Schröder bei den Computer-Indern Hi Potentials!

Der Kanzler balzte in Indien um die Facharbeiter für die deutsche IT-Industrie. Doch für Indiens Computernachwuchs ist Deutschland nur mäßig attraktiv. Dafür hofft Siemens-Chef Pierer in Indien auf das große Geschäft.

Aus Bangalore berichtet


Kanzler Schröder und Siemens-Chef von Pierer in Bangalore: Die sollen fegen, wir erfinden die Besen
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Kanzler Schröder und Siemens-Chef von Pierer in Bangalore: Die sollen fegen, wir erfinden die Besen

"Erfolg ist kein eindeutiges Ziel, sondern eine Reise", steht auf Deutsch in großen Lettern auf dem Plakat. Diese Erkenntnis, die Wipro, eines der größten IT-Unternehmen Indiens in seinen Geschäftsräumen verkündet, gewann auch Gerhard Schröder, als er zum Abschluss seiner Visite auf dem Subkontinent Bangalore, das Silicon Valley Indiens, besuchte.

Gerne sähe er mehr indische IT-Fachkräfte aus dem glitzernden Hightech-Zentrum in der heimischen Wirtschaft. Die rund 2000 "Computer-Inder", die bisher eine Green Card für Deutschland erworben haben, decken längst nicht den Bedarf. Aber noch immer ist es so, dass Inder schon wegen der Sprachbarriere lieber in die USA oder nach Großbritannien ziehen. Zudem ist längst auch in Indien bekannt, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe bei manchem Deutschen auf Ablehnung stoßen.

Also machte sich Schröder auf die Reise für das Ziel: Neue Inder braucht das Land. So parlierte er freundlich über den großen Respekt, den man vor dem Wissen und der Leistung der aufstrebenden indischen IT-Industrie habe. "Man kann viel von ihnen lernen, überall in der Welt", stimmte er einen Sirenen-Gesang an, damit die IT-Flaggschiffe ihren Kurs Richtung Deutschland ändern. Schröder spielte vor der Belegschaft von Wipro bei einer Werksbesichtigung den freundlichen Grüßonkel, der die Talente nach Europa lockt: Hi Potentials!

Doch der Boom in Bangalore ist nicht ohne weiteres auf Deutschland zu übertragen. Die Sieben-Millionen-Stadt lockt mit viermal niedrigeren Personalkosten als in Europa, spottbilligen Büromieten und langjähriger Einkommensteuerfreiheit. Vier Hochschulen am Ort speisen die Firmen mit Nachwuchs. Folgerichtig kommen 85 Prozent der Unternehmen dort aus dem Ausland und nutzen die Standortvorteile.

"Einer muss ja programmieren"

Der mitgereiste Siemens-Chef Heinrich von Pierer ließ dann auch durchblicken, was sich eigentlich hinter dem so genannten Respekt vor der indischen IT-Kunst verbirgt. "Einer muss ja programmieren", sagte er trocken, auch leicht beleidigt, als Schröder zuerst Wipro besichtigte und erst danach Siemens Indien seine Aufwartung machte.

Computer-Arbeiterin in Bangalore: Lieber in die USA
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Computer-Arbeiterin in Bangalore: Lieber in die USA

Pierer gab im Kolonialstil zum Besten: "Die sind hier handwerklich hervorragend. Aber nicht besonders innovationsfreudig." Übersetzt heißt das: Die sollen fegen. Wir erfinden die Besen. Was schon in der "Old Economy" funktionierte mit Arbeitsstätten in der Dritten Welt jenseits jeglicher Tariflöhne, Umwelt- und Arbeitsschutzvorschriften, macht auch vor der New Economy nicht Halt.

Für Pierer ist Indien Absatzmarkt und Arbeitskräftereservoir: "Ein hochinteressanter Markt mit großer Mittelschicht." Auch jenseits von IT. Das Riesenland mit seiner schnell wachsenden Bevölkerung gilt als ein Schlüsselmarkt der Zukunft. "In drei Jahrzehnten spielt die Musik hier", heißt es in Regierungskreisen. Indien muss allein seine Energieproduktion in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Da wäre Pierer gerne mit Wasserkraft im Geschäft und mosert im Hinblick auf Diskussionen deutscher Bedenkenträger über umstrittene Staudammprojekte: "Man sollte in Deutschland nicht jeder Nichtregierungsorganisation hinterherlaufen."

Die kühl kalkulierende Sicht legte er dann ab, als er mit dem Kanzler bei Siemens Bangalore mit jungen indischen Angestellten über schwächelnde Konjunktur und andere Kleinigkeiten diskutierte. Da spielte er den fürsorglichen Global Player, gab seinem Nachwuchs freundlich die Hand und wünschte: "Good luck!" Schröder suchte nach Argumenten auf die Frage, warum ein Inder denn nach Deutschland ziehen sollte. Als originellstes Motiv fiel dem Kanzler noch ein: "Es ist ein wunderschönes Land, das das ein oder andere Problem hat."

Was sich in diesem wunderschönen Land zurzeit alles verändert durch das ein oder andere Problem, auch für Ausländer, wurde indirekt auch während der Siemens-Besichtigung deutlich. In Anwesenheit von Wirtschaftsminister Werner Müller und Innenminister Otto Schily in der ersten Reihe stellte Siemens eine Spracherkennungssoftware vor. Mit einem Trickfilm demonstrierte der Konzern, dass an Hand von Stimmprofilen bei abgehörten Telefonaten jeder Mensch sofort zu identifizieren ist. Den Kanzler amüsierte es: "Hoffentlich kommt der Innenminister jetzt nicht auf neue Ideen", sagte er grinsend. Der nahm am späten Abend den Hinweis beim Feierabend-Bier im Hotel in kleiner Runde auf: "Das speichern wir dann auch noch im Personalausweis." Dann lachte er gluckernd. War doch bloß ein Scherz. Wir sind ja noch auf der Reise, nicht am Ziel.



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