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KONKURSE Schöne blaue Augen

Die »mehr Wert«-Pleite wird zur Kriminalstory. Branchenkenner sprechen vom Herstatt-Fall des Handels.
aus DER SPIEGEL 36/1976

Geld habe ich eigentlich schon lange genug«, sinnierte Erich Wolf, Verwaltungsratsvorsitzender der vor vier Wochen zusammengebrochenen Selbstbedienungs-Gruppe SB »mehr Wert« dereinst unter Vertrauten.

Seit vergangener Woche denken Beamte der Lübecker Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Wirtschaftsvergehen über die Herkunft des Wolf-Geldes nach. Denn »mehr Wert« wird, so vermutete Theodor Kehr, für Beteiligungen zuständiger Top-Manager des Hamburger Otto Versands« schon vor Wochen, »zum Herstatt-Fall des Handels«.

Der Schwerpunkt-Staatsanwalt Joachim Böttcher aus Lübeck wird kaum anderes herausfinden. Denn in den Papieren der Firma stimmte nichts. Besonders brisante Unterlagen, erkannte Böttcher, sind gar verschwunden -- so etwa sämtliche Inventurlisten des Jahres 1975. Böttcher: »Das riecht nach Betrug.«

Daß gerade die Inventurlisten weg sind, wundert Branchenprofis nicht. Sie gelten als Schlüssel zur »mehr Wert«-Katastrophe. Die Firma hat nämlich, vermuten Kenner, von Anfang an nie Gewinne gemacht. Irgendwie aber mußte Geld hergezaubert worden sein, denn Firmenchef Wolf bewegte zuletzt 750 Millionen Mark Umsatz und zahlte seinen Kommanditisten verlockende 19 Prozent Rendite.

»Es war natürlich alles ein Schneeball-System«, resümiert Otto-Manager Kehr« der vor dem Zusammenbruch der Wolf-Gruppe mit den Banken um die Übernahme sämtlicher SB »mehr Wert«-Warenhäuser verhandelt hatte. Denn Löcher in den Finanzen stopfte Wolf stets wieder auf dreierlei Art -- mit neuen Kommanditisten« mit neuen Krediten und neuen Bewertungen des Warenbestandes.

Seine Kommanditisten holte sich Wolf im exklusiven Bielefelder Tennisklub »Rot-Weiss«, dem er schon als Schnaps-Manager bei H. C. König in Steinhagen ("Schinkenhäger") angehört hatte. Auch aus den besseren Kreisen des Gotha akquirierte der Handelsmann. So war Jakob Graf zu Eltz in Eltville als Komplementär und Verwaltungsratsstellvertreter gleich dabei. Aristokraten wie seine Tochter Christiane Freifrau von und zu Guttenberg oder Philipp-Ernst Fürst zu Schaumburg-Lippe gaben dem Wolf-Unternehmen daraufhin Hunderttausende.

Am Ende war es eine veritable Liste von hundert Namen. Staunte einer mal über das nebulöse Geschäftsgebaren der Gruppe, gab Graf Eltz Unbedenklichkeitserklärungen ab. Der Graf noch 1975: »Entscheidend ist nicht die einzelne Maßnahme einer Geschäftsführung, sondern deren Gesamtresultat, und das ist aktenkundig und nachweislich positiv.«

Schon damals aber hatte »mehr Wert«-Produzent Wolf seine Methode überzogen, mit Wachstum Geld zu beschaffen, um die Schulden der Vergangenheit zu bezahlen. Das Schneeball-System, es gibt da keine Ausnahmen, funktioniert nur eine begrenzte Zeit.

»mehr Wert«-Chef Wolf hatte sein System 1967 ganz simpel begonnen. Er mietete an aussichtsreichen Einkaufsecken flache Verkaufshallen ("Flachmänner") und füllte sie mit Waren. Lieferanten, die kein Zahlungsziel von vier Monaten akzeptierten, kamen nicht in Frage. So hatte Wolf erst einmal das Nötige beisammen: Geld, Ware und Verkaufsfläche -- alles auf Pump.

Mit dem Gepumpten zog er dann nach gleichem Schema an anderem Ort neue Warenmärkte auf, für die es wieder Kredit und Zahlungsziele gab. Sämtliche Märkte aber stellte Wolf unter eigene Verwaltung. Sodann verbreitete der phantasievolle Manager seine Kreditbasis durch Herumschieben von Warenbeständen.

Als Wolfs Betriebsleiter Karl-Friedrich Lösse vom Mönchengladbacher Markt im Januar 1970 einige Inventurblätter wegen fehlerhaften Ausfüllens für ungültig erklärt hatte, setzte Geschäftsführer Siegfried Kowalski sie in der Zentrale eigenhändig wieder in Kraft. Plötzlich standen die gleichen Waren zweimal zu Buche.

Stand eine der häufigen Zwischen-Inventuren ins Haus, erhielt Lösse ungebeten Warenlieferungen von der Zentrale. Nach der Zählung zogen die Hamburger Inventur-Strategen die Lieferungen alsbald wieder ab und ließen sie in einem anderen Selbstbedienungs-Markt noch mal in den Bestand aufnehmen.

Auf diese Art schoben sich die Luft-Bewertungen in schwindelnde Höhen. Ende 1975 testierten die Wirtschaftsprüfer der Wolf-Gruppe Warenbestände in Höhe von rund 200 Millionen Mark. In Wahrheit aber, so ergaben Nachprüfungen des noch bis Juni 1976 mit »mehr Wert« verbundenen C+C-Chefs Wilhelm Ruckriegel, repräsentierten die Waren nur Werte von allenfalls 70 Millionen Mark.

Selbst diese Zahl aber war noch zu hoch: Wertberichtigungen wegen Überalterung von Lebensmitteln und Veraltung von Mode-Artikeln blieben noch unberücksichtigt. Ergebnis: In der Bilanz 1975 steckten allein 150 Millionen Mark heiße Luft aus falschen Warenbewertungen. Staatsanwalt Böttcher: »Zufälligkeiten in solcher Höhe gibt es nicht.«

Vorsichtige Lieferanten, die sich das. Eigentum an den Waren bis zur Bezahlung vorbehielten, trickste der Konzern durch seine Einkaufsgesellschaft »der neue Ring« aus. Die lieferte -- ohne Eigentumsvorbehalt -- gleich weiter an »mehr Wert": Schon waren die unbezahlten Lieferungen wieder gut für neue Kredite.

Der Ringtausch funktionierte nicht bloß bei den Waren. Auch für Wechsel diente die vermögenslose Firma, die im dritten Stock der Oststeinbeker Zentrale Untermieter war, als zweite Adresse.

Aber bis Ende 1974 machte gar eine so renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft wie die Treuverkehr AG in Frankfurt Wolfs temporeiches Schneeball-System mit. Deshalb behaupten die bei »mehr Wert« engagierten Bankiers heute, bis dahin sei alles in Ordnung gewesen.

Wolf blieb denn auch unverdrossen. Bis in die letzten Wochen hinein warb er neue Kommanditisten. Schwärmte eine Mitarbeiterin: »Er hat die schönsten blauen Augen, die es überhaupt gibt.«

So von der Natur bevorzugt, glaubt Wolf auch sonst mit einem blauen Auge aus der Geschichte herauszukommen. Als Vertraute ihn auf den Bahamas oder gar in Israel wähnten, saß er friedlich im Ahrensburger Heim.

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