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OSTHANDEL Schnell festgezurrt

Ein Konsortium deutscher Banken pumpt der Sowjet-Union zehn Milliarden Mark. Der bislang größte Kredithandel wird zu einem Dreiecksgeschäft benutzt, das den Deutschen Erdgas und Industrieaufträge bringt.
aus DER SPIEGEL 47/1980

Friedrich Wilhelm Christians, Sprecher der Deutschen Bank, war auf äußerste Diskretion bedacht. Als der Gast aus Moskau in der Bankzentrale an der Düsseldorfer Königsallee vorfuhr, gab es kein Protokoll, keine Presse.

Unauffällig wurde Wiktor Iwanow, stellvertretender sowjetischer Außenhandelsminister, in den ersten Stock der Deutschen Bank geführt. In seinem Eckzimmer hatte Christians schon alles zur Unterschrift vorbereitet.

Mit einer Absichtserklärung vereinbarten der Bankier und der Funktionär das größte Kreditgeschäft, das die westdeutsche Geldbranche je mit den Sowjets gemacht hat. Unter Christians' Federführung wollen rund zwanzig deutsche Banken den Russen zehn Milliarden Mark zu einmaligen Vorzugskonditionen leihen.

Schuldner im Westen können davon nur träumen: Bei einer Laufzeit von zehn Jahren muß Moskau lediglich siebendreiviertel Prozent Zinsen für die Kredit-Milliarden zahlen.

Getilgt wird mit Naturalien. Für das deutsche Geld will der Kreml mit sibirischem Erdgas bezahlen. Ab 1984 soll die staatliche Sojusgasexport jährlich 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas in den Westen pumpen.

Aus den Gasblasen am Ural speisen die Russen bereits jährlich zwölf Milliarden Kubikmeter in das Leitungsnetz der Essener Ruhrgas AG ein. Mit dem neuen Kontrakt wird der Anteil der Russen am deutschen Gasmarkt auf 30 Prozent aufgestockt.

An dem Geld-Gas-Geschäft sollen auch deutsche Industrie-Unternehmen teilhaben. Beim Düsseldorfer Stahlkonzern Mannesmann wollen die Sowjets mit ihrem Kredit aus der Bundesrepublik Röhren für eine neue 5000 Kilometer lange Gas-Pipeline einkaufen. Kompressoren und Kühlaggregate sollen nach neuestem Verhandlungsstand die Elektrofirma AEG-Telefunken und die bundeseigene Salzgitter AG liefern.

So gut sich auch alles ineinanderfügt: Es ging nicht alles nach Wunsch der Deutschen, und schon gar nicht so, wie es sich Bankier Christians ursprünglich vorgestellt hatte. Der Konsortialführer unter den Geldgebern hatte weit mehr als nur siebendreiviertel Prozent an Zinsen rausschlagen wollen.

Den Sowjets war zwar klar, daß sie den Niedrigzins von Anfang der siebziger Jahre -- gut sechs Prozent -- nicht wieder aushandeln konnten. Denn bei den ersten Röhren-Gasgeschäften lag der Marktzins im Westen niedriger als heute. Doch viel mehr als damals wollten die Staats-Manager nun auch nicht bezahlen.

Noch Mitte Oktober, als Christians den Kossygin-Nachfolger Nikolai Tichonow einen Tag vor dessen Ernennung zum Ministerpräsidenten im Kreml besuchte, sah es so gar nicht nach Einigung aus. Die Russen wollten sieben Prozent geben, Christians bestand auf neun Prozent.

Druck aus der Heimat vor allem ließ den Bankier schließlich weich werden. Die Manager der Dresdner Bank drängten den Konsortialführer, die Deutsche Bank, zum Einlenken, um einem maroden Großkunden zu Diensten zu sein.

Für die unerfreuliche Auftragslage des Frankfurter AEG-Konzerns kommt der Orderschub aus dem Osten gerade recht. Der hilfreiche Sanierungsbeitrag, fanden die Banker von der Dresdner, dürfe nicht an der Finanzierung scheitern.

Daß Christians so schnell nachgab, hat aber auch politische Gründe. Bevor die Lage in Polen die Ost-West-Beziehungen womöglich weiter vereist, wollte der Bankier das Geschäft lieber noch schnell festzurren.

Nach dem Vorvertrag ging bislang alles nach Plan. Die Russen wollen die Rohre bereits in drei Jahren in der Tundra verlegt haben.

Mit den neuen Lieferungen sollen Erdgasblasen im unwegsamen Gelände der Halbinsel Jamal im Norden Sibiriens erschlossen werden. Für die Trasse quer durch die Frostzonen bis zur bayrischen Grenze benötigen die Sowjets technisch aufwendige Kühlaggregate, Verdichterstationen und Spezialrohre.

Zusammen mit Salzgitter soll AEG 45 Anlagen zur Gasverdichtung liefern. Die Kompressoren sollen das Gas alle 120 Kilometer zusammendrücken und damit für den nötigen Druck zum Weitertransport sorgen. Mannesmann präsentierte den Russen Modelle ihres neuen Röhren-Typs, der einen besonders hohen Gasdruck aushält.

Obwohl der Abschluß des Ost-Geschäfts bislang streng geheimgehalten wurde, machten Mitte letzter Woche ein paar Eingeweihte ihr Wissen zu Geld. Die Aktienkurse von Mannesmann und AEG sprangen in die Höhe, obwohl »ein Grund für das plötzlich erwachte Interesse«, so die »Welt«, »nicht zu erfahren« war.

Für die westdeutschen Geldgeber zumindest ist noch gar nicht ausgemacht, ob der Deal mit den Sowjets auch Gewinn bringt. Durch ihr Zinszugeständnis an Moskau verlieren die Banken jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag.

Doch für ein gutes Ende ist wohl gesorgt. Über interne Verrechnungen mit den Industriekonzernen, so wollen Eingeweihte wissen, werden Christians und seine Kollegen die Miesen weiterreichen: Die deutschen Verbraucher sollen das Zinsloch durch einen höheren Gaspreis stopfen.

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