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BANKEN Schnelles Geld

Neuerdings verkaufen sogar Sparkassen die Kredite ihrer Kunden an profitgierige Investoren aus Übersee. Staatsanwälte in Schleswig-Holstein ermitteln nun wegen Geheimnisverrats.
aus DER SPIEGEL 22/2007

Achim Thöle ist Vorstandschef der Stadtsparkasse Wedel, die bislang nicht als Metropole allzu raffinierter Finanzjongleure aufgefallen ist. Vielleicht wollte sich Thöle deshalb ein etwas internationaleres Image geben, als er den Verkauf eines Kreditpakets »Projekt Kilimandscharo« nannte. Bei einer Branchenkonferenz präsentierte er das Geschäft mit dem Bild dreier Giraffen. Zur Unterzeichnung des Deals durften die Vertreter der Sparkasse sogar nach London fliegen.

Finanztechnisch lief zunächst alles prima. Zwölf großteils internationale Investoren balgten sich schon Mitte 2005 um 636 Kredite von Thöles Sparkasse. Am Ende erhielt die Schweizer Großbank Credit Suisse First Boston International den Zuschlag - für angeblich 29 Millionen Euro.

Weniger begeistert waren die Sparkassenkunden selbst, die sich erst verraten und dann auch noch verkauft fühlten. Denn die neuen Kreditherren sind auch in diesem Fall weit weniger menschenfreundlich, als es die klassische deutsche Sparkasse sonst gern für sich in Anspruch nimmt.

Die Schweizer Bank vertraute die Bearbeitung der norddeutschen Schulden einer gewissen Crown Westfalen Credit Services GmbH mit Sitz in Bochum an. Diese Firma wurde rasch zudringlich. Sie verlangte schnelle Rückzahlung der Kredite und drohte mit Zwangsversteigerung der Immobilien, die als Sicherheit dienten.

»Sparkasse verkauft ihre Kunden: Rentnerin nimmt sich das Leben« titelte Mitte Mai das Lokalblatt »Schleswig Holstein am Sonntag«. Spätestens da dürfte auch dem Provinz-Schuldendealer Thöle klar geworden sein, dass möglicherweise doch nicht alles so glatt lief.

Zwar bestreitet der Sparkassenchef jeden Zusammenhang mit dem Tod der 84-Jährigen. Doch klar ist: Die Rentnerin wohnte bei ihrer Tochter, die ihre Raten nicht mehr zahlen konnte. Crown hatte vehement den Verkauf der Wohnung angemahnt. »Vielleicht verkauft sich eine leere Wohnung besser«, soll die alte Dame nach Auskunft ihrer Tochter kurz vor ihrem Selbstmord gesagt haben.

Bei den verschacherten Krediten fanden sich nicht nur sogenannte notleidende Kredite, bei denen die Kunden mit den Raten in Verzug gekommen waren. Um das Schuldenpaket attraktiver zu machen, waren auch Engagements dabei, die von den Kunden ordnungsgemäß bedient worden waren.

»Wir haben die Kredite gekündigt, oder uns lag eine Einverständniserklärung zur

Übertragung vor«, rechtfertigt sich Sparkassenvorstand Thöle.

Ein Wedeler Handwerker musste dagegen feststellen, dass sein Kredit über knapp 30 000 Euro von der Sparkasse erst zur Credit Suisse und dann weiter an eine ihm völlig unbekannte Hoist Group verkauft wurde. Seine Zustimmung habe er nie abgegeben. »Das ist moderner Menschenhandel«, sagt sein Anwalt Michael Middelmann.

Und es ist nicht nur die Stadtsparkasse Wedel, die ihre Kunden verkauft. Nachdem bereits große Privatbanken Tausende Immobilienkredite im Wert von vielen Milliarden Euro an »Heuschrecken« weitergereicht haben (SPIEGEL 41/2006), treten neuerdings auch die öffentlich-rechtlichen Sparkassen und Landesbanken aggressiv als Händler auf.

Den Vorläufer spielte die Niederschlesische Sparkasse in Görlitz an der polnischen Grenze, die bereits 2004 einen Teil ihrer Immobilienkredite an die texanische Gesellschaft Lone Star verhökerte. Die aggressiven Investoren aus Übersee bekommen die Kredite zu Preisen, die bei 30 bis 70 Prozent des Buchwerts liegen können. Jeder Prozentpunkt, der bei der Verwertung der Immobilien darüberliegt, bleibt ihnen als Gewinn. Entsprechend rabiat treiben sie das Geld ein - oder halten sich gleich an den Sicherheiten schadlos.

Was haben die Sparkassen davon? Sie können den anonymen Investoren die Schmutzarbeit überlassen und bekommen schnelles Geld in die Hand.

Der Ostdeutsche Sparkassenverband war so begeistert von seinen Erfahrungen mit dieser Art von Deals, dass er daraus sogar ein Beratungsgeschäft für Sparkassen im westlichen Teil der Republik machte.

Auch die Sparkasse Südholstein stieg Ende 2006 in den internationalen Schuldenhandel ein. 67 Kredite landeten bei irischen Fonds der Beteiligungsgesellschaft Lone Star. Das führte in dem nördlichen Bundesland zu so viel Ärger, dass sich der Innen- und Rechtsausschuss des Kieler Landtags mittlerweile zweimal mit dem Fall beschäftigte.

Die Landesregierung hält sich bedeckt. Sie will für letztgültige Aussagen erst die Ermittlungen mehrerer Staatsanwaltschaften abwarten.

Denn die Betroffenen haben eine Interessengemeinschaft gegründet und die Sparkasse wegen Verletzung von Privatgeheimnissen verklagt. Anwälte der Opfer haben Paragraf 203 des Strafgesetzbuches herausgekramt, der Amtsträgern die Weitergabe dieser Geheimnisse untersagt.

Hier könnte den Sparkassen, meist im Besitz von Städten oder Landkreisen, ihr öffentlich-rechtlicher Charakter zum Verhängnis werden. Denn Mitarbeiter und Vorstände von Sparkassen und Landesbanken werden im Gegensatz zu ihren Kollegen bei Privatbanken in der Rechtsprechung durchaus als Amtsträger angesehen.

Die Sparkasse Südholstein sagt dagegen, dass sie sicher sei, »einen gesetzlich einwandfreien Weg beschritten zu haben«. Wolfgang Kubicki ist anderer Meinung. »Die Sparkassenaufsicht des Innenministeriums hätte diesen Forderungsverkauf unterbinden müssen«, sagt der Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein. Im Kreditverkauf der Sparkasse Südholstein sieht er einen klaren Gesetzesverstoß, wenn die Kunden dem Geschäft nicht zugestimmt haben.

Kathy Thedens aus Negernbötel zum Beispiel bekam am 11. Dezember 2006 nur eine Art Abschiedsbrief: »Die Sparkasse Südholstein hat sich entschieden, ein Portfolio notleidender Kredite an die LSF Irish Holdings V Limited, ein Unternehmen der Lone Star Funds, zum 11.12.2006 zu verkaufen. Hierzu gehört auch Ihr Kreditverhältnis«, heißt es dort schnörkellos.

Schon 2004 hatte die Sparkasse den Kredit gekündigt, weil Thedens und ihr Bruder sich beim Bau von Eigentumswohnungen übernommen hatten. Doch die Betriebswirtin hatte einen neuen Finanzierungspartner aufgetan und bis zuletzt an eine Einigung mit der Sparkasse geglaubt. Der neue Eigentümer ihrer alten Schulden fiel durch ungeheuren Wissensdurst auf: »Als Erstes sollte ich in einer Selbstauskunft unter anderem den Wert meiner Haustiere angeben«, berichtet die Frau empört. Selbst die Grundschulden ihrer Mutter seien unberechtigterweise an die »Heuschrecke« übertragen worden. Die Sparkasse will wegen des Bankgeheimnisses zu dem Fall nicht Stellung nehmen.

Laut einer Studie der Deutschen Bank wurden zwischen 2003 und 2006 von hiesigen Banken bereits Kredite mit einem Nominalwert von 25,6 Milliarden Euro an internationale Investoren weiterverkauft. Neben den Sparkassen haben die Landesbanken BayernLB, WestLB und NordLB bei Kreditverkäufen mit internationalen Investoren kooperiert. Verkäufe müssten möglicherweise sogar zurückgenommen werden, wenn die Sparkassen- und Landesbankfürsten vor Gericht als Amtsträger behandelt werden, denen eine besondere Pflicht zur Geheimniswahrung obliegt.

Beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) heißt es, dass die öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute nur für drei Prozent der Kreditverkäufe verantwortlich sind. DSGV-Präsident Heinrich Haasis kommt die ganze Diskussion jedoch äußerst ungelegen. »Auch bei notleidenden Krediten sollte eine Sparkasse aus unserer Sicht im Zweifel genau prüfen, ob ein eventueller Verkauf wirklich notwendig ist«, ließ er dem SPIEGEL ausrichten.

Zu laut will Haasis nicht gegenüber den eigenen Leuten werden. Die müssen dem Verband nämlich mindestens vier Milliarden Euro spendieren - Geld, mit dem Haasis die Landesbank Berlin übernehmen möchte. Als sich für das Institut auch ausländische Investoren interessierten, empörte er sich noch: »Wir sind in einer Phase, wo häufig schon wieder die Gier die angemessene Vorsicht besiegt.« Der Satz hätte auch gut zu einigen seiner Kollegen gepasst. CHRISTOPH PAULY

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