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MANAGER Schöner Wohnen

Der Linde-Konzern wollte eine prächtige Villa für seinen Chef Wolfgang Reitzle kaufen. Ein Fall für den Staatsanwalt? Auf jeden Fall ein Beispiel für die meist geheimen Nebenabsprachen und Vertragsklauseln, die das Leben der Konzernlenker noch ein bisschen angenehmer machen.
aus DER SPIEGEL 28/2007

Die Delpstraße in Münchens feinem Stadtteil Bogenhausen gilt als eine der besten Adressen. Großzügige alte Villen stehen auf weitläufigen Grundstücken, umgeben von altem Baumbestand.

Anwälte, Ärzte und Unternehmer wohnen dort. Und als Linde-Chef Wolfgang Reitzle im vergangenen Jahr nach einer Bleibe für sich und seine Ehefrau Nina Ruge in München suchte, fand er Gefallen an der Villa Delpstraße 6, die der Immobilienunternehmer Christian Krawinkel zum Kauf angeboten hatte.

Es war im August 2006, Reitzle war gerade in die oberste Liga der deutschen Unternehmensführer aufgestiegen. Der ehemalige BMW- und Ford-Manager hatte mit Linde den größeren Rivalen BOC übernommen und galt als einer der bedeutendsten Konzernchefs, gleich nach dem Deutsche-Bank-Boss Josef Ackermann und DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche.

Reitzle wollte die Konzernzentrale Lindes von Wiesbaden nach München verlagern. Und da schien ihm das Anwesen Delpstraße eine angemessene Privatresidenz. Krawinkel sagt, er habe 11 Millionen Euro gefordert. Reitzle sagt, es seien nur 8,5 Millionen gewesen.

Rund um diesen geplanten Hauskauf entwickelte sich dann eine Geschichte, die einen kleinen Einblick gewährt in das, was gemeinhin im Verborgenen bleibt: Nebenabsprachen und Vertragsklauseln, die den Spitzenverdienern der deutschen Wirtschaft das Leben noch angenehmer machen - ohne dass alle Aufsichtsräte oder gar Aktionäre etwas davon erfahren.

Der Linde-Boss muss sich wegen des Projekts Delpstraße 6 jetzt auch gegen den Vorwurf wehren, er habe möglicherweise gegen Paragraf 299 des Strafgesetzbuches verstoßen, der die Bestechung im geschäftlichen Verkehr unter Strafe stellt. Die Staatsanwaltschaft München prüft, ob ein Anfangsverdacht gegen den Vorstandsvorsitzenden von Linde gegeben ist. Reitzle sagt, der Vorwurf sei falsch.

Am 2. August vergangenen Jahres, hatte Reitzle zum ersten Mal die Villa in München besichtigt. Der Linde-Boss erzählte dem Verkäufer Krawinkel, dass nicht er das Haus erwerben werde, sondern die Linde AG. Er habe eine entsprechende Vereinbarung in seinem Vorstandsvertrag stehen. Das sei schon in Wiesbaden so gewesen. Auch dort habe Linde eine Villa für ihn gekauft. Der Immobilienunternehmer staunte.

Reitzle zählt zu den bestverdienenden Managern Deutschlands. Im vergangenen Jahr belegte er mit 7,35 Millionen Euro Platz vier in der Liste der Top-Verdiener. Warum sollte das Unternehmen ihm auch noch die Häuser kaufen?

Lindes Aufsichtsratschef Manfred Schneider sagt, »Vorstandsverträge werden individuell vereinbart und sehen häufig dann eine Zurverfügungstellung von Wohnraum vor«.

Schneider muss es wissen. Der frühere Chef des Chemiekonzerns Bayer sitzt zugleich im Aufsichtsrat von DaimlerChrysler, Metro, TUI und RWE und leitet die Kontrollgremien von Bayer und Linde.

