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TOURISMUS Schwarze Tage

Die Reiselust der Deutschen läßt nach; die Veranstalter werben mit Rabatten.
aus DER SPIEGEL 26/1980

Es schien unumstößlich wie ein Naturgesetz. Deutschlands Reiseveranstalter buchten unablässig zweistellige Zuwachsraten, die sommerliche Touristenflut stieg von Jahr zu Jahr.

»Wir haben mehr als bloß sieben fette Jahre gehabt«, schwärmt Rolf Pagnia, Geschäftsführer von Neckermann + Reisen, »diese Branche ist vom Erfolg geradezu verwöhnt worden.«

Jetzt aber brechen magere Jahre an, der nächste Boom fällt aus. Das Reisegewerbe, das im letzten Jahr noch 5,5 Millionen vorfabrizierte Urlaubsfahrten zum Preis von 4,4 Milliarden Mark verkaufen konnte, macht sich auf ein Minus von zehn Prozent gefaßt.

Der Rückschlag trifft die Branche ziemlich unvorbereitet. Noch im Frühjahr wollten die Touristenversender mit einem bescheidenen Zuwachs von nur zehn Prozent »sehr zufrieden« sein (so DER-Chef Hans Glaser); und sie versprachen, sich mit Preiserhöhungen von höchstens 15 Prozent zu begnügen. Sie hatten noch zu hoch gegriffen.

Gerade zu Beginn der Ferienzeit überraschen die Veranstalter ihre Kundschaft mit einer Art Sommerschlußverkauf. Das Gewerbe verhökert die Reisen »zu Schleuderpreisen«, spottete das Fachblatt »touristik aktuell«, wie die »Marktfrau, die fünf vor halb sieben ihre welken Salatköpfe loswerden möchte«.

Sie werben mit »Sonderangeboten« (Tjaereborg), mit »Super-Sonder-Angeboten« (Kaufhof-Reisen) und mit »Super-Preisknüllern« (Hertie); bei Scharnow »kosten Extras nichts extra«.

Hertie zum Beispiel landet auf Gran Canaria und quartiert die Feriengäste 14 Tage lang für 859 Mark in Bungalows ein, 330 Mark unter dem Katalogpreis.

Der Kaufhof schickt die Kunden jetzt zwei Wochen für 829 Mark auf die Baleareninsel Menorca, 350 Mark billiger als ursprünglich ausgedruckt.

Beim Tiefpreisflieger Tjaereborg in Düsseldorf schmolz der Preis für drei Wochen Halbpension auf Ibiza ab Hamburg um über 50 Prozent, von 1569 auf 749 Mark.

Von Kerosin-Zuschlägen, mit denen die Kundschaft noch im vorigen Jahr an den drastischen Verteuerungen bei Flugbenzin beteiligt wurde, ist keine Rede mehr. »Die Preise verstehen sich«, beteuern beispielsweise Kaufhof und Hertie, »einschließlich Treibstoffkosten.«

Einbegriffen in die Schrumpftarife sind auch schon mal ein Ausflug, eine deutsche Tageszeitung, Leihwagen für einen Tag, für Damen ab 16 Jahren pro Woche ein Friseurbesuch und für alle »wöchentlich ein Faßbier-Fest« im heißen Spanien.

Da werde sich der so verwöhnte Tourist nun aber fragen, bekümmerte sich der Branchen-Informationsdienst »TID« angesichts der hemmungslosen Wohltätigkeit: »Was müssen diese Burschen eigentlich verdienen?«

Tatsächlich geht es im Reise-Basar nur noch darum, die Verluste zu mindern -- um jeden Preis. Denn die im Jahr zuvor fest gebuchten Flugzeugsessel und Hotelbetten müssen so oder so voll bezahlt werden, und allzu viele blieben leer.

Die Bundesbürger achten offenbar wieder mehr aufs Geld, seit steigende Energiekosten an den Einkommen des Reisepublikums zehren. Offensichtlich ziehen viele Westdeutsche, wenn sie denn reisen, eine Tour im eigenen Pkw dem teuren Flugurlaub vor. Italien, wohin die Deutschen zumeist selbst steuern, erwartet daher im Gegensatz zu den weiter entfernten Mittelmeer-Anrainern auch 1980 wieder ein leichtes Touristenplus.

In Griechenland, das von den meisten Deutschen per teurer Jet-Reise angesteuert wird, fiel schon die Vorsaison schlecht aus. Zwischen Januar und April zog es 4,3 Prozent weniger Deutsche als im Vorjahr nach Hellas.

Zum erstenmal seit 1974, als die Zypernkrise die Reisenden abhielt, waren im Juni die Hotels auf den sonst so beliebten Inseln Rhodos, Korfu und S.94 Mykonos nur bis zu 50 Prozent belegt. Im Norden sah es noch schlimmer aus: In einem Hotel auf der makedonischen Halbinsel Chalkidike ließen sich Ende Mai 42 Touristen vom 500 Mann starken Personal verwöhnen.

Griechische Hotelunternehmer drohten bereits mit Schließung ihrer Betriebe und verlangen von der Regierung Abhilfe. Einige Rhodos-Hoteliers schlugen dem Erziehungsministerium vor, Schüler während der Sommermonate aufzunehmen, bis die Krise überwunden ist. Die Athener Zeitung »To Vima": »Schwarze Tage für den Tourismus«.

Zur Linderung des Fernwehs leisten inflationäre Preisbewegungen in den Ferienländern einen nicht unerheblichen Beitrag. So gehört das einstige Billigreiseland Spanien, nach einer Analyse der Commerzbank, mittlerweile zur Gruppe jener Ferienländer, in denen man für einen Urlaub mehr als in der Bundesrepublik ausgeben muß.

Nachhaltig trübte sich das schöne Spanien-Bild im letzten Jahr zudem durch allerlei Pannen. In Benidorm wurde das Trinkwasser knapp, in mehreren Touristikzentren legten Kellner und Zimmermädchen die Arbeit nieder, Streikende vertrieben die Gäste aus den Restaurants.

Kein Wunder also, daß die Buchungseingänge bei den Spaniern besonders enttäuschten. Auf 40 Prozent schätzen sie selbst den Besucherrückgang an der Festlandsküste, besonders hart betroffen ist die Costa del Sol mit einem Minus von 50 Prozent.

Tjaereborg-Geschäftsführer Gerhard Bennecke hatte auf dem spanischen Festland schon 42 Prozent weniger Betten als im Vorjahr geordert, dennoch bleiben jetzt mangels Nachfrage Woche für Woche 450 Flugzeugplätze leer. Die jetzt noch besetzten restlichen 1100 entfallen 1981: Tjaereborg gibt die Küste total auf.

»Das ist wie beim Fußball«, meint Bennecke. »Wenn die Absteiger sich in der zweiten Liga bewähren, kann man wieder miteinander reden.«

Für Spanien, »das Flugreiseziel Nummer eins«, gäbe es keine Alternative, hält Kaufhof-Hertie-Sprecher Hans-Jürgen Kaul dagegen. Mit 811 000 Betten stellt Spanien allein mehr Quartiere für Pauschalreisende als sämtliche Mittelmeerländer zusammen.

Verschreckt durch die deutliche Reaktion der Bundesdeutschen, seien die Spanier, meint ein Manager des Touristik-Riesen TUI, bereits »von ihrem Podest herunter« und auf dem Weg der Besserung. Die Hoteliers zum Beispiel, bestätigt Karl Maute für den Branchen-Zweiten Neckermann + Reisen, hätten für 1981 »sehr vernünftige Preisvorstellungen«.

Auch zuvorkommender sollen die Gäste behandelt werden, verspricht das Madrider Touristik-Ministerium. Immerhin bringt der Fremdenverkehr mehr als 40 Prozent der spanischen Devisen ein.

Verbesserungen beim Service scheinen auch unvermeidlich. Kaufhof-Mann Kaul: »Solange der Brandy 20 Pfennig kostete, durfte das Glas ruhig dreckig sein. Für 1,80 Mark aber hat es sauber und der Kellner gefälligst freundlich zu sein.«

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