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Unternehmen Schnell und flexibel

Schon vor einem Jahr sollte eine CD-Fabrik in Thüringen anlaufen - doch die Banken bremsten unternehmerischen Eifer.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Die Politprominenz aus Thüringen und Bayern schaute vorbei, aus Bonn reiste Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann in das verschlafene Dörfchen Albrechts bei Suhl. Der offizielle Baubeginn des ersten CD-Werks im deutschen Osten war selbst der New York Times eine Story wert.

Nach gut einjähriger Bauzeit begann vor wenigen Wochen der Probebetrieb in der Fabrik, die nach Ansicht von Minister Möllemann »historisch ohne Beispiel« ist. Anfang nächsten Jahres soll die Produktion auf Touren kommen. Jährlich werden dann 50 Millionen Musik-Scheiben und 140 Millionen CD-Hüllen gefertigt.

Unternehmer Reiner E. Pilz, 50, mag sich dennoch nicht recht freuen. Allzulange verzögerte sich der Bau. »Eigentlich sollte die Fabrik schon vor gut einem Jahr in Betrieb gehen«, sagt der ehrgeizige Mittelständler.

In das gängige Klagelied westdeutscher Unternehmer über die Treuhand, die schleppende Bürokratie im Osten oder über Probleme bei der Grundstücksbeschaffung will Pilz gleichwohl nicht einstimmen. »Mit ein bißchen Nachdruck und energischer Hilfsbereitschaft«, behauptet er, »läuft es in den neuen Bundesländern eigentlich ganz reibungslos.«

Verärgert ist der Bayer über die westdeutschen Banken. »Mit ihrer Erbsenzählerei«, sagt Pilz, »bremsen die den Aufschwung im Osten.«

Immer wieder entdeckten die Banken vermeintlich neue Probleme in seinen Kreditanträgen. Dabei waren die geforderten 170 Millionen Mark fast vollständig durch Landes- und Staatsbürgschaften abgesichert.

Mehr als neun Monate habe sich der Bau seiner neuen CD-Fabrik nur deshalb verzögert, weil die Banken die Kredite blockierten. »Manch anderer«, so Pilz, »hätte schon längst die Brocken hingeworfen.«

Dabei war Pilz für die Kreditinstitute kein Unbekannter. Mit einer Baufirma für hochwertige Fassaden hatte sich der gebürtige Zwickauer, der 1961 in den Westen gekommen war, als ungewöhnlich erfolgreicher Unternehmer profiliert. Großprojekte im Fassadenbau, darunter der Königspalast in Dschidda, der Fernsehturm in Riad, die Staatskanzlei in München und die Deutsche Bank in Luxemburg, verschafften ihm auch internationales Ansehen.

In der Produktion der 1983 eingeführten Compact Discs erkannte Pilz eine neue Chance. Inzwischen macht er 195 Millionen Mark Umsatz mit CDs. Als Umsatzrendite nennt Pilz zehn Prozent nach Steuern.

Die weitgehende Automatisierung seiner CD-Fabrik war entscheidend für den Erfolg. »Wir schaffen unsere Kapazität mit einem Drittel des Personals, das für die gleiche Menge bei Philips nötig ist«, behauptete Pilz, als er Anfang 1988 in Kranzberg bei München mit der Produktion begann.

In der neuen Fabrik in Albrechts wird die Produktivität noch einmal um 40 Prozent erhöht. Im Viereinhalb-Sekunden-Takt heben dort Greifarme die Silberscheiben aus den zwölf Automaten in den klinisch sauberen Produktionsräumen. »Albrechts ist die modernste CD-Fabrik der Welt«, sagt Pilz.

Dank günstiger Preise konnte Pilz nicht nur viele kleine Plattenfirmen als Abnehmer gewinnen. Auch die Großen der Branche, etwa Polygram, EMI oder Bertelsmann, lassen einen beachtlichen Teil ihrer Platten in Kranzberg pressen.

Um die Abhängigkeit von den Kunden zu verringern, legte sich der wendige Bayer eine eigene Musikfirma zu. Der neueste Katalog der Pilz Media Group umfaßt rund 1000 CD-Titel.

Mit einer Jahresproduktion von 50 Millionen CD ist das Werk in Kranzberg inzwischen an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt. Schon früh begann der Newcomer deshalb, über eine Erweiterung nachzudenken. Ein Jahr vor der Wende führte er erste Gespräche mit Robotron-Chef Friedrich Wokurka. Aber das Projekt lief erst nach der Öffnung der Mauer richtig an.

