908 und dem Münzzeichen D (=Denver):

»Die Stücke ... weisen eine verhältnismäßig stark abgerundete Kante auf (Rückseite und Vorderseite); die rosarote Färbung der Legierung kommt dadurch ebenfalls zum Vorschein. Diese unnatürliche Abschrägung resp. Abrundung ist künstlich, d. h. nach der Prägung mittels einer feinen Feile oder mit Schmirgeltuch erzeugt worden. Dieser nachträgliche Arbeitsvorgang bezweckt die Entfernung des beim Prägen entstandenen Brauens sowie gleichzeitig auch zur Anpassung des Gewichtes aber auch zur Vortäuschung einer natürlichen Abnutzung ... Die Randriffelung ist nicht originalgetreu.«

Und weiter Götschmann: »Alle ... Stücke sind identisch mit den Stücken der gleichen Münzart« des gleichen Jahrganges und der gleichen Münzstätte wie im Fall (Latour).«

Trotz dieser Feststellungen der amtlichen Prüfer beharren die Schweizer Geldinstitute auf ihrer Behauptung, sie verkauften nur echte, in den USA geschlagene Münzen. Der Rechtsexperte der Kreditanstalt in Zürich, Bertheau, gibt zwar zu: »Es sind in der Tat viele Fälschungen unterwegs.« Aber die Kreditanstalt habe damit nichts zu tun. Bertheau: »Wir haben hervorragende Experten, die jedes Stück prüfen. Bei uns ist es praktisch unmöglich, daß gefälschte Stücke verkauft werden.«

Dieser Aussage stehen die Expertisen Jaegers und Götschmanns entgegen. Bertheau von der Kreditanstalt hält es für »ziemlich unglaubhaft«, daß die Münzen auf dem Weg vom Bankschalter über die Beurkundungsbeamten zu den Münzprüfern nicht vertauscht worden sind. Darauf aber, wie dies trotz Siegels und gerichtlicher Kaufaufsicht geschehen sein soll, weiß Bertheau keine Antwort.

Ähnlich der Rechtsexperte Hans-Rudolf Renfer von der Generaldirektion der Schweizerischen Volksbank in Bern. Auch er gibt an, seine Bank verkaufe nur echte Ware. »Sollte ein Käufer aber doch einmal feststellen, daß ein bei uns gekauftes Stück falsch ist, nimmt die Volksbank es selbstverständlich gegen die Quittung zum Kaufpreis zurück.«

Tatsächlich aber reicht den Banken ihre eigene Quittung in der Regel nicht als Beweis dafür, daß ein Kunde das Goldstück wirklich bei ihnen gekauft hat. Die Münze, so wenden sie ein, könnte ja vertauscht worden sein.

»Wenn die Münzen nicht versiegelt sind«, so bestätigt das Zentralamt für Edelmetallkontrolle. »kann die Bank sie nicht identifizieren und wird sie unseres Wissens nicht zurückkaufen.«

Derart bequemer Ausreden bedienen sich mit Vorliebe auch westdeutsche Kreditinstitute, denen Goldmünzen zum Rückkauf angeboten werden. Als ein Hamburger Reporter unlängst der Neustadt-Filiale der Hamburger Sparcasse von 1827 zwei Golddollars anbot, stellte der Schalterbeamte fest, die beiden Münzen seien falsch.

Dem Reporter half es wenig, als er die Quittung der Commerzbank-Niederlassung an Hamburgs Domstraße vorlegte, wo er die Münzen eine Stunde zuvor gekauft hatte. »Nur der Presseausweis«, so der Zeitungsmann. »rettete mich vor einem Verhör durch die Kripo.«

Obwohl die Banken ihre eigenen Quittungen als Beleg für ehrlichen Erwerb kaum anerkennen, zieren sie sich, die als echt deklarierten Münzen beim Verkauf einzusiegeln. Bei der Hamburger Commerzbank in der Domstraße etwa wurden Kunden, die das offizielle Banksiegel als Gütezeichen verlangten, gleich mit vier Herren der Münzabteilung konfrontiert, die ihnen ihr Ansinnen zunächst auszureden versuchten.

Als dann die Kunden nach Echtheitszertifikaten für die schließlich doch in eine Plastiktüte verschweißten zwei Goldmünzen fragten (ein Fünf-Dollar-Stück »Indianer« aus der Serie 1908 bis 1915 und ein Zweieinhalb-Dollar-Stück aus der Prägeperiode 1840 bis 1907 im Gesamtwert von 337 Mark), wurde ihnen dies glatt verweigert. Begründung: »Das ist nicht üblich.«

Die Weigerung der Banken, die Echtheit der von ihnen verkauften Münzen zu attestieren, steht in seltsamem Widerspruch zu der stereotypen Beteuerung, sie handelten ausschließlich mit echter Ware. So heißt es etwa auf den Quittungsvordrucken der Deutschen Bank AG: »Wir verkaufen nur Originalmünzen und Neuprägungen staatlicher Prägeanstalten.« Die Dresdner Bank versichert in einem Katalog: »Bei den in diesem Angebot erwähnten Goldmünzen handelt es sich um echte, auf Grund des staatlichen Münzregals geprägte Goldstücke einschließlich deren offizielle Neuprägungen.«

Zu denken geben muß auch die Tatsache, daß historische US-Golddollars, die auf Grund ihres Alters und ihres steigenden Seltenheitswertes eigentlich immer teurer werden müßten, von Jahr zu Jahr billiger angeboten werden. So sank etwa der Preis des Fünf-Dollar-Stücks »Indianer« aus der Serie 1908 bis 1915 (Qualität »sehr schön") binnen eines Jahres von 175 Mark auf 117 Mark. Demgegenüber ist ein Kupfer-Nickel-Stück »1 Cent Indian Head"« das in einer Auflage von 36,4 Millionen geprägt wurde, in der Qualität »proof« nicht unter 600 Dollar zu haben.

Geradezu verdächtig mutet es aber an, daß europäische Banken historische US-Goldmünzen. die das Washingtoner Schatzamt als »selten« -- im Gegensatz zu Fälschungen ("nicht selten") -- klassifiziert, in jeder Menge verfügbar halten. So bot die Schweizerische Volksbank in Lausanne einem Interessenten ganze Sätze rarer US-Goldmünzen »in Partien von 100 Stück oder einem Mehrfachen davon« an. »Derartige Mengen«, so die Lausanner Volksbankiers, könnten sogar von einem Tag auf den anderen »ohne Vorbestellung« abgerufen werden.

Günther Albrecht vom Verband der Deutschen Münzvereine meint denn auch: »Der Münzmarkt ist versaut.« Die Münzkäufer warnt er: »Jeder muß wissen, ob er bei Glatteis spazierengehen will.«

Deutlicher noch wurde Hans Nothnagel vom Geldmuseum der Deutschen Bundesbank in Frankfurt: »Ich würde Münzen nur bei einem vereidigten Münzhändler kaufen. Bei Banken allenfalls, wenn die ein Echtheitszertifikat geben.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 39 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.