Schock in Bochum und Rüsselsheim GM streicht 10.000 Arbeitsplätze in Deutschland

Der weltgrößte Autokonzern General Motors will in Europa in den kommenden zwei Jahren rund 12.000 Arbeitsplätze abbauen. In Deutschland sollen bei Opel bis 2008 insgesamt 10.000 Jobs wegfallen. Besonders hart betroffen: Die Werke Rüsselsheim und Bochum.




Rüsselsheim/Frankfurt am Main - Das radikale Sparprogramm des weltgrößten Autokonzerns General Motors Chart zeigen werde das deutsche Geschäft der Tochter Opel nach Konzernangaben besonders treffen, sagte GM-Europe-Chef Frederick Henderson am Donnerstag in Rüsselsheim. Besonders betroffen sind die Produktion und die Produktentwicklung.

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Opel in Deutschland: Wo die deutsche GM-Tochter was baut

Insgesamt will General Motors (GM) in den kommenden zwei Jahren bis zu 12.000 Stellen abbauen, 90 Prozent davon bereits 2005. Damit sollen jährlich 500 Millionen Euro Kosten gespart werden.

Über die Senkung der Strukturkosten hinaus kündigte der Vizepräsident von GM Europa, Carl-Peter Forster, Einsparungen bei den Materialkosten an, die den größten Kostenfaktor darstellten. GM erklärte außerdem, von der verstärkten Integration der Design- und Produktentwicklung bei Saab und Opel erhoffe sich das Unternehmen weitere beträchtliche Einsparungen.

Keine Angaben zu Werksschließungen

Der Konzern machte zunächst keine konkreten Angaben, an welchen Standorten wie viele Stellen genau abgebaut werden sollen. Es könnte aber zu Kündigungen kommen. "Wir versuchen, andere Lösungen zu finden", sagte Forster. Auch zu einer möglichen Schließung eines Werks wollte das Unternehmen keine konkrete Stellung nehmen. "Wir können gar nichts ausschließen", erklärte Henderson lediglich. Zunächst gehe es bei dem Stellenabbau jedoch um kurzfristige Maßnahmen.

Opel-Produktion in Rüsselsheim: 12.000 Jobs in Gefahr
DPA

Opel-Produktion in Rüsselsheim: 12.000 Jobs in Gefahr

Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Werks Bochum, Rainer Einenkel, sagte, an deutschen Opel-Standorten sollen bis zum Jahr 2008 rund 10.000 Stellen wegfallen. Davon entfielen nach Vorstellungen des Vorstands jeweils 4000 Stellen auf die Werke Bochum und Rüsselsheim.

Opel beschäftigt in Deutschland an den Standorten Rüsselsheim, Bochum, Eisenach und Kaiserslautern rund 33.000 Mitarbeiter. Die Mutter GM erwirtschaftet in Europa seit Jahren hohe Verluste. Besonders das Bochumer Werk geriet zuletzt in den Fokus.

Zur Zukunft des Bochumer Opel-Werks sagte Forster: "Wir müssen Bochum auf ein wettbewerbsfähiges Kostenniveau bringen - sonst sieht die Zukunft düster aus." Opel zahle in Deutschland übertarifliche Löhne. Angesichts der Konkurrenzsituation in Europa sei dies "unhaltbar".

Die schwedische Opel-Schwester Saab verliert im Zuge der Sanierungsmaßnahmen 500 Stellen. Das sagte Saab-Chef Peter Augustsson am Donnerstag. Die Stellen würden jeweils zur Hälfte in Produktion und Entwicklung wegfallen. Saab beschäftigt am Standort Trollhättan 5600 Mitarbeiter. Vor einem Jahr seien bereits 1400 Jobs gekürzt worden, betonte Augustsson.

Verhandlungen mit dem Betriebsrat

Das Unternehmen will umgehend Verhandlungen mit dem Betriebsrat aufnehmen. "GM Europe hat in den vergangenen drei Jahren große Veränderungen und Umstrukturierungen erlebt", sagte der Europachef Henderson. Diese seien sowohl von Belegschaft und Betriebsrat unterstützt worden. "Wir werden mit Betriebsräten konstruktiv an einer Lösung der jetzigen Aufgabe arbeiten." GM rechnet nach eigenen Angaben mit Abfindungszahlungen in den Jahren 2005 und 2006, deren Höhe und Zeitpunkt vom Ausgang der Verhandlungen mit dem Betriebsrat abhingen.

"Selbstverständlich hat unser Unternehmen weiterhin Wachstumspläne", sagte Henderson. "Auf Grund des fehlenden Branchenwachstums sowie des großen Preis- und Wettbewerbsdrucks können wir aber nicht schnell genug wachsen, um unsere heutige Kostenbasis auszugleichen." Das Programm gehe von einem kontinuierlichen Marktanteilsanstieg aus, jedoch mit "realistischen Ertragsaussichten".