Im Februar 1990 wurde der Vertrag für das erste deutsch-deutsche Jointventure unterzeichnet. Der äußerst komplizierte Text sah eine gemeinsame Tochterfirma vor. Das VEB-Kombinat Robotron übernahm zwei Drittel der Anteile. Juniorpartner Pilz sollte das Gemeinschaftsunternehmen führen.

Doch dann begannen die Schwierigkeiten. Der flinke Bayer mußte fürchten, nach seinem Schnellstart im Vereinigungs-Wirrwarr steckenzubleiben.

Der Rat der Stadt Suhl lehnte den vorgesehenen Standort für die Fabrik ab. Durch das Werk, mahnte die dortige Schützenlobby, werde der Betrieb der nahe gelegenen Schießsportanlage gestört. Der gute Ruf der Suhler Jagdwaffen, so fürchteten die Kommunalpolitiker, werde beeinträchtigt.

Andere waren weitsichtiger. Im benachbarten Albrechts las Bruno Endter, 40, in der Zeitung von der Suhler Entscheidung. Ohne lange zu überlegen, schlug der Bürgermeister der 960 Einwohner zählenden Gemeinde dem Investor vor, seinen Bauplatz um ein paar Kilometer nordwestlich zu verlegen.

Pilz willigte ein. Mit oft recht unkonventionellen Mitteln gelang es dem Bürgermeister, die Eigentümer des vorgesehenen Wiesengrundstücks auszumachen und zum Verkauf zu bewegen. »Wir haben uns ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt«, sagt Endter heute, »aber es hat sich gelohnt.«

Dennoch verschob sich der Baubeginn weiter, denn die Lage des Pilz-Partners Robotron verschlechterte sich von Tag zu Tag. Die Treuhand sicherte schließlich die Robotron-Anteile an der geplanten Investition von insgesamt 286 Millionen Mark durch eine Staatsbürgschaft ab. Das Land Bayern übernahm die Kosten für die Erschließung des Gewerbegebiets in Albrechts und stellte eine Bürgschaft für den größten Teil der Pilz-Investition.

So hätte die Freigabe der Kredite eine Routineangelegenheit sein können. Doch das Konsortium aus Dresdner Bank, Bayerischer Vereinsbank, Berliner Bank und Westfalenbank gab sich mit den Pilz-Papieren, die bereits von Wirtschaftsprüfern und Bonner Ministerialbeamten testiert worden waren, keineswegs zufrieden. Unbeeindruckt machten sich die Banker unabhängig voneinander an die langwierige Prüfung.

Erst nach neun Monaten gaben die Banken, nun zusätzlich gesichert durch eine persönliche Bürgschaft von Pilz und eine Grundschuld von 220 Millionen Mark auf die neue Fabrik, das Geld frei - zu »über dem Marktniveau liegenden Zinsen«, wie Pilz grimmig vermerkt.

Weniger Probleme hatte Pilz mit der neuen Belegschaft seiner Fabrik im Thüringer Wald. Zunächst gingen die Bewerbungen nur schleppend ein, nach der Grundsteinlegung kamen sie jedoch »gleich waschkörbeweise«, erinnert sich Pilz-Sprecher Diether Habicht-Benthien.

Kein Wunder. Inzwischen war die Arbeitslosenquote in Albrechts nach der Schließung des Simson Motorradwerks und dem Zerfall von Robotron auf über 50 Prozent gestiegen. In den umliegenden Orten sah es nicht besser aus.

Bislang hat Pilz 250 Mitarbeiter aus Thüringen für das Werk eingestellt. Sie bekommen Löhne, wie sie etwa im fränkischen Coburg üblich sind. Im Endausbau wird das Werk, das rund um die Uhr läuft, 350 Leute beschäftigen.

Um die Belegschaft auf ihre neuen Aufgaben in der High-Tech-Fabrik vorzubereiten, holte Pilz jeden Mitarbeiter aus Thüringen für einige Monate in sein Stammwerk nach Kranzberg. Die Erfahrungen stimmen ihn optimistisch. »Die sind schnell und äußerst flexibel«, lobt Pilz seine Mannschaft und sieht darin »ein positives Erbe aus der reparaturgewohnten DDR-Wirtschaft«.

Im benachbarten Suhl setzt sich unterdessen die Erkenntnis durch, daß die Stadtväter einen schweren Fehler gemacht haben. Einige Kommunalpolitiker haben auch schon einen Dreh gefunden, wie sie nachträglich ihre Fehlentscheidung revidieren könnten: Albrechts, so fordern sie, müsse eingemeindet werden.

Bürgermeister Endter macht sich wenig Hoffnung, die Unabhängigkeit seines Dorfes lange verteidigen zu können. »Die Stadt Suhl«, fürchtet er, »schluckt uns, bevor wir die erste Mark an Gewerbesteuer kassiert haben.«

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