Schwarzer Montag War der französische Amok-Banker schuld am Börsencrash?

Gerüchte, Verdächtigungen, Spekulationen: Hat der Milliardenvernichter Jérôme Kerviel den weltweiten Börsencrash ausgelöst? Einiges spricht dafür - doch Experten sind skeptisch.

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Hamburg - Die Ereignisse liegen verdächtig nah beieinander. Am Wochenende entdeckt die französische Großbank Société Générale, dass ihr 31-jähriger Mitarbeiter Jérôme Kerviel einen Milliardenverlust angehäuft hat. Am Montag stürzen weltweit die Aktienkurse ab, allein die Firmen im deutschen Dax büßen innerhalb weniger Stunden 60 Milliarden Euro an Wert ein. Am Dienstag fallen die Kurse weiter, bis sich die US-Notenbank Fed schließlich genötigt sieht, die Notbremse zu ziehen und die Zinsen massiv zu senken.

Dax-Anzeigetafel am Montag: Die Anleger gerieten in Panik
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Dax-Anzeigetafel am Montag: Die Anleger gerieten in Panik

Wie hängt das alles zusammen? Ist der junge Mann schuld am größten Börsencrash der letzten Jahre? Hat er die angesehene Fed unter ihrem Chef Ben Bernanke zu etwas gezwungen, was diese eigentlich gar nicht tun wollte?

Die Theorie existiert zumindest. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos machen Gerüchte die Runde, wonach die Société Générale der Auslöser für die Turbulenzen dieser Woche gewesen sein soll. Demnach habe die Bank die schlechten Positionen, die sie am Wochenende entdeckt hat, am Montag massenweise auf den Markt geworfen. Frei nach dem Motto: Lieber gleich reinemachen, als später noch größere Verluste zu erleiden.

Bei den verkauften Papieren soll es sich um sogenannte Futures gehandelt haben, also Wetten auf künftige Kursentwicklungen. Möglicherweise waren darunter auch Dax-Futures - was erklären würde, warum der deutsche Leitindex so massiv einbrach. Verstärkend kam hinzu, dass am Montag wegen eines Feiertags in den USA nur wenige potentielle Käufer am Markt waren. Wegen der fallenden Kurse gerieten die Anleger in Panik, verkauften ihrerseits Aktien und lösten damit die Abwärtsspirale aus.

Börsenhändler halten es immerhin für möglich, dass es so gewesen sein könnte. Kerviels Scheingeschäfte hätten zweifellos "die Situation verschlimmert", sagt David Buik vom Investor Cantor Index. Auch Howard Archer von Global Insight geht davon aus, dass die plötzlichen Verluste bei der Société Générale "sehr wohl zu der Unruhe beigetragen haben".

Besonders pikant: Die US-Notenbank hat vor ihrer Zinssenkung am Dienstag nach eigenen Angaben nichts von dem Betrugsfall bei der Société Générale gewusst. Nur die französische Zentralbank wurde schon am Wochenende informiert. Man stehe aber nach wie vor zu der Zinsentscheidung, teilte die Fed heute mit.

"Ich wüsste nicht, wie das gehen soll"

Allerdings: Stand Jérôme Kerviel wirklich am Anfang der Kette? Ist der junge Franzose tatsächlich der einzige Grund für den weltweiten Kurssturz?

Nein, sagen Experten. "Jeder Markt, der bereits nervös ist, reagiert empfindlich", sagt Anthony Scott vom Investor Charles Stanley. Mit anderen Worten: Die Krise hatte sich auch ohne Kerviel schon angedeutet. Seine krummen Geschäfte waren höchstens der Auslöser. Wahrscheinlich aber haben sie den Abwärtstrend nur etwas beschleunigt.

"Ich halte es für völlig abwegig, dass ein einzelner für die Ereignisse der Woche verantwortlich sein soll", sagt Hans-Peter Schwintowski, Bankenexperte an der Humboldt-Uni in Berlin. "Ich wüsste nicht, wie das gehen soll." Der Verlust der Société Générale von knapp fünf Milliarden Euro sei zwar eine stolze Summe. "Die weltweiten Kapitalmärkte lassen sich davon aber nicht beeinflussen."

Schwintowskis Hauptargument: Der Börsencrash am Montag hat in Asien begonnen - und nicht in Paris. Sollten die Händler in Japan und China tatsächlich schon in der Nacht von Sonntag auf Montag gewusst haben, was bei der französischen Großbank vor sicht geht? "Die Finanzmärkte befanden sich ohnehin in einer schwierigen Phase", sagt Schwintowski. "Verluste auf dem US-Immobilienmarkt, Abschreibungen bei Banken - da kam einiges zusammen, auch ohne die Société Générale."

Nicht die entscheidende Rolle

Die gleiche Vermutung äußert ein Analyst einer deutschen Großbank, der nicht genannt werden möchte. "Die Informationslage ist nicht sehr gut. Aber es ist schwer vorstellbar, dass einer allein das alles gemacht haben soll." Nur wenn man die Papiere im Wert von fünf Milliarden Euro auf einen Schlag auf den Markt werfe, und wenn diese Titel allesamt ähnlich seien - zum Beispiel Dax-Titel -, dann könne man etwas bewirken.

Möglich, dass es so gewesen ist. Nur sicher weiß man es nicht. Udo Becker, Händler bei Merck Finck & Co. geht davon aus, dass die Probleme bei der Société Générale an den Börsen "eine Rolle gespielt haben". Immerhin ist am Montag ein extrem großes Handelsvolumen festgestellt worden - gerade in Deutschland. "Ob das aber ausschlaggebend war, ist fraglich."

Andere Faktoren wie die Ängste vor einer US-Rezession oder die Hypothekenkrise hätten einen viel größeren Einfluss auf die Börsenkurse. Natürlich sind diese Argumente seit Wochen bekannt. "Aber die Börse ist nicht immer rational", sagt Becker. "Manchmal reicht ein kleines Anzeichen - und alle stürzen sich darauf."



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