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UMWELT Schwarze Werft

Der Hamburger Ex-Reeder Ulrich Harms läßt an der Eider ohne behördliche Genehmigung Schiffe bauen. Eine Bürgerinitiative will ihn zwingen, das Projekt einzustellen.
aus DER SPIEGEL 29/1976

Pünktlich um 7 Uhr morgens bricht über die Rendsburger Parksiedlung Obereider die erste Schallwelle herein.

Spezialhämmer und Kräne vom nur 200 Meter entfernten nördlichen Eiderufer tönen den 3000 Siedlern ins Ohr. daß die Schiffswerft des Hamburger Kaufmanns Ulrich Harms wieder voll bei der Sache ist -- obgleich die für Werften obligatorische Genehmigung nie erteilt wurde.

Denn Harms versteht sich auf den Umgang mit Behörden. Um an der Eider Fuß zu fassen, hatte sich der frühere Bergungsreeder bei der schleswigholsteinischen CDU-Regierung mit einem Rettungsmanöver beliebt gemacht, als er im Herbst 1974 für 13,7 Millionen Mark die in Konkurs geratenen Rendsburger Ahlmann-Betriebe kaufte.

Für die Erhaltung von 1400 Arbeitsplätzen waren die Kieler Landesherren dem Hamburger so dankbar, daß sie ihm außer 13 Millionen Mark Landesbürgschaften zahlreiche weitere Vergünstigungen in Aussicht stellten. Harms, der sich nach dem Verkauf seiner Bergungsflotte vor allem maroder Firmen wie Velox oder Pohlschröder angenommen hatte, legte los: Er ließ an der Eider neue Kaianlagen hochziehen und kündigte die Produktion von Bohrinselteilen, Schiffssegmenten und anderen »nur auf dem Wasserwege transportierbaren Stahlkonstruktionen« an.

Die Behörden hatten nichts dagegen, denn der Lärm störte sie wenig. Auch als der Rendsburger Landtagsabgeordnete Otto Bernhardt von der Regierung Auskunft verlangte, was es mit den Aufschüttungsarbeiten in der staatseigenen »Armesünderbucht« auf sich habe, blieben die Kieler wortkarg. Innenminister Titzck: »Es besteht seit kurzem Interesse, die neue Landfläche für wasserorientierten Stahlbau zu nutzen.«

Wenige Monate später konnten die Rendsburger am großen Ahlmann-Kai die ersten Schiffsrümpfe erkennen -und an sich selbst die ersten Folgen. Ein dem Gewerbeaufsichtsamt übermittelter Untersuchungsbericht der »Interessengemeinschaft Parksiedlung Obereider e. V.« registrierte bei vielen Siedlern »starke Kopfschmerzen, Übelkeit und Schlaflosigkeit«. Ein »Einschreiten von Amts wegen« sei deshalb dringend geboten.

Bei einem besonders unangenehmen Lärmüberfall hetzte die streitbare Bürgertruppe dem Konzernchef sogar die Polizei auf den Hals. Vergebens: Wenige Stunden später kam von der zuständigen Revierwache die Meldung, die Firmenleitung könne sich auf »genehmigte Arbeiten durch das Gewerbeaufsichtsamt« berufen.

Als die mißtrauischen Bürger in der Landeshauptstadt nachhakten, erfuhren sie, daß Harms für den Rendsburger Schiffbaubetrieb keine offizielle Genehmigung besaß.

Erst nachdem die Bürgerinitiative schließlich vier Rechtsanwälte aufbot, lenkten die Harms-Manager ein. In einer Vermittlungsverhandlung erklärten sie sich bereit, die Regelarbeitszeit an der Eider auf 7 bis 19 Uhr zu begrenzen, wenn eine Stillegungsverfügung gegen die Werft zunächst einmal »nicht vollzogen« werde.

Das Ergebnis des Lärmhandels wurde in einem 40-Zeilen-Abkommen auch von den Behördenvertretern gebilligt.

Nur die Bürgerinitiative blieb hart. Sie verlangt unnachgiebig, den Schiffbau an der Eider bis Ende Juli einzustellen. Interessengemeinschafts-Vorsitzender Karl-Heinz Mischke: »Offenbar kam es Harms nur darauf an, mit der Werft vollendete Tatsachen zu schaffen.«

Die Tatsache könnte für Harms teuer werden. Dem Kieler Gewerbeaufsichtsamt liegen mehrere Gutachten vor, nach denen die Lärmbelastung in der Parksiedlung die zulässige Schallgrenze (50 Dezibel bei Tage und 35 Dezibel bei Nacht) weit überschreitet. Gewerbeaufsichtsamts-Sprecher Henning Vorbrodt: »Um eine Stillegungsverfügung kommt Harms jetzt nicht mehr herum.«

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