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ENERGIE Schon bald kritisch

Bei Koks ist die Zeit der Halden-Wirtschaft vorüber, weltweit wird der Brennstoff knapp.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Karlheinz Bund, Generaldirektor der seit Jahren mit Bonner Milliardenhilfe gepäppelten Ruhrkohle AG, überraschte seine »treuen Kunden« mit einer ungewöhnlichen Absatzprognose. »Ich hoffe nur«, sorgte sich der Essener Chef-Manager, »daß wir auch weiterhin liefern können.«

Selbst für Branchenkenner kommen die Liefernöte überraschend. Noch im vorigen Jahr hatte der Kohlemonopolist rund ein Drittel seiner Förderung auf Halde liegen. Nun aber muß Bund sich sorgen, schon bald nicht mehr genügend Koks an die Kundschaft ausliefern zu können.

Seit die wieder besser ausgelasteten Stahlschmelzen in Europa und Übersee mehr Eisenerz und Schrott in ihre Ofen schütten, schrumpfen bei der Essener Einheitsgesellschaft die Kokshalden

in nur sechs Monaten von knapp zehn auf 5.7 Millionen Tonnen. Nächstes Jahr schon könnten die Halden ganz verschwunden sein.

Die sich abzeichnende Koksklemme kommt den Stahlkonzernen überaus ungelegen. Erst seit Beginn des Jahres verkaufen die Hüttenwerke nach vier miesen Jahren wieder ordentlich Stahl. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres steigerten die Stahlbetriebe an Rhein und Ruhr ihren Ausstoß um über sieben Prozent.

Ein Koksengpaß würde das Geschäft empfindlich stören. »Die Situation«, sorgt sich Ernst Pieper, Chef des bundeseigenen Stahlkonzerns Salzgitter, »kann schon bald äußerst kritisch werden.«

Für den Koksschwund in Essen und Umgebung sorgen nicht nur die wieder zu Kräften gekommenen deutschen Eisenschmelzen. Ausländische Konkurrenten aus Europa, Japan und den USA bedienten sich in den letzten Wochen an den Halden im Revier. Die fremdländische Kundschaft will mit den Einkäufen verhindern, daß ihre eigenen Kokslager in wenigen Monaten restlos leergefegt sind.

Denn wie hierzulande sorgen sich mittlerweile überall im Westen die Stahlkonzerne um den Brennstoff-Nachschub. Seit nämlich schweres Heizöl ständig teurer und knapper wird, verfeuern die Hütten in zunehmendem Maße Koks.

Auf einen Koksmangel sind die Kohlenmanager überhaupt nicht vorbereitet. Während der Stahlflaute zwischen 1975 und 1978 hatten sie viele ihrer schlecht beschäftigten Kokereien zugemacht. Die Ruhrkohle AG schloß in den letzten Jahren kurzerhand sieben ihrer insgesamt 21 Kokereien, die Jahreskapazität aller bundesdeutschen Kokereien sank von 36 auf 30 Millionen Tonnen.

Um ihre Ofen unter Feuer zu halten, wollen die Stahlmanager jetzt selbst Kokereien bauen. Doch auch dafür gibt es womöglich nicht genügend Nachschub.

Die europäische Wirtschaftsvereinigung der Eisen- und Stahlindustrie warnte kürzlich vor Lieferengpässen für jene Kohle, die sich für die Verarbeitung zu Koks eignet. Bei einem Bedarf in der EG von 90 Millionen Tonnen jährlich sei, so schätzt der Brüsseler Verband, Mitte der 80er Jahre mit einem Defizit von mindestens 20 Millionen Tonnen pro Jahr zu rechnen.

An der Ruhr liegen zwar unter Tage noch stattliche Reserven. Doch die Kohle müßte aus neuen, noch abzuteufenden Gruben geholt werden. Und ehe diese betriebsbereit sind, vergehen mindestens fünf Jahre.

Die Stahlmanager verlangen daher ganz energisch, Bonn solle endlich die Importbeschränkungen für Kohle aufheben. Um die Ruhrkohle mit ihren hohen Preisen vor Konkurrenz zu schützen. läßt Bonn nämlich nur ganz wenig ausländische Kohle ins Land.

Vorerst wollen es die Deutschen der ausländischen Konkurrenz nachmachen, die aus Angst vor einer weltweiten Kohle- und Kokskrise ihre Manager rund um den Globus auf Zechen-Suche schickte.

Insgeheim sehen sich deutsche Industrielle bereits in Australien nach lukrativem Kohlebesitz um. Ausgerechnet der bundeseigene Salzgitter-Konzern möchte sich auf dem fünften Kontinent an einem ergiebigen Tagebaubetrieb beteiligen. Der holländische Hoesch-Partner Hoogovens kaufte bereits vor Wochen einen australischen Pütt.

Auch Ruhrkohle-Chef Bund, für dessen Firma die Importschranken nicht gelten, verhandelt seit einigen Wochen über die Beteiligung an einer Zeche in Australien. Bund: »Die Gespräche sind schon weit fortgeschritten.«

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