Schulden-Groteske Leo Kirchs großer Medien-Flohmarkt

An allen Ecken des Kirch-Imperiums wird über Notverkäufe gefeilscht. Erstmals ist der Teilverkauf einer Sparte von ProSiebenSat.1 im Gespräch, für Premiere wird offenbar ein Investor gesucht. Kirchs profitabelste TV-Beteiligung geht wohl an Berlusconi & Co. Ein Einzelhändler bringt sich als Kreditgeber ins Spiel, und Kirchs Sorgen werden zur Aschermittwochs-Pointe.

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Karnevals-Pappkamerad Kirch: "Die Bank, die lässt sisch nemmer lumpe"
REUTERS

Karnevals-Pappkamerad Kirch: "Die Bank, die lässt sisch nemmer lumpe"

München - Noch letzte Woche wurde überall in der Republik leise das Totenlied für die KirchGruppe gesummt, nun spielt das Orchester wieder in Dur. Seitdem die HypoVereinsbank beschlossen hat, Kirch seine Springer-Aktien abzukaufen und so in einem Akt bayerischer Solidarität den Finanzkollaps des Medienriesen verzögert, ist die nationale Leo-Solidarität wieder in Mode.

Beim Polit-Aschermittwoch der CSU war der Bayerns Staatskanzleichef Erwin Huber jedenfalls voll des Lobes für die "große unternehmerische Leistung" des Oberfranken, der 10.000 Arbeitsplätze in den Freistaat gebracht habe. Interventionismus wolle man zwar nicht betreiben, so Huber - aber den Australo-Amerikaner Rupert Murdoch könne man wirklich nicht gebrauchen. Und natürlich werde man Kirch mit der vollen Sachkompetenz der bayerischen Regierung beraten, wenn er um Beistand bitte - was er nicht getan habe.

Kanzler Gerhard Schröder, unterwegs in São Paulo, denkt auch dort an Kirchs Schuldenberg und Murdochs mögliche Offensive. Die beste Lösung für die mediale K-Frage sei jene, "die Arbeitsplätze und Inhalte in Deutschland hält". Sollte Eindeutigkeit Schröders Ziel gewesen sein sollte, ging seine Wortmeldung fehl. Die eine Nachrichtenagentur schrieb, Schröder fordere eine nationale Lösung ohne Ausländer. Die andere, Schröder befürworte "mehr Einflussnahme von Murdoch auf Kirch".

Kirch-Gänger Hans Reischl: Einzelhändler, Aufsichtsrat, guter Freund - und zur Not auch Bankier
DPA

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So nimmt der Kirch-Krimi zum Karnevals-Ausklang groteske Züge an. Während in der vergangenen Woche nur im Geheimen debattiert wurde, kommen nun von unvermuteten Stellen mitunter kuriose Wortmeldungen. So von Hans Reischl, dem Chef der Rewe-Konzerns. Er verwaltet neben Märkten wie Penny, Globus und Toom auch einen Sechs-Prozent-Anteil an der KirchMedia - und sitzt dort als Vize-Chef im Aufsichtsrat. Reischl rechnete seine Gruppe öffentlich zu den "Freunden des Hauses Kirch". Explizit wollte er nicht werden - doch er legte nahe, dass nach Investoren für Premiere gesucht werde. Die könnten helfen, Kirchs größten Verlustbringer zu sanieren. Und falls bei Kirch und seinem Vize Dieter Hahn kurzfristig das Bargeld ausginge - dann sei es möglich, dass Rewe helfe und Kreditinstitut spielt.

PR-Getöse und der polternde Murdoch

Dann wäre da noch Moritz Hunzinger, Boss des nach ihm benannten Medien-Dienstleisters. Er hat den Aktienkurs seiner Firma immerhin kurzfristig aufwärts getrieben. Hunzinger berichtet unbescheiden, dass "höchste Herrschaften von Kirch" bei ihm ein- und ausgingen - denn er, Hunzinger, wolle von Kirch gerne die Nachrichtenagentur ddp kaufen. Kirch-Sprecher ruderten zurück und betonten, ddp stünde nicht insgesamt zum Verkauf, man suche nur einen "strategischen Partner".

Kirch-Gänger Moritz Hunzinger: Gesprächspartner "höchster Herrschaften"
DPA

Kirch-Gänger Moritz Hunzinger: Gesprächspartner "höchster Herrschaften"

Selbst wenn Hunzinger ddp komplett übernähme, würde das Kirch kaum helfen. Die Agentur schreibt rote Zahlen und dürfte nur symbolische Summen einbringen. Allerdings: Der Verkauf wäre wieder ein Indiz, wie schlecht es um Kirch steht. Ddp gehört zu ProSiebenSat.1 und galt einst als Baustein der Strategie, die Nachrichten-Glaubwürdigkeit der Kirch-Sender zu erhöhen und den Newskanal N24 aufzubauen.

Bei so viel PR-Getöse geraten die wichtigeren Geschäfte fast in Vergessenheit: Kirch und sein Italo-Pendant Silvio Berlusconi sind sich offenbar fast einig über einen Verkauf, der Kirch bis zu 500 Millionen Euro einbringen könnte. Der Mediaset-Konzern, von Berlusconis Familie geführt, möchte einen Teil von Kirchs 25-Prozent-Anteil am spanischen Sender Telecinco kaufen, die spanische Correo-Gruppe könnte den Rest übernehmen.

Tag für Tag ein exklusives Gerücht

Und angeblich leckt sich die Elite der Bankenwelt die Finger nach Kirchs 40-Prozent-Anteil an Springer. Die Dresdner Bank, DB Investor, JP Morgan Chase und Credit Suisse First Boston lieferten sich ein Bietergefecht um das Aktien-Paket, berichten Zeitungen. Das könnte Kirch ein paar Millionen mehr einbringen, als die 1,1-Milliarden-Offerte der Hypo. Das Geld kann Kirch auch gebrauchen - denn seine Nemesis Rupert Murdoch poltert so drastisch wie nie, er wolle sich die 1,3 Milliarden Euro sichern, die Kirch ihm im Oktober schuldet. Und zwar "mit allen möglichem Mitteln".

Lachender Dritter Berlusconi: Kirch rollt sein internationales Engagement zurück, der Italiener rückt vor
AP

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Während Medien-Freaks kaum ein anderes Thema kennen, ist ein Wettstreit zwischen Finanzblättern und sonstigen Organen ausgebrochen: Jeden jeden Tag warten sie möglichst auf der Titelseite mit Exklusiv-Gerüchten zum Thema Kirch auf. Die Hälfte davon wird prompt dementiert oder zumindest nicht bestätigt. Aber was allzu forsch bestritten wird, stimmt ja vielleicht.

Sicher, verunsicherte Kirch-Mitarbeiter sind zu bedauern. Für alle anderen gilt: Nichts Genaues weiß man nicht, aber amüsant und spannend bleibt die Kirch-Fortsetzungsserie gleichwohl. Am besten getroffen haben es wohl die Texter von kress.de. Das karnevalistische Kirch-Kuddelmuddel inspirierte sie jüngst zu den Zeilen:

"Die Bank, die lässt sisch nemmer lumpe, die will dem Leo nix mehr pumpe! Ober er verkaaft oder doch net - tja, mir wisses selber net. Tätäää."



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