Zur Ausgabe
Artikel 35 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MÄRKTE Schöne Hülle

Zur Verblüffung der Branche trat die Braun AG mit einem neuen Taschenrechner an -- obgleich die »dollen Jahre« nach Experten-Meinung vorbei sind.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Die beiden Experten verstanden ihre Rechnerwelt nicht mehr: »Für uns ist das eine Sensation«, gestand Harald Speyer vom deutschen Ableger der US-Firma Hewlett-Packard. Und Kai Nielsen, Produktmanager der deutschen Filiale von Texas Instruments, sah auch nach langem Nachdenken den »Sinn nicht ein«.

Was die beiden verblüffte: Die Braun AG, die sich Ansehen und Einkommen bislang mit modern gestylten Phono-Anlagen, Rasierapparaten und Küchengeräten verdiente, präsentierte unlängst einen neuen Kleinrechner -- obgleich die »dollen Jahre« (Nielsen) der Branche vorbei sind.

»Schon 1978 wird"s flach«, fürchten die Experten von Texas Instruments. Auch Fritz L. Frieauff, Sprecher des Neckermann-Versandhauses, das ebenso wie die Quelle in Fürth die Minirechner aus Japan in Millionenstückzahl über das Land streute, klagt über allzu ruhige Zeiten: »Das Interesse am einfachen Rechner ist erlahmt.«

Zwar wird die Rekordziffer des Jahres 1975, als 6,5 Millionen Taschenrechner auf den Markt kamen, übertroffen werden. Doch schon heute liegen nach einer Schätzung des Bundesverbandes der Büromaschinen-Importunternehmen etwa 1,5 Millionen Taschencomputer auf Halde.

Lediglich kompliziertere und teure Rechner des technisch-wissenschaftlichen Bereichs mit Speichermöglichkeiten und Programmeingabe haben nach Expertenurteil unbezweifelbare Wachstumschancen. Doch bei billigerem Gerät sind die Zukunftschancen bescheiden geworden. Nach einer internen Branchenanalyse verfügt Ende 1976 fast jeder westdeutsche Haushalt über seine eigene Rechenmaschine.

Kein Problem für Brauns Top-Manager Alfred M. Zeien: »Es ist nicht immer richtig, zu früh in den Markt zu gehen.« Weil die Technik des Braun-Rechners komplett von dem japanischen Massenproduzenten Omron stammt, dachten sich die Braun-Designer ein neues Verkaufsargument aus. »Das Rechnen ist wieder etwas sicherer geworden«, versprach die Braun-Werbung. Denn: »Die Knöpfe sind nicht nach innen, sondern nach außen gerundet. Versuche haben uns gezeigt, daß dadurch die Nachbartasten weniger versehentlich mitgedrückt werden.«

Der Rechner mit den runden Knöpfen war den Kronbergern von der amerikanischen Muttergesellschaft Gillette verschrieben worden. Seit nämlich Amerikas Rasierklingen-Multi 1967 die Aktienmehrheit übernahm und die Vorstandsetage neu besetzte, veränderte sich auch die Firmenstrategie gründlich. Das Programm wurde zusammengestrichen, teure Artikel wie die exklusiven Hifi-Geräte zugunsten preiswerter Anlagen vernachlässigt. Um so intensiver mühten sich die Braun-Techniker, Elektrogeräte wie Haartrockner oder Rasierapparat zu forcieren. »Im Bereich von 50 bis 100 Mark«, meint Zeien, »liegen unsere Hauptprodukte.«

Der Rechner, an dem die Konkurrenz allenfalls das Design lobt ("ein primitiver Rechner in schöner Hülle"), soll den neuen Braun-Trend vorantreiben. Denn der Japan-Import verschafft den Deutschen einen vergleichsweise einfachen Einstieg in die sogenannte Chip-Technik. Diese Miniaturbauteile, einst Abfallprodukt der Weltraumforschung, übernahmen inzwischen immer häufiger Steuerfunktionen in fast allen modernen Elektrogeräten.

»Für den Konsumgütersektor die Technologie der nächsten Jahre«, hofft Zeien. Seine Techniker können sich auch eine Chip-bestückte Badezimmerwaage gut vorstellen. Das Gerät wurde beispielsweise das Durchschnittsgewicht der letzten Wochen speichern und einen Brummton von sich geben, wenn dieser Wert überboten wird.

Vorher wollen die Braun-Manager allerdings ihre Chips noch in einem anderen Markt erproben. Noch vor Weihnachten werden sie mit einer Quarz-Armbanduhr auf dem nach Expertenmeinung total überbesetzen Uhrenmarkt antreten.

Trotz einer Vielzahl von Billigstangeboten, trotz überquellender Lager und unerbittlicher Konkurrenz will Zeien nicht verzagen: »Unser Rechner hat abgerundete Tasten, unsere Uhr ist um ein Drittel dünner.«

Zur Ausgabe
Artikel 35 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.