Das Wiesbadener Unternehmen hatte 2002 für seinen Boss bereits eine Villa in der Alwinenstraße erworben, einer der ersten Adressen der hessischen Landeshauptstadt. Schöner Wohnen für den neuen Vorstandschef. Wie viel Geld das Unternehmen für den Kauf ausgegeben hat, gilt als Betriebsgeheimnis. Ortsansässige Makler berichten, es müsse sich um mehrere Millionen Euro gehandelt haben. Immerhin: Bewohner Reitzle zahlte seinem Arbeitgeber anschließend Miete.

Mehrere Aufsichtsräte von Linde sagen, sie wüssten nichts von dieser Nebenabsprache

im Vertrag des Vorstandsvorsitzenden. Das ist so üblich in deutschen Aktiengesellschaften. Allenfalls das Aufsichtsratspräsidium, bei Linde ist es der Ständige Ausschuss des Gremiums, kennt solche für den Konzern recht teuren Klauseln.

Eigentlich sollten Top-Manager solche Regelungen nicht nötig haben. Die Vergütungen der Vorstandschefs bei den Dax-Konzernen stiegen nach einer Untersuchung des »manager magazins« in den letzten vier Jahren um knapp 50 Prozent.

Der besondere Charme vieler Nebenabsprachen aber liegt darin, dass sie, im Gegensatz zu den Jahresbezügen, meist nicht im Geschäftsbericht veröffentlicht werden. Diese Vergünstigungen blühen im Verborgenen. Und davon profitiert auch der einstige Automanager Reitzle.

Als der Manager von Ford zu Linde wechselte, wirkte dies wie ein Abstieg. Er konnte sich fortan nicht mehr um Jaguar und Aston Martin kümmern, sondern um Industriegase und Gabelstapler. Arbeitssitz war nicht mehr London, sondern Wiesbaden. Die Entlohnung, immerhin, blieb auf Spitzenniveau.

Der Manager ließ sich beispielsweise eine Art Bleibeprämie zusichern. Wenn Reitzle das Unternehmen mehrere Jahre steuert, erhält er zusätzlich zu Gehalt, Tantiemen und Aktienoptionen noch Sonderzahlungen von insgesamt mehreren Millionen Euro. Vergütungsexperten nennen dies einen »Long Term Incentive«.

Kurzfristig kaufte Linde erst einmal die Villa in Wiesbaden. Und als sich 2006 der Wechsel nach München ankündigte, ging der Vorstandsvorsitzende ganz selbstverständlich davon aus, dass der Arbeitgeber auch dort eine adäquate Unterkunft für ihn erwerben würde. Das Haus Delpstraße 6 muss Reitzle begeistert haben. Nur sieben Tage nach seiner ersten Besichtigung, am 9. August, schrieb der Linde-Chef auf offiziellem Briefpapier des Unternehmens, er möchte Verkäufer Krawinkel »bestätigen, dass wir interessiert sind, Ihre Villa in der Delpstraße 6 baldmöglichst zu erwerben«.

Allein die Preisforderung erschien dem Linde-Boss etwas hoch: »Unsere Kaufpreisvorstellung beläuft sich auf maximal 7,8 Millionen Euro.«

Verkäufer Krawinkel beteuert in einem Brief an die Staatsanwaltschaft München, der Linde-Boss habe deshalb später eine »Gestaltung« vorgeschlagen. Danach sollte das Haus »optisch« billiger gemacht werden. Reitzle habe vorgeschlagen, dass Krawinkel das Haus für etwa fünf Millionen Euro verkaufen solle und gleichzeitig den Bau der neuen Hauptverwaltung für die Linde AG in München betreuen könne. Aus diesem Auftrag sollte Krawinkel »die Kaufpreisdifferenz zufließen«.

Krawinkels Anwalt Ruhwinkel, der mit Reitzle mehrfach über das Projekt gesprochen hatte, schreibt in einer Aktennotiz: Reitzle habe die Idee entwickelt, Krawinkel für die bauliche Entwicklung der Hauptverwaltung namens der Linde AG einen Auftrag zu erteilen. Dessen Konditionen sollten so gestaltet werden, dass Krawinkel die Differenz zwischen dem Angebotspreis von Reitzle und seiner eigenen Preisvorstellung vereinnahmen könnte.

Im Klartext: Der Linde-Boss wollte, wenn der Vorwurf stimmt, die wahren Kosten des Hauses für sein Unternehmen verschleiern.

Reitzle erklärt dazu: »Es war Herr Krawinkel, der die Idee aufbrachte, den Preis des Wohnhauses dann reduzieren zu wollen, wenn er die Beauftragung für den Bau der Firmenzentrale erhalten würde.« Der Vorstandsvorsitzende von Linde sagt, er habe »dieses Ansinnen als unseriös« empfunden. Manipulationen an einem Kaufpreis habe er »weder vorgeschlagen noch vereinbart«.

Dennoch verwies Reitzle Krawinkel an die Immobilienabteilung von Linde, die dessen Projektangebote prüfte. Der Linde-Chef empfing Krawinkel und dessen

Freundin sogar während seines Urlaubs in der Toskana. Auf seinem Anwesen bei Lucca ließ er sich von dem Immobilienunternehmer Vorschläge für die neue Linde-Hauptverwaltung zeigen.

Aber Reitzle und Linde lehnten die Pläne Krawinkels ab. Und der Konzernchef entschied sich dann auch, dass er privat nicht in dem Haus Delpstraße 6 wohnen wollte. Er zog mit seiner Frau in ein Haus in München, das ihm seit längerem gehört und das zwischenzeitlich vermietet war.

Krawinkel habe sich dann sehr enttäuscht gezeigt, sagt Reitzle. Darin könnte das Motiv dafür liegen, dass der Immobilienunternehmer seine Unterlagen der Staatsanwaltschaft München zusandte. Dort prüft eine Oberstaatsanwältin der Abteilung XII derzeit, ob sich daraus ein Anfangsverdacht gegen den Vorstandsvorsitzenden von Linde ergibt.

Ganz gleich wie die juristische Bewertung ausfällt - die Geschichte um den geplanten Hauskauf trifft Reitzle an einer empfindlichen Stelle. An seiner Leistung als Unternehmensführer bestehen keine Zweifel. Kritik aber zieht der Top-Manager immer wieder durch sein Auftreten auf sich. Das war schon bei BMW so, als der Mann mit dem Menjoubärtchen zweimal kurz davor stand, Unternehmenschef zu werden. Das war auch im Ford-Konzern so, als er ein Buch mit dem Titel »Luxus schafft Wohlstand« verfasste.

Bei Linde ging lange Zeit alles glatt. Dass der einstige Automanager die Gabelstapler oft als »Biester« bezeichnete, wurde ihm verziehen. Denn dem Vorstandschef gelang das Kunststück, aus einem Unternehmen, das als Übernahmekandidat galt, den weltweit führenden Anbieter von Industriegasen zu machen.

Seit Reitzles Dienstantritt hat sich der Börsenwert mehr als verdreifacht. Der Manager ist in der deutschen Industrie hochbegehrt. Ferdinand Piëch wollte ihn im vergangenen Jahr zum VW-Boss machen, als er einen Nachfolger für Bernd Pischetsrieder suchte. Und Reitzle galt auch als Wunschkandidat, als ein neuer Konzernchef für Siemens gesucht wurde.

Beide Angebote lehnte Reitzle ab. Er will zunächst einmal den neuen Linde-Konzern zum Erfolg führen. Erst in einigen Jahren, so Reitzle, werde sich zeigen, ob die Übernahme ein Erfolg war. Doch nun steht er sich mal wieder selbst im Weg.

In den Konzernzentralen von Linde und BOC sind viele Positionen doppelt besetzt. In dem vereinten Konzern muss die Hälfte der rund 500 Führungskräfte um ihren Job bangen. Bitter stieß bei ihnen bereits auf, dass Reitzle sich als neuen Dienstwagen einen Maserati Quattroporte gönnte. Was sollen sie erst davon halten, dass der Konzernchef sich von dem Unternehmen eine Villa für 7,8 Millionen kaufen lassen wollte? DIETMAR HAWRANEK

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