Das Unternehmen betonte, dass die für das nächste Jahr geplanten Produkteinführungen - der Opel Astra GTC, der Kompaktvan Zafira und der Saab 9-3 Sportkombi - qualitativ und zeitlich im Plan lägen. Außerdem geplant seien die Einführung eines neuen Opel "Cross Over"-Freizeitfahrzeugs, des Corsa-Nachfolgers und eines zweisitzigen Roadsters im Jahr 2006.

"Das alte Europa ist nicht Texas"

Der Gesamtbetriebsrat von GM Europe kündigte derweil einen europaweiten Aktionstag für den kommenden Dienstag an. Dabei gehe es nicht nur um Widerstand, sondern auch um Verhandlungen eines Konsolidierungskonzepts, das zukunftsfähig sei, sagte der Generalsekretär des Europäischen Metallgewerkschaftsbundes (EMB), Reinhard Kuhlmann, am Donnerstag in Frankfurt. Das Wort Streik wolle er nicht benutzen.

Die Belegschaften der europäischen Werke ließen sich nicht weiter gegeneinander ausspielen. Den vom GM- Vorstand vorgelegten Kürzungsvorschlag mit dem Abbau von 12.000 Stellen nannte Kuhlmann substanzlos.

Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz aus Rüsselsheim warf GM schwere Managementfehler vor. Durch die Angriffe auf die eigenen Werke sei das Image der Marken Opel, Saab und Vauxhall beschädigt worden. Der "kopflose Aktionismus" diene nur der "Befriedigung der Aktionäre in den USA". GM fehle das Gespür für den europäischen Markt und dessen gewachsene Sozialstrukturen. Der Weg in den Zentralismus habe sich bereits in den 90er Jahren als Fehler erwiesen.

GM-Europe-Sanierer Forster: Unter enormem Preisdruck
REUTERS

GM-Europe-Sanierer Forster: Unter enormem Preisdruck

Die Managementfehler dürften nicht allein auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Den angekündigten Verzicht auf zehn Prozent des Gehaltes in den Führungsetagen nannte Franz nicht ausreichend. Er nannte fünf Forderungen für Verhandlungen: Keine Werkschließung, keine betriebsbedingten Kündigungen, eine tragfähige Zukunftsoption für alle GM-Automarken, eine Verkaufsoffensive und keine Verletzung nationaler Tarifverträge. "Unternehmen lassen sich nicht gesund sparen", sagte Franz. Ein tragfähiges Konzept "ist nur mit und nicht gegen die Beschäftigten zu haben".

IG-Metall-Vize Berthold Huber bescheinigte GM die "übliche Fantasielosigkeit". "Anscheinend ist der Jackpot zurzeit 500 Millionen Euro. Das war bei Mercedes so und jetzt bei Karstadt. Da haben die GM-Manager offensichtlich nur abgeschrieben." Die IG Metall stelle sich an die Seite aller GM-Beschäftigten, sagte Huber und warnte: "Das alte Europa ist nicht Texas."

GM steht in Europa unter Druck

General Motors steht in Europa unter enormem Preisdruck. Vor allem in Deutschland sei der Markt sehr hart, sagte Forster am Donnerstag. Angesichts zunehmender Preisharmonisierung in Europa müssten die deutschen Werke bei den Kosten absolut konkurrenzfähig werden. Deshalb und aufgrund des Verlustes von 161 Millionen Dollar im ersten Halbjahr 2004 müsse GM Europe dringend reagieren. Europa-Chef Henderson räumte Probleme in der Vergangenheit ein. So habe Opel sehr spät auf den Dieselmotor gesetzt, dies sei ein Fehler gewesen.

Nach der Vorstellung der Sanierungspläne von General Motors in Europa wird es an diesem Freitag in Frankfurt zu einem weiteren Krisengespräch mit Spitzenpolitikern kommen. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) habe seine Teilnahme zugesagt, teilte die hessische Landesregierung am Donnerstag mit. An dem Gespräch sollen zudem der hessische Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) und der Opel-Personalvorstand Norbert Küpper teilnehmen.

Auch die Stadt Rüsselsheim fürchtet die Folgen des Kahlschlags. Gegenüber SPIEGEL ONLIE erklärte Oberbürgermeister Stefan Gieltowski: "Angesichts der genannten Planzahl dürfte Rüsselsheim betroffen sein." Gieltowski kündigte als Konsequenz an, die Abhängigkeit der Stadt vom Autobauer Opel langfristig weiter zu reduzieren.



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