Wohl keine Rezession trotz Corona Schweden hat die Wirtschaft besser geschützt als die Menschen

Kein Lockdown, offene Restaurants, Tausende Tote: Schwedens relativ laxe Corona-Politik hat viele Opfer gefordert. Wirtschaftlich dagegen steht das Land weit besser da als viele europäische Staaten.
Restaurant im schwedischen Gotland

Restaurant im schwedischen Gotland

Foto: Martin von Krogh/ Getty Images

Nie zuvor hat Schwedens Statistikagentur so miserable Wirtschaftszahlen verkündet wie in diesen Tagen. Und nie zuvor haben sich Schwedens Fans derart gefreut.

Um 8,6 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal geschrumpft, haben die Statistiker vermeldet. In normalen Zeiten wäre das ein verheerender Einbruch. In Corona-Zeiten ist Schweden damit ökonomisch fast schon ein Vorzeigestaat - verglichen mit Ländern wie Deutschland (-10,1 Prozent), Frankreich (-13,8 Prozent), Spanien (-18,5 Prozent) oder der EU insgesamt, deren Wirtschaftsleistung im Pandemie-Quartal April bis Juni wohl um fast 12 Prozent abgerauscht ist.

Schon in den ersten drei Monaten dieses Jahres, als es losging mit Corona, hatte Schweden besser abgeschnitten als der Durchschnitt. Und so erwarten führende Ökonomen, dass die Skandinavier das Pandemiejahr 2020 mit einem viel geringeren Minus abschließen werden als die meisten übrigen europäischen Staaten. 

Es ist großer Erfolg - ein zweifelhafter allerdings. Bezogen auf die vielen Covid-19-Toten scheint das Land für seine relativ stabile wirtschaftliche Lage einen hohen Preis zu zahlen.

Wohl noch nie hat die Weltöffentlichkeit so genau das Geschehen im hohen Norden verfolgt wie in diesem Jahr, in dieser Pandemie. Denn da schlug Schweden einen Sonderweg ein. Die Verantwortlichen um den Staatsepidemiologen Anders Tegnell empfahlen den Bürgern lediglich, Abstand zu halten und zu Hause zu bleiben. Sie verhängten aber keine nationalen Ausgangssperren oder Kontaktverbote, ließen Schulen, Restaurants und Geschäfte geöffnet. Bis heute gibt es keine landesweite Maskenpflicht.

Die Folgen dieser Politik scheinen verheerend zu sein: 5766 Covid-19-Tote wurden bislang offiziell registriert. Das ist, gemessen an der Bevölkerungszahl, enorm viel. Schweden hat rund zehn Millionen Einwohner. Pro einer Million Menschen hatte das Land am 12. August 12,3 Prozent mehr Todesfälle als die USA.

Wirtschaftlich sah es anfangs so aus, als würde Schweden trotz seiner laxen Corona-Maßnahmen ein ähnlicher Niedergang bevorstehen wie den übrigen europäischen Staaten. Kritiker werteten das als Bestätigung, dass der schwedische Sonderweg auch konjunkturell ein Holzweg sei. Nun aber verdichten sich die Hinweise, dass das Land wirtschaftlich doch besser dasteht als die meisten anderen Staaten Europas. Auch wegen seiner Corona-Politik.

"Die Restriktionen waren nicht so streng wie anderswo, das erklärt zum Teil die relativ milde Abkühlung der Wirtschaft", sagt Robert Bergqvist, der Chefökonom der SEB Bank, im Gespräch mit dem SPIEGEL. Dies sieht auch Torbjörn Isaaksson so, der Schweden-Analyst des Finanzdienstleisters Nordea: "Viele Geschäfte und Einrichtungen waren nicht wochenlang geschlossen, und die meisten Menschen konnten weiter ihre Arbeit erledigen." So wurde der Motor des Wirtschaftslebens, das tagtägliche Konsumieren und Produzieren, nicht so stark gebremst wie in Staaten mit einem harten Lockdown.

Neben der laxen Corona-Politik erwies sich Schwedens Wirtschaft auch strukturell gut für die Krise gerüstet. Man sei, erstens, nicht so abhängig vom Tourismus wie etwa südeuropäische Länder wie Spanien oder Italien, sagt Bergqvist. Weil viele schwedische Familien den obligatorischen Mittelmeerurlaub in diesem Sommer gestrichen haben, macht die heimische Branche sogar vergleichsweise gute Geschäfte.

Auch die Industriebetriebe haben sich laut Bergqvist "gut geschlagen". Unternehmen wie der Netzwerkausrüster Ericsson, der Autohersteller Volvo oder der Pharmakonzern AstraZeneca - der an einem der aussichtsreichsten Corona-Impfstoffprojekte beteiligt ist - legten in den vergangenen Wochen erstaunlich starke Zahlen vor. Der Leitindex der Stockholmer Börse ist schon fast wieder so hoch wie zu Jahresanfang, als noch niemand eine Pandemie erahnte.

Zugutegekommen ist den Unternehmen die hohe Digitalisierung und die gute IT-Infrastruktur des Landes. Viele Menschen in gut bezahlten Stellen arbeiten ohnehin am Computer, "und sie waren es schon lange gewohnt, auch mal vom Homeoffice aus zu arbeiten", sagt SEB-Ökonom Bergqvist. So sei die wirtschaftliche Aktivität nicht so stark gebremst worden. Und da viele Kinder weiter die Schule oder den Kindergarten besuchen durften, konnten die Eltern daheim recht ungestört weiterarbeiten.

Diejenigen, die zeitweise nichts mehr zu tun hatten, wurden obendrein vom Staat unterstützt: mit einem Kurzarbeitermodell ähnlich wie in Deutschland. "Die Arbeitnehmer haben rund 90 Prozent ihres Einkommens erhalten, und die Regierung hat 70 Prozent der Kosten übernommen", erklärt Nordea-Analyst Isaaksson. Zudem gab es Zuschüsse und Steuererleichterungen für in Not geratene Unternehmen.

Die öffentliche Hand konnte sich diese Subventionen leisten: Vor der Krise lag die Staatsverschuldung nur bei rund 35 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. In manchen südeuropäischen Ländern ist diese Quote drei-, vier- oder fünfmal so hoch.

Zwei Prozent Wachstum möglich

Die wirtschaftlichen Aussichten für das skandinavische Land sind relativ gut. Je zwei Prozent Wachstum sagt die SEB-Bank für das dritte und das vierte Quartal voraus. Sollte diese Prognose zutreffen, könnte Schweden eines der wenigen Länder in Europa werden, die einer Rezession entgehen. Eine Rezession liegt nach einer gängigen Definition dann vor, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge schrumpft.

Für das Gesamtjahr 2020 prognostizieren Bergqvist, Isaaksson und die schwedische Zentralbank einen wirtschaftlichen Rückgang zwischen 3,5 und 4,5 Prozent. Auch hiermit würde ihr Land - verglichen mit vielen anderen europäischen Staaten - noch glimpflich davonkommen.

Allerdings ist die Vorhersage noch wacklig. So exportiert die schwedische Industrie rund drei Viertel ihrer Güter in andere EU-Nationen. "Wenn es ein neues Problem in der europäischen Wirtschaft gibt, wird es auch Folgen für Schweden haben", warnt Berqvist. Und eine mögliche zweite Epidemiewelle ist in den Prognosen der SEB, von Nordea und der Zentralbank nicht berücksichtigt.

Anmerkung: Aufgrund eines Rechenfehlers hieß es zunächst, Schweden habe 40 Prozent mehr Todesfälle pro eine Million Einwohner als die USA. Tatsächlich sind es ca. 12 Prozent mehr. Wir haben die Passage korrigiert